
- Antizyklische Kommunikation als Führungsinstrument - Frederik Weitz
Eigentlich stammt der Begriff des antizyklischen Verhaltens aus der Ökonomie. Dieses bezeichnet ein Verhalten, das dem Markttrend widerspricht. Da der Markttrend ebenfalls in Zyklen verläuft, ist ein antizyklisches Verhalten in der Gegenwart ein mögliches zyklisches Verhalten in der Zukunft. Darauf baut die Strategie des antizyklischen Verhaltens auf.
Vorteile und Probleme der antizyklischen Kommunikation
Bei der antizyklischen Kommunikation allerdings geht es um etwas anderes: Zwar widersetzt auch sie sich dem aktuellen, im Gespräch vorherrschenden Zyklus, doch ist hier der wesentliche Effekt, mit einer vorherrschenden Stimmung oder einem vorherrschenden Thema zu brechen. Antizyklische Kommunikation ist eine Strategie, um (schwierige) Dialoge zu lenken.
Der Kommunikationsberater Marcus Knill gibt hier einige unsystematische Beispiele. So schreibt er, dass ein Chirurg im Operationssaal trotz Zeitdruck und Hektik Ruhe bewahrt. Diese Ruhe ist natürlich wichtig, damit er keinen Tunnelblick bekommt. Und seinen Mitarbeitern ist er damit Vorbild.
Vorsichtiger sollte man mit der Empfehlung umgehen, einen überfreundlichen Gesprächspartner mit einer rauen Kommunikation zu attackieren. Es mag zwar sein, dass diese süßliche Verhaltensweise auf Falschheit oder Kriechertum oder was auch immer hinweist, doch ist ein aggressiver Gegendruck nicht automatisch eine Lösung dieses Problems. Trotzdem kann dies dann sinnvoll sein, wenn man jemanden aus der Reserve locken möchte.
Auf andere Emotionen ausweichen
Grundsätzlich kann man aber eine Empfehlung aussprechen: Weichen Sie bewusst auf andere Emotionen aus, wenn Ihnen die aktuelle Stimmung im Gespräch nicht gefällt. Hierzu kann man zwei weitere Regeln anhand des Emotionsmodells von Plutchik formulieren: Plutchik setzt bestimmte basale Emotionen als Nachbarn. So sind etwa die Nachbarn des Gefühls "Erwartung" die Freude und der Ärger. Der Ärger hat neben der Erwartung als weiteren Nachbarn den Ekel und die Freude wiederum das Vertrauen. Wollen Sie einen Kommunikationszyklus unterbrechen, weichen Sie günstigerweise auf die nächsten oder übernächsten Nachbarn aus.
Die zweite Empfehlung lautet: Dämpfen Sie die Emotion. Jedes Gefühl kann, laut Plutchik, in verschiedenen Intensitätsgraden vorliegen. Ist Ihr Gesprächspartner gerade in einer selbstverliebten Hochstimmung, können sie auf die Emotion der Furcht ausweichen, allerdings nicht in ihrer starken, sondern eher in der schwachen Form, als Beunruhigung. Dadurch bringen Sie Ihren Gesprächspartner oft dazu, mit Ihnen zu argumentieren, Ihnen die Beunruhigung auszureden. Doch Vorsicht! Jeder Mensch reagiert anders. Es gibt zwar übliche Reaktionsmuster, aber üblich heißt nur, dass sie statistisch gesehen besonders häufig vorkommen, nicht, dass ein einzelner Mensch auf übliche Weise reagiert. Hier ist Sensibilität gefragt!
Antizyklisches Verhalten mit gegensätzlichem Emotionen
In dem Emotionsmodell von Plutchik besitzt jede basale Emotion einen Gegenspieler. So stehen sich Ärger und Furcht gegenüber. Erfahrungsgemäß kippen diese beiden Emotionen aber auch rasch in ihr Gegenteil. Mit ein Grund dafür ist, dass eine gegenteilige Emotion häufig zur Abwehr oder zum Überspielen genutzt wird. Dies kann man in der Kommunikation nutzen.
Indem man hier den komplett anderen Affekt thematisiert oder zeigt, kann man diesen Aspekt zurück ins Gespräch holen. Er wird nicht mehr beiseite geschoben. Doch auch hier sollte man vorsichtig sein. Gerade bei gegenteiligen Emotionen gilt es, diese auf einem wenig intensiven Niveau einzuführen. Ist der Gesprächspartner in Panik, etwa vor einer Prüfung, kann man den Ärger, den eine solche Prüfung verursacht, ins Spiel bringen. Es ist allerdings wenig hilfreich, wenn man hier mit Zorn (auf die Prüfung) reagiert. Sinnvoller ist eine leichte Verärgerung.
Vorsichtig mit solchen antagonistischen Gefühlen sollte man auch deshalb sein, da diese zu einer Rollenaufteilung führen können: der eine ist immer furchtsam, der andere immer verärgert. Gerade in längerfristigen Beziehungen, sei es privater, sei es beruflicher Art, ist die Vielfalt und die vielfältige Intensität der Emotionen auf beiden Seiten wichtig.
Themen unterbrechen
Emotionen sind eng mit bestimmten Themen verflochten. Nicht immer kann man durch eine emotionale Umbewertung einen neuen Blick auf ein Thema erreichen. Dann ist es sinnvoll, entweder zu Nebenaspekten eines Themas auszuweichen oder mit diesem gänzlich zu brechen. Das Ausweichen auf Nebenaspekte soll natürlich von dem emotionalen Fokus ablenken. Auch diese Kommunikation ist antizyklisch. Ärgert sich ein Kunde über ein bestimmtes Produkt, kann der Kundenberater auf das Erfragen von Eckdaten (wann wurde das Produkt gekauft?, wie wurde es benutzt?) übergehen. Ebenso kann man zwei sich streitende Kinder durch das Sich-schildern-Lassen, was vor diesem Streit passiert ist, aus der angespannten Situation herausholen.
Themen kann man auf vielerlei Weisen unterbrechen. Es gibt Situationen, in denen Provokationen hilfreich sein können. So kann man manchmal jammernde Menschen durch ein herausforderndes Umschwenken auf ein völlig banales Thema so in Verwunderung versetzen (was passiert jetzt?), dass diese aus seiner Stimmung herausgerissen werden. Allerdings sollte man mit solchen Provokationen besonders vorsichtig sein. Sie können schnell persönlich genommen und nicht als Hilfe verstanden werden. Zu der Möglichkeit, ein Thema zu unterbrechen, gehört auch die Ironie. Auch für die Ironie gilt, diese vorsichtig und sparsam einzusetzen.
Eine Übung zur antizyklischen Kommunikation
Ein Wort zuvor: Übungen fördern die Wahrscheinlichkeit, dass man ein bestimmtes Verhalten zeigt. Es gibt aber weder eine Garantie dafür, dass man sich jetzt immer so verhalten kann, noch dass dieses Verhalten immer günstige Effekte hat. Die Psychologie vom Kompetenzaufbau behauptet eigentlich nur, dass mehr Verhaltensmöglichkeiten günstiger sind als weniger. Und dafür übt man.
Üben Sie Sätze oder Passagen, etwa Kernaussagen einer Präsentation, mit verschiedenen emotionalen Färbungen in der Stimme und möglichst auch mit der entsprechenden Mimik. Nutzen Sie dazu einen Spiegel und übertreiben Sie ruhig beim Üben. Damit trainieren Sie übrigens nicht nur Ihre Fähigkeit, verschiedene Emotionen bewusster aktivieren zu können, sondern Sie merken sich auch die Inhalte besser. Eine der Faustregeln guten Lernens ist nämlich, zu einem zu lernenden Thema alle möglichen Emotionen durchzuspielen. Dadurch ergibt sich eine bessere Vernetzung der Inhalte. Eine bessere Vernetzung bedeutet ein gefestigteres Wissen.
Eine Gruppenübung
Kennen Sie das Spiel "Frau Gräfin, die Pferde sind gesattelt"? Bei dieser Übung aus dem Bereich der Theaterpädagogik stehen die Teilnehmer um einen leeren Stuhl herum (in entsprechendem Abstand). Nun gehen die Teilnehmer der Reihe nach auf den Stuhl zu und sprechen den Satz "Frau Gräfin, die Pferde sind gesattelt." Dabei sollen möglichst viele Ausdrucksweisen ausprobiert werden.
Diese Übung lässt sich leicht auf das Training antizyklischen Verhaltens abwandeln. Statt dass jeder Teilnehmer sich einfach nur ausprobiert, einigt man sich zu Beginn auf ein bestimmtes Gefühl und jeder Teilnehmer spricht den Satz mit dem festgelegten Gefühl. Nach einem Durchlauf wählt man dann ein anderes Gefühl aus. Bei dieser Übung ist es sinnvoll, zunächst mit sozial akzeptierten Gefühlen anzufangen, etwa mit der Freude oder dem Vertrauen. Wichtig an dieser Übung ist auch, die "Leistung" eines Teilnehmers nicht zu werten. Erstens gibt es viele Möglichkeiten, Emotionen auszudrücken, und jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens seine eigene Art entwickelt; zweitens werden bestimmte Gefühle, großer Ärger, Panik oder Trauer, in unserer Gesellschaft sanktioniert. Dann besteht wenig Erfahrung im Ausdrücken-Können dieser Gefühle. Das sollte akzeptiert werden.
Vertiefende Links
Die acht elementaren Gefühle nach Plutchik
Emotionale Kompetenz – die Gefühle und ihre Verbindung zum Denken
