"Anton Chigurgh" in No Country for Old Men

Der Killer des McCarthy-Roman "No Country for old Men"

Kein Land für alte Männer, wenn Chigurgh auftaucht - http://www.rowohlt.de/buch/Cormac_McCarthy_Kein_La
Kein Land für alte Männer, wenn Chigurgh auftaucht - http://www.rowohlt.de/buch/Cormac_McCarthy_Kein_La
Autor Cormac McCarthy schuf mit dem Charakter des Anton Chigurgh eine besondere literarische Figur des personifizierten Bösen, die eine tiefe Symbolik beinhaltet.

Als Cormac McCarthys Roman "No Country for Old Men" 2005 veröffentlicht wurde, schrie das Buch nahezu nach einer Verfilmung. Über weiter Strecken des Neo-Westerns findet man einen Aufbau ähnlich eines Filmskripts vor, das von den Coen-Brüdern in der Oscar-prämierten Verfilmung auch fast punktgenau umgesetzt wurde. Dennoch gab es dabei einen Stolperstein: der Charakter des Anton Chigurgh.

Anton Chigurgh ist im Roman der Auftragskiller, der von den Drogenkartellbossen eingesetzt wird, das verschwundene Geld nach einer fehlgeschlagenen Übergabe in der texanischen Würste wieder zu beschaffen. Der Erzähler eröffnet im Roman die Darstellung des Charakters über den brutalen Strangulierungsmord an einem Deputy. Doch auch wenn diese kurze Charakterisierung simpel anmuted, steckt doch viel mehr symbolische Tiefe in Chigurgh.

Das Bolzenschussgerät

Chigurgh benutzt zur Liquidierung seiner menschlichen Ziele ein Bolzenschussgerät für Tiere. Dies mutet zunächst grotesk an und beinhaltet doch einen bestimmten Sinn. Durch die Verwendung dieser Spezialwaffe, muss Chigurgh möglichst nahe an seine Opfer herantreten. Die Waffe bricht somit die Distanz der Opfer zum Bösen und eröffnet eine unmittelbare Nähe zur Gewalt.

Desweiteren beschreibt der Erzähler den Klang der 'Cattlegun' als würde eine Tür schließen. Der eigentlichen Geschichte vorweg steht eine Schilderung des alternden Sheriff Bell an, der über die texanische Todesstrafe in der Gaskammer spricht. Texas führt die Todesstrafe allerdings durch die Giftspritze aus. Mit der bewusst falschen Verwendung der Gaskammer baut McCarthy hier eine Brücke zum Bolzenschussgerät Chigurghs.

Die Waffenwahl stellt daher keinen praktischen Grund dar, sondern gilt vielmehr der Darstellung der Opfer als Vieh. Damit wird ihnen jegliche Menschlichkeit und Darseinsberechtigung genommen.

Der Münzwurf

Chigurgh überlässt in zwei Fällen seinen Opfern die Möglichkeit, ihre Haut durch einen Münzwurf zu retten. Der Tankstellenbesitzer gewinnt den Wurf und somit sein Leben. Carla-Jean, Llewelyn Moss' Lebensgefährtin, verliert ihn. Auf der einen Seite symbolisiert der Münzwurf nun die wahllose Gewalt, mit der Chigurgh sich wie eine Frese durch das Land schneidet. Carla-Jean verurteilt ihn aus diesem Grund nach ihrem verlorenen Münzwurf, da es letztlich seine Wahl bleibe, ob er sie verschone oder nicht. Die Theorie, die dem gegenüber steht ist, dass Chigurgh denselben Weg wie die Münze kam. Damit ist Chigurgh, der die Gewalt symbolisiert, genauso wie die Münze, ein Produkt des Landes. Der mächtige amerikanische Dollar ist somit das Produkt eines gewaltsamen Landes.

Die Omnipräsenz Chigurghs

Wenn Chigurgh nun also stellvertretend die unkontrollierbare Gewalt eines Staates verkörpert, erklärt dies, warum er innerhalb des Romans eine gottähnliche Omnipräsenz einnimmt. Llewelyn Moss kann nicht vor ihm fliehen und stirbt vor den Augen des Leser über gute zwei Drittel des Romans. Chigurgh lässt sich somit eher als Präsenz und nicht als Person verstehen. Diese Präsenz (der Gewalt) war in diesem Land immer da und wird nicht verschwinden. Chigurgh hängt somit wie ein Schatten über den Kapiteln, in denen er nicht zugegen ist.

Chigurgh als unmenschlicher Cyborg

Anton Chigurghs Aussehen wird als "faintly exotic" beschrieben. Es bleibt unklar, woher er kommt und gerade das unterstreicht die oben aufgeführten Punkte. Die Figur erscheint daher als inhumaner Cyborg, besonders dann, wenn die Cattlegun über seine Schulter gehängt ist. Chigurgh lässt sich weder von Verletzungen, noch von Unfällen aufhalten. Wie ein Automat bleibt er unaufhaltsam zur Erledigung seines Auftrags in Bewegung.

Der Name

Chigurghs Name stellt ein kryptisches Element in der Darstellung des Charakters dar. Zweifelsohne deutet seine Name daraufhin, dass er kein Amerikaner ist. Wenn Chigurgh und Moss das erste Mal über ein Telefon Kontakt zueinander aufnehmen, dient der Name zu einem bizarrem Witz. Moss versteht am Hörer 'sugar' (Zucker). Durch dieses absichtlich eingebaute Missverständnis wird der groteske Humor dieser Szene mit der allgemeinen brutalen Realität der dargestellten Welt konfrontiert.

Zusammenfassend lässt sich Chigurgh als nicht greifbare Instanz verstehen. Er symbolisiert eine neue Welt, die Sheriff Bell vergeblich zu kontrollieren versucht. Auch Llewelyn Moss kann vom ersten Moment Chigurgh nicht entkommen und über weite Längen des Buches als Beute gehetzt wird. Wie die Gewalt, das Verbrechen oder die Drogen ist Anton Chigurgh eine abstrakte destruktive Macht, die unantastbar ist und sich in die Vereinigten Staaten von Amerika geschlichen hat.

Genaure Details hierzu finden sich unter anderem in:

Madsen, Michael: From the Outer Dark to Mainstream: Cormac McCarthy, No Country for Old Men and The Road. Pre-Publications of the English Department of Odense University, Odense, 2008.

und

Woods, James: Red Planet - The sanuinary sublme of Cormac McCarthy. erschienen in The New Yorker, Ausgabe vom 25.07.2005.

"No Country for Old Men" ist im Deutschen erschienen als "Kein Land für alte Männer":

Cormac McCarthy: Kein Land für alte Männer. Rowohlt 2008. Hardcover, 288 Seiten. Euro 19,95.