
- Lewitscharoff: Apostoloff - Suhrkamp-Verlag
Sibylle Lewitscharoff erzählt in ihrem Roman "Apostoloff" von einer Bulgarien-Reise: Zwei namenlose Schwestern mittleren Alters lassen sich in einem klapprigen Daihatsu durch das Heimatland des in ihrer Kindheit im Freitod verschiedenen Vaters chauffieren. Rumen Apostoloff, der Fahrer, ist bemüht, Ihnen die Schönheit Bulgariens nahe zu bringen. Doch so sehr sich der Mann aus Sofia auch ins Zeug legt, gerade bei der jüngeren Schwester bleibt er – von wenigen Augenblicken abgesehen – auf weiter Strecke völlig erfolglos. Armut, Tristesse, Verfall der Städte und Menschen sowie die Öde der grauen Betonburgen selbst an touristischen Schmelztiegeln wie der Schwarzmeerküste prägen das traurig-frustrierte und hasserfüllte Bild, das die auf der Rückbank des Wagens sitzende Schwester von dieser Reise zeichnet.
Zuvor haben die beiden in Deutschland geborenen Schwestern an einem Limousinenkonvoi teilgenommen, in dem ihr 1943 von Sofia nach Stuttgart ausgewanderter und längst verstorbener Vater zurück in seine alte Heimat überführt wird. Auf Initiative eines schwerreichen Exilbulgaren wurden neunzehn Leichen, allesamt ehemalige Weggefährten des Sponsors, noch einmal ausgegraben, um in Begleitung der Hinterbliebenen ihre endgültige, letzte Ruhestätte in einem gemeinsamen Grab in der bulgarischen Hauptstadt zu finden. Die bunt zusammengewürfelte Reisegesellschaft nächtigte in den besten Hotels, genoss den puren Luxus sowie die saftigen Prämien, die für das Gesamtprojekt bezahlt wurden, und kam sich jedoch auf zwischenmenschlicher Ebene unterwegs kaum näher.
Als die beiden Schwestern noch Kinder waren, erhängte sich der depressive Vater, ein erfolgreicher Frauenarzt, an einem Seil. Seitdem taucht er nachts immer wieder in ihren Träumen auf und erinnert mit seinen Erscheinungen besonders die erzählende jüngere Schwester sogar tagsüber an die weit zurückliegende Kindheit. Auch wenn viele Kritiker und der Klappentext des Buches in der abschätzigen Beschreibung des Mediziners eine Abrechnung der zurückgelassenen Tochter mit ihrem Vater sehen wollen, so sind doch auch an einigen Textstellen anerkennende, respektvolle und fast schon liebevolle Nuancen dieser Beziehung zu entdecken.
Die Lektüre von "Apostoloff" fordert einen aufmerksamen Leser
Der Roman "Apostoloff" ist in 23 Kapitel unterteilt. Lewitscharoff springt innerhalb der Abschnitte ständig zwischen drei Erzählebenen: Auf der ersten schildert sie die Reise der beiden Schwestern mit ihrem Chauffeur durch Bulgarien und die Liaison zwischen der älteren Schwester und Rumen Apostoloff. Die zweite Ebene beschreibt die Rückführung der 19 exhumierten Exilbulgaren in einem Limousinenkonvoi von Stuttgart nach Sofia, und die dritte setzt sich mit der Kindheit der beiden Schwestern und dem Erleben der Eltern, vorwiegend des Vaters bis zu seinem Selbstmord, auseinander. So scheinbar spielerisch die Ich-Erzählerin (die knapp zwei Jahre jüngere Schwester) zwischen diesen drei Erzählebenen hin und her springt, so wechselhaft und dennoch bewusst von der Autorin angelegt erscheint auch das sprachliche Niveau jener Gedankensprünge: Es pendelt zwischen den einfachen, trotzigen und manchmal fast schon vulgären Beschreibungen und Eindrücken eines Teenagers einerseits:
"Noch nie habe ich einen so häßlichen Strand gesehen. Überall Drecksbuden mit dröhnender Musik, die Art von Musik, mit der man einen Bürgerkrieg anfängt. Ich bleibe zurück und kotze auf den Strand, scharre das bißchen Schleim mit Sand zu. [...] Entlang der struppigen Palmen wandere ich zum Hotel. Einiger Verkehr, aber kaum Menschen auf der Straße. Hie und da muß noch ein Klacks Magensaft raus, immer weniger, eher beiläufig, vielleicht ein hündischer Zwang, die Straßen Varnas zu markieren mit dem Rest an Verachtung, der noch übrig ist." (Zitat, Seiten 182-183)
Dann aber auch die sarkastisch-poetisch niveauvolle Sprachebene der belesenen Figur mittleren Alters:
"Sind die bulgarischen Chöre etwa nichts? Le Mystère des voix bulgares, wie es immer so nobel heißt? Hört sich das nicht an wie hoch droben in den Äther hineingesungen und vom Berg herabtönend? Kommen wir nicht ins Grübeln, wenn wir an Orpheus denken, der in den Rhodopen so rein und bezaubernd sang und dazu die berühmte Leier schlug, dass Steine und Bäume sich um ihn her scharten, alles Wild die Hörner senkte, [...]" (Zitat, Seite 11)
Diese Wechsel der Sprache und der Erzählebenen führen dazu, dass man "Apostoloff" aufmerksam und konzentriert lesen muss, um in der Geschichte zu bleiben. Der Biss und die Skurrilität des Humors von Sibylle Lewitscharoff allerdings entschädigen über die gesamte Strecke des Romans für diese Konzentrationsübung. So bleibt der Leser gern dran und ist an jeder Stelle gespannt, wie die Reise der beiden Schwestern denn weitergeht.
Die Autorin Sibylle Lewitscharoff lebt in Berlin
Sibylle Lewitscharoff wurde 1954 als Tochter eines bulgarischen Vaters und einer deutschen Mutter in Stuttgart geboren. Hier machte sie 1972 ihr Abitur und studierte danach Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Die Autorin schloss das Studium mit einem Magistertitel ab und lebte danach jeweils ein Jahr in Buenos Aires und Paris. Dann arbeitete sie als Buchhalterin in einer Berliner Werbeagentur. Die Tätigkeit als Schriftstellerin begann mit dem Verfassen von Radio-Features und Hörspielen. Der literarische Durchbruch gelang ihr 1998 mit dem Roman "Pong", für den sie im selben Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt. Es folgten 2007 die Auszeichnung mit dem Preis der Literaturhäuser und 2008 der Marie-Luise-Kaschnitz-Preis.
Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff. Suhrkamp Verlag 2009. Hardcover, 247 Seiten. Euro 19,80.
