Antisemitismustheorien im Vergleich

Cover Salzborn, Antisemitismus - Campus
Cover Salzborn, Antisemitismus - Campus
Rezension zu: Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt am Main 2010.

In der sozialwissenschaftlichen Antisemitismusforschung mangelt es an einer Verbindung theoretischer und empirischer Erkenntnisse. Dieses Defizit versucht der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn aufzuarbeiten, indem er die bedeutendsten psychologischen und soziologischen Antisemitismustheorien miteinander vergleicht, ihre wichtigsten Annahmen mit Hilfe einer Interviewstudie prüft und auf dieser Basis eine politische Theorie des Antisemitismus entwirft.

Überblick über psychologische und soziologische Antisemitismustheorien

Zutreffend verortet Salzborn den Höhepunkt sozialwissenschaftlicher Theoriebildung zum Antisemitismus in den 1940er Jahren und in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Leider übersieht er deshalb wichtige Vorläufer, insbesondere die sozialistischen Stellungnahmen zum Antisemitismus von Karl Marx bis August Bebel. Ebenso fehlt Emile Durkheims Anomie-Theorie, auf die Talcott Parsons zurückgegriffen hat, wie auch der gruppensoziologische Ansatz Fritz Bernsteins, in dem Sartres These vom „Juden“ als projektive Erfindung des Antisemiten bereits ausformuliert ist. Sieht man von der Auslassung der Vorläufer ab, ist der Überblick über die bedeutendsten psychologischen und soziologischen Antisemitismustheorien aber zuverlässig und verdienstvoll.

Salzborns Darstellung der einzelnen Theorien ist souverän, wobei seine persönliche Vorliebe für individual- und sozialpsychologische Ansätze und die „Kritische Theorie“ deutlich wird. Unter den psychoanalytischen „Klassikern“ wird lediglich das Spätwerk Béla Grunbergers, das von Der Antisemit und der Ödipuskomplex (1962) deutlich abweicht, von Salzborn zu wenig berücksichtigt. Aufgrund der zunehmenden Historisierung der Antisemitismusforschung seit den 1960er Jahren existieren kaum nennenswerte Theorieentwürfe aus jüngerer Zeit. Möglicherweise hat der Autor deshalb Shulamit Volkovs These vom Antisemitismus als „kulturellen Code“ in den Rang einer Antisemitismustheorie erhoben, obwohl sie aus einer geschichtswissenschaftlichen Studie stammt.

Inkonsequenterweise verreißt Salzborn (mit guten Argumenten) Zygmunt Baumans provokante Thesen aus Modernity and the Holocaust (1989) und verweigert ihnen sogar die empirische Überprüfung. Gleichzeitig preist er aber die Studie von Klaus Holz über den „nationalen Antisemitismus“, obwohl Holz nichts anderes geliefert hat, als eine diskursanalytische Operationalisierung von Baumans Ansatz. Aus der Perspektive des Historikers ist es außerdem unerklärlich, warum Salzborn Holz’ Studie für "empirisch gesättigt" hält (S. 182). Wenn sechs Quellen aus zwei Jahrhunderten für ein solches Urteil ausreichen, ahnt man, wie es um die empirische Grundlage sozialwissenschaftlicher Theoriebildung bestellt ist.

Zusammenführung von Theorie und Empirie?

Daran wird wohl auch Salzborns Studie, trotz verdienstvoller Bemühungen, nichts ändern. Der Autor hat eine Stichprobe aus dem GMF (Gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit) Survey von 2005 gezogen und sieben so genannte Tiefeninterviews mit Probanden führen lassen, die hohe Werte im Bereich des Schuldabwehrantisemitismus aufwiesen. Mit Tiefeninterviews kann man jedoch nur die individualpsychologischen Theorien empirisch überprüfen, was dem Autor auch in der Tat gelingt.

Die Größe der Stichprobe lässt keine verlässlichen Aussagen über die Stimmigkeit sozialpsychologischer und gesellschaftstheoretischer Ansätze zu. Für krisentheoretische (Parsons) und historische (Arendt, Volkov) Ansätze ist das Setting grundsätzlich unbrauchbar. Möglicherweise greift Salzborn deshalb in seinem Schlusskapitel gar nicht auf das empirische Material zurück, sondern versucht schlicht eine Synthese der von ihm dargelegten Theorieentwürfe. Das wird seinem eigenen Anspruch, Theorie und Empirie in einer politischen Theorie des Antisemitismus zusammen zu führen, nicht gerecht.

Die historische Dimension des Antisemitismus

Zur mangelnden empirischen Fundierung von Antisemitismustheorien tritt eine unzureichende Berücksichtigung der historischen Dimension des Antisemitismus hinzu. Bei den Theorien von Bauman und Holz fällt Salzborn dieses Defizit auf. Gegen die Annahme einer notwenigen Synthese von Antisemitismus und Nationalismus setzt er die Beobachtung, dass es Antisemitismus auch in nichtnationalen Organisationen, wie zum Beispiel der katholischen Kirche, gab (S. 190). Ähnliche geschichtliche Defizite hätten ihm aber auch in allen anderen Antisemitismustheorien auffallen können.

Die „Kritische Theorie“ verortet Antisemitismus im Kontext der bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Wie ist dann aber die Tatsache zu beurteilen, dass es Antisemitismus auch in kommunistischen Ländern gab? Unter Berufung auf Sartre verwirft Salzborn die korrespondenztheoretische Annahme des Antisemitismus als Ergebnis eines ethnischen Realkonflikts zwischen Juden und Nichtjuden. Was den NS-Antisemitismus und den sekundären Antisemitismus betrifft, liegt er damit richtig. In Bezug auf das 19. Jahrhundert geht die These vom „Antisemitismus ohne Juden“ aber komplett an der historischen Wirklichkeit vorbei, weil sie die Konflikte um die Judenemanzipation und den sozialen Aufstieg der Juden ins Bürgertum nicht erfassen kann. Hier ist Hannah Arendts Forderung, die jüdische Geschichte nicht aus der Antisemitismusforschung heraus zu subtrahieren, vollauf berechtigt.

Psychoanalytische Theorien in der Nachfolge Sigmund Freuds betrachten den religiösen Gegensatz von Christen und Juden als Urquelle des Antisemitismus, aus der sie individual- und sozialpsychologische Annahmen über ödipale oder narzisstische Störungen ableiten. Wie kann man mit dieser Methodik den aktuellen islamistischen Antisemitismus, der den von Salzborn bemühten Psychoanalytikern noch vollkommen unbekannt war, sinnvoll analysieren? Angesichts der zahlreichen historischen Leerstellen der psychologischen und soziologischen Antisemitismustheorien kann es nicht verwundern, dass die Geschichtswissenschaft zur Leitdisziplin der Antisemitismusforschung aufgerückt ist. Und das ist gut so.

Quelle: Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt am Main 2010. ISBN 9783593391878

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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