
- Antonia Michaelis - Drachen der Finsternis Buchcov - Fischer Verlage
Wer das Hardcover von 2008 nicht kennt, sollte jetzt zugreifen. Antonia Michaelis ist eine junge Autorin mit einer beachtlichen Schreibbilanz. Ihr soziales Engagement und ihre Reiseerlebnisse schlagen sich in „Drachen der Finsternis“ nieder. Das Fantasybuch vermischt auf geschickte Weise die politische Realität Nepals mit magischen Momenten.
Drachen der Finsternis: Der unsichtbare Prinz und der unscheinbare Bruder
Christophers großer Bruder Arne ist in Nepal entführt worden. Auf wundersame Weise findet sich Christopher ebenfalls dort. Er freundet sich mit dem unsichtbaren Thronfolger Jumar an, der endlich sichtbar werden will, um sein Land vor einem Putsch zu retten. Zusammen machen sie sich auf die Suche nach Arne. Dabei entdecken sie Drachen, die Farben fressen und Menschen in Statuen verwandeln, sie treffen auf Militärs und Kommunisten und verlieben sich beide in die Rebellin Niya. Jumar und Christopher haben keine Ahnung, wie hart der Weg wird, den sie zur Erreichung ihrer Ziele gehen müssen.
Drachen der Finsternis: Traditionelle asiatische Mythen, Fantasy und Realismus
Der Titel führt ein bisschen auf die falsche Fährte, denn es gibt zwar Drachen in Antonia Michaelis Buch, aber es handelt sich nicht um einen der üblichen Drachen-Fantasy-Märchen. Vielmehr ist „Drachen der Finsternis“ ein originärer Mix aus Real- und Fantasygeschichte, der aus der Masse der positiv heraussticht. Nepals Mythen werden ebenso in Michaelis Buch verarbeitet wie seine politische Geschichte. Die traditionellen Motive wie Drachen, Mönche, Prinzen und Magie sind auch Elemente der westlichen Fantasy und werden von der Autorin geschickt adaptiert zu einer modernen, fantasievollen und spannenden Geschichte. Es geht um Selbstfindung, Selbstverantwortung und Kritikfähigkeit. Die beiden Helden, zwei 14 Jährige aus zwei verschiedenen Welten, müssen erwachsen werden, „sichtbar werden“ und das findet realistisch brutal statt. In „Drachen der Finsternis“ kommen auch Gewalt und Sex vor, ohne dass sie explizit beschrieben werden.
Drachen der Finsternis: Allegorien und Landeskunde
Michaelis findet schöne Bilder: der unbeachtete, unsichtbare Junge, der erst sichtbar wird, indem er seiner selbst und seiner Mitmenschen bewusst wird. Die ewig schlafende, weltfremde Königin, die Drachen, die Farben fressen und ein graues Land ohne Substanz, Lebendigkeit und Freude zurücklassen. Und dazu erzählt sie viele kleine Märchen, die für den Verlauf der Geschichte Bedeutung haben. So lernt der Leser mit dem deutschen Jungen, die Mentalität und die Eigendynamik der Lebensumstände im fernen Nepal kennen und verstehen und bekommt nebenbei eine kleine Landeskunde Nepals dazu.
Drachen der Finsternis: Eine große Portion harter Realismus
Auf der Realebene erzählt sie die aktuelle politische Geschichte Nepals und kleidet sie mit künstlerischer Freiheit in ein fantastisches Gewand. Durch ihre Reisen kennt sie die Landschaft und beschreibt sie stimmungsvoll. Noch mehr Wert legt sie aber auf die Menschen und ihre Lebenssituation. Die Armut der Bevölkerung, der politische Terror der Regierungssoldaten und kommunistischen Rebellen, der Aberglaube – das alles bestimmt den Alltag. Es gibt Kindersoldaten, entführte Touristen, Folter und Morde, politische Ränke.
Drachen der Finsternis: Erwachsenwerden als Abenteuerreise
Die Autorin entwickelt mit ihren Hauptfiguren komplexe Charaktere, mit Fehlern und Eigenarten, die sich entwickeln und an ihren Aufgaben wachsen. Christopher hat sich bisher unterschätzt, weil er sich immer mit seinem idealisierten Bruder Arne vergleicht. Er muss viele Mutproben überstehen und entdeckt am Ende, dass er selbst ein Held ist und nicht nur der kleine Bruder. Jumar sehnt sich nach Anerkennung, er hat alles ungefragt hingenommen. Jetzt ist er gezwungen, sich auf andere zu verlassen, zu hinterfragen, Verantwortung zu übernehmen. Dadurch wird er sichtbar für andere. Einfach macht Michaelis es ihren Helden nicht. Auf ihrer Reise müssen sie viele Abenteuer und Gefahren überstehen, manchmal machen sie dabei Fehler und böse Erfahrungen. Nicht alles geht gut aus, aber trotzdem gibt es ein versöhnliches Ende.
Antonia Michaelis: Vielversprechende Autorin mit eigenem Stil
„Drachen der Finsternis“ hat ein bisschen was von den Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz", Cornelia Funkes "Tintenherz" und Michael Endes "Momo", aber in erster Linie viel Michaelis; Viel Realismus, viel Abenteuer, glaubhafte, sympathische Charaktere, Spannung, einen feinen Humor und eine Prise Poesie. Es vermeidet größtenteils Klischees, ist spannend und kritisch und überrascht mit originellen Wendungen und Ideen. Michaelis „Drachen der Finsternis“ erfordert vom Leser Konzentration, es gibt viele Personen und Geschichten. Der realistische Hintergrund verschont den Leser nicht und spricht auch harte Themen an. Deshalb eignet sich eher für ältere Jugendliche. Alles in allem ist Antonia Michaelis eine vielversprechende Autorin, die man im Auge behalten sollte.
Antonia Michaelis. Drachen der Finsternis. Fischer Schatzinsel. November 2011. Taschenbuch 9.99 € 474 Seiten
