
- Mähnenspringer in Schönbrunn - Norbert Potensky
Durch die neuesten mikrobiologischen und genetischen Forschungen ergeben sich bei der Einteilung der Tiere immer wieder Überraschungen und Änderungen in der Systematik. Ein Beispiel dafür ist der Mähnenspringer (Ammotragus lervia), der früher Mähnenschaf, später Mähnenziege, aber auch Berberschaf (Aoudad) genannt wurde.
Die Vorgänger von Ziege und Schaf
Die beiden Gattungen Ziege (Capra) und Schaf (Ovis) gehören zur Unterfamilie der Ziegenartigen und der Familie der Hornträger (Bovidae). Fossile Belege gibt es bereits aus dem frühen Pleistozän vor etwa 4 Millionen Jahren. Zu dieser Zeit kamen Ziegenartige in zahlreichen Lebensräumen vor. Sie besiedelten sowohl alpines Hochland, Wüsten, Steppen, Ödland bis hin zu tropischen Lebensräumen, wo man ihren Ursprung vermutet.
Der vom östlichen Mittelmeer bis Pakistan vorkommende Bezoar (Capra aegagrus) gilt aufgrund von Hornvergleichen als Stammvater der heutigen Hausziege (Capra aegagrus f. hircus). Die Domestizierung der Wildziegen wird auf etwa das 10. Jahrtausend vor unserer Zeit gerechnet.
Die frühen Vorfahren von Schaf und Ziege waren kleine, stämmige Paarhufer mit kurzen Hörnern, kurzem Schwanz und struppigem Fell. Diese kleinwüchsigen Paarhufer passten sich in den Vorzeiten ideal an ihre Lebensräume an. Felsiges, steiles Gelände, karger Bewuchs, sogar Wüstengebiete waren dabei. Im Verlauf dieser Anpassungsprozesse erfolgte auch die Spaltung in Schafe (Gattung Ovis) und Ziegen (Gattung Capra). Nur machte nicht jede Art mit, manche konnten sich für keine Seite der Entwicklung entscheiden.
Die Besonderheit des Mähnenspringers
Schon einmal zweifelte man an seiner Bezeichnung "Mähnenschaf", weil er sowohl schaf-, aber auch ziegenähnliche Merkmale besitzt. Also wurde er von Professor Bernhard Grzimek in "Mähnenspringer" oder Mähnenziege umbenannt. Bestimmte Parameter des Serumproteins (Protein = Eiweiß) des Mähnenschafs sind dem der Schafe sehr viel ähnlicher als dem des Serumeiweißes der Ziegen.
Auch das Verhalten deutet mehr in Richtung Gattung Ovis. Aber genauso ausgeprägte ziegenartige Merkmale, wie Schädel- und Skelettbau, zeigen in Richtung Capra. Ist er also eine Halbziege, ein Hemitragus?
Heute besteht unter Zoologen die einhellige Ansicht, ihn einer eigenen Gattung "Ammotragus" (aus dem griechischen: Sandziege) zuzuordnen. „Halb Ziege, halb Schaf - der Mähnenspringer gilt heute als lebende Version jenes längst ausgestorbenen Hornträgers, aus dem sowohl die «echten» Schafe als auch die «echten» Ziegen hervorgegangen sind.“ (Markus Kappeler, Schweizer Zoologe, in der WWF Conservation Stamp Collection)
Wie sehen Mähnenspringer aus? Wo leben sie?
Der Mähnenspringer ist ziegenartig von sandbrauner Farbe (Ammotragus=Sandziege) und mit der namensgebenden auffälligen langen Mähne ausgestattet. Sie reicht vom Kinn halsabwärts bis zu den Vorderbeinen. Die kräftigen Hörner stoßen am Scheitel zusammen. Die Männchen können bis zu 100 Zentimeter hoch werden, bis zu 140 Kilogramm schwer.
Der Lebensraum der Mähnenspringer liegt im nördlichen Afrika, wo sie bis zur Höhe von 3.800 Meter aufsteigen. Aber auch in den nahen Wüstengebieten und Hügelketten leben sie. Ihre Rückzugsgebiete sind der Adrar in Mauretanien, der Hoggar in Algerien, das Tassili-Djado-Gebirge zwischen Algerien und Niger, das Aïr-Gebirge in Niger, der Adrar-des-Iforhas in Mali, das Tibesti-Ennedi-Massiv im Tschad und der Meibob im Sudan.
Wie leben die Mähnenspringer in den Felswüsten Nordafrikas?
Ihr Herdenverhalten ist schafähnlich. Sie leben in kleinen bis mittelgroßen Gruppen, bestehend aus entweder einem Männchen samt mehreren Weibchen oder reinen Weibchenherden mit ihren Kitzen. Die Böcke leben nur bis zur eigenen Fortpflanzungsfähigkeit in ihrem zweiten Lebensjahr mit der Herde, dann bleiben sie entweder in Junggesellengruppen oder einzeln. Morgens und abends, wenn die Temperaturen erträglicher sind, sind die Tiere auf Nahrungssuche unterwegs. Tagsüber suchen sie Schattenplätze auf. Gräser, Kräuter, Blätter, Zweige zählen zu ihrer Nahrung, Wasser nehmen sie über die Grünnahrung auf und durch Taulecken. Finden sie Wasserstellen, dann suhlen sie sich auch gerne im feuchten Sand. Mit ihren Hörnern scharren sie dann liegend den Sand auf und werfen ihn auf den eigenen Rücken.
Ihre sandfarbene Tönung dient als Tarnung. Bei Gefahr bleiben sie regungslos stehen, um nicht entdeckt zu werden. Natürliche Feinde des Mähnenspringers sind Leoparden, Wüstenluchs und Schakale und die Bejagung durch den Menschen.
Die Paarungszeit und Fortpflanzung des Mähnenspringers
Die Paarungszeit der Mähnenspringer ist im Oktober/November. Heftige Kämpfe der rivalisierenden Böcke gehen voraus. Nach einer Tragzeit von etwa 160 Tagen kommen zwischen März und Mai ein bis maximal drei Junge auf die Welt. Bereits nach einer Woche nehmen sie neben der Muttermilch auch bereits Gras zu sich. „Bereits wenige Stunden nach der Geburt ist der Nachwuchs trittsicher und folgt seinen Müttern über Stock und Stein. Kein Wunder, die Heimat dieser bedrohten Tierart sind die Felswüsten Nordafrikas“, erklärt Tiergartendirektorin Dagmar Schratter (Zoo Schönbrunn).
Eine Kuriosität des Mähnenspringers – in Afrika vom Aussterben bedroht – in Nordamerika eine Bedrohung der Dickhornschafe
In ihren angestammten nordafrikanischen Gebieten wurden sie durch Überjagung stark dezimiert, außerdem gefährden Schaf- und Ziegenherden ihre Lebensräume und verwüsten sie. Deshalb ist man auch in Zoos dazu übergegegangen, gemeinsam mit dem WWF (World Wide Fund for Nature) und der IUCN (Internationalen Union für Naturschutz) nachzuzüchten oder ihre letzten Lebensräume unter Schutz zu stellen. Die Aïr-Ténéré-Region in Niger und die Tibesti-Ennedi-Region im Tschad etwa stehen heute unter Naturschutz.
Mit der Beliebtheit des Mähnenspringers in Zoos wurde er auch nach Nordamerika verbracht. Aus einem der Zoobestände im Südwesten der USA sind vor vielen Jahren Tiere entkommen oder wurden ausgesetzt. Nachdem aber sowohl Klima als auch Nahrungsangebot optimal waren, entwickelte sich ein großer Bestand an frei lebenden Herden, die heute in Texas, Kalifornien und Neu-Mexiko zu finden sind. Diese drohen nun ihrerseits, das einheimische Dickhornschaf (Ovis canadensis) aus seinen Lebensräumen zu verdrängen. Eine absurde Situation.
Zu welcher Tiergruppe gehören die Mähnenspringer?
- Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
- Unterordnung: Wiederkäuer (Ruminantia)
- Familie: Hornträger oder Rinderartige (Bovidae)
- Unterfamilie: Ziegenartige (Caprinae)
- Gattung: Ammotragus
- Art: Mähnenspringer (Ammotragus lervia)
Quelle: Säugetiere. 700 Arten in ihren Lebensräumen. Dorling Kindersley, 2004
