
- Wirtschaftsethiker Jan Thomas Otte - Dirk Kirchberg
Professorin Gabriele Schäfer interviewt anlässlich der Wirtschaftskrise Jan Thomas Otte, den ersten Teilnehmer des Fernstudiengangs BWL für Geisteswissenschaftler an der Universität Augsburg.
Nach Ihrem „Hineinschnuppern“ in die BWL gingen Sie an eine der renommiertesten Universitäten, Princeton. In den USA haben Sie unter anderem beim Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman Ihre Kenntnisse vertieft. Kamen Sie sich als Geisteswissenschaftler nicht als Exot vor?
Zugegeben habe ich mich bei den zuvor erwähnten Veranstaltungen hierzulande als Exot gefühlt. Theologie- oder BWL-Professoren wie Kommilitonen reagieren interessiert, Personaler schütteln manchmal den Kopf. Ich finde das aber äußerst reizvoll, in Schubladen hineingequetscht statt passgenau reingetan zu werden. Manchmal sei es aber auch stressig, einen vorgefertigten oder „geklonten“ Lebenslauf zu haben, wie mir eine Recruiterin neulich sagte. In den Elite-Schulen der USA arbeiten Professoren und Studierende wesentlich enger zusammen (zum Erfahrungsbericht). Die ganze Atmosphäre des Forschens ist dort anders, weniger hierarchisch und viel mehr aufgeschlossen gegenüber christlichen oder kirchlichen Themen an der Schnittstelle zur BWL: Diversity Management, Ethical Leadership oder Social Responsibility.
Eine ganze Weile haben Sie sich mit dem Gedanken getragen, in die Wirtschaft zu gehen. Derzeit zieht es Sie wieder in die Theologie. Was fasziniert Sie an der Wirtschaft, was an der Theologie?
Bedarfsdeckung und Anreizsysteme finden sich in der Theologie als auch der Ökonomie. In der Anwendung sieht das natürlich etwas anders aus. Viele High Potentials fragen zuerst nach ihrer Karriere, dann nach der Reflexion des vorherrschenden Systems. Das mag man alles verstehen, begründet das doch die Boni-Philosophie im Utilitarismus oder eine Ballade von Bertolt Brecht in seiner Dreigroschenoper zur essentiellen Frage, wovon der Mensch eigentlich lebt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. In der Bibel beherzige ich die Worte Jesu, dass der Mensch niemals vom Brot alleine leben kann. Manager-Seelsorge ist hier meine Stoßrichtung, siehe mein Gespräch mit dem Benediktiner-Manager und Mönch Anselm Grün. Andererseits brauchen wir Handwerkszeuge, um in einem Non-Profit-Unternehmen nur begrenzt auf Spenden oder Kirchensteuer angewiesen zu sein: mit dem anvertrauten Gut verantwortlich wirtschaften, Nächsten nur in notwendigen Sachzwängen auf der Tasche liegen und Fundraising für eine transparentere Mittel-Verwendung betreiben.
Mit mehr als einer Milliarde Anhängern weltweit, davon allein eine Million hauptamtliche Mitarbeiter in Deutschland, könnten die großen Kirchen der internationalste Konzern unserer Geschichte sein. Da braucht es dann auch BWL-Fachwissen, ohne die eigene Theologie aus dem Auge zu verlieren, siehe eine weitere Reportage über die Finanzkrise auf der Kirchenbank an der Wall Street. Der Schritt nach der BWL war für mich wieder ein Rückschritt in die Reflexion, die andere Seite zu sehen. In Krisenzeiten habe ich mich auf Wirtschaftsethik als Brücke zwischen beiden Welten spezialisiert, besonders Moral im Management und in den Medien. Bei mir ist das die Kirche als erdenkliche Festanstellung. Dann folgt die Wirtschaftsethik aus freiberuflicher Perspektive: Wissenschaft, Journalismus und Coaching.
Geisteswissenschaftler und Betriebswirte zeichnen sich nicht gerade durch großes Verständnis für einander aus. Was müsste passieren, damit sich das ändert?
Betrachtet man die Halbwertszeit in unserer Wissensgesellschaft, sehe ich für Karrieren von Geisteswissenschaftlern in der Wirtschaft eigentlich keine Nachteile. Selbst der CEO der Unternehmensberatung Roland Berger hat (zumindest theoretisch) erkannt, dass rechnende Philosophen in einer zunehmend unberechenbaren Wirtschaftswelt ein Vorteil sein können. Ich wünsche mir mehr Respekt gegenüber den anderen Disziplinen. Und Zutrauen, dass Wirtschaften zu 80 Prozent über Menschenkenntnis funktioniert, den verbleibenden 20 Prozent aus einer Mischung von „Learning on the Job“ und behaltender Theorie aus dem Studium, sagen wir „Business Practice“. Allein das häufige Differenzieren zwischen harten und weichen Faktoren, klassischem Broterwerb (gegenüber inhaltlichen Mängeln) und abgestempeltem „Laberfach“ (gegenüber materiellen Mängeln) setzt ja einige Glaubenssätze voraus, die so noch gar nicht bewiesen sind ...
Was würden Sie einem Geisteswissenschaftler für einen gelungenen Berufseinstieg raten?
Praktika in der Wirtschaft machen, aber nicht mehr als fünf oder völlig unbezahlt. Zusatzqualifikationen wie Ihren BWL-Kurs machen, der durchaus mit dem nachhaltigen Wissen eines Bachelors konkurrieren kann. Für ein Jahr oder mehrere Monate ins Ausland gehen, eine Fremdsprache richtig gut beherrschen. Die marktläufigen Karriere-Magazine bieten hier viele Tipps, die das Entscheidende aber oft auslassen: sich nicht verrückt machen lassen, sich selbst treu bleiben. Viel Zeit für Freunde und Familie jenseits von „Work-Life-Balances“ einplanen, jenseits vom Leistungsdruck. Diese Verhältnisbestimmung von Karriere auf Platz 3 nach Kirche und Kindern, lehrt mich mein christlicher Glaube. Aber auch, was ich tue, mit vollem Einsatz und möglichst frei von Vorurteilen zu betreiben. Als Karriere ohne Reue.
Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews.
Das Interview führte Prof. Dr. Gabriele Schäfer, die an der Hochschule Heilbronn Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen lehrt. Mittlerweile verzeichnete ihr eLearning-Portal mehrere hundert Kursteilnehmer, die nach erfolgreichem Abschluss ein Zertifikat der Universität Augsburg erwerben. Jan Thomas Otte ist ständiger Autor für Karriere bei dem Portal Suite101 von Burda Media und produziert sein eigenes Magazin "Karriere-Einsichten".
