
- Verkannte Kunst: Aquarellmalerei - Kellermeister/pixelio.de
Das Wort "Aquarell" leitet sich ab vom Lateinischen aqua für "Wasser". Die wasserlöslische, nicht deckende Farbe diente bis ins 19. Jahrhundert vor allem dazu, Skizzen und Vorzeichnungen für die Königsdisziplin, die Ölmalerei, anzufertigen. Erst im 19. Jahrhundert wurden Aquarelle langsam als eigenständige Kunstwerke anerkannt. Die Entwicklung am Beispiel England:
Die Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert
Bis zum 19. Jahrhundert wurde das Genre der Landschaftsmalerei eher geringgeschätzt. Landschaften dienten vor allem als Kulisse für Historienmalerei oder Allegorien. Erst mit der Romantik wurde die Landschaft als Ausdruck innerer Seelenzustände erkannt und rückte auch in der Malerei mehr und mehr in den Vordergrund.
Der walisische Maler Richard Wilson (1714-1782) verbrachte einige Jahre in Italien, wo er sich zunehmend auf die Malerei von Landschaften konzentrierte. Zurück in England (1755) war er der erste britische Maler, der sich fast ausschließlich der Landschaftsmalerei widmete und damit den Weg der Landschaftsmalerei für William Turner und John Constable vorbereitete.
Doch auch auf die Entwicklung der Aquarellmalerei nahm Wilson Einfluss. Die Aquarellisten John Robert Cozens (1752-1797) und Thomas Girtin erlernten bei Wilson die professionelle Handhabung der Wasserfarben.
Thomas Girtin – fortschrittlicher Aquarellist
Girtin war trotz seines kurzen Lebens (1775-1802) ein produktiver Künstler. Mit 14 Jahren war er bereits mit James Moore auf Reisen, um Skizzen von Ruinen und Monumenten anzufertigen. Bereits mit 19 Jahren stellte er in der Royal Academy in London aus. In nur fünf Jahren entwickelte er nicht nur einen ganz eigenen kühnen Pinselstrich, sondern auch eine erstaunliche Souveränität im Umgang mit dem Bildraum, sodass er auch auf kleinem Maßstab die Illusion von beeindruckender Weite erzielte.
Das Eidometropolis, ein von Girtin in Öl gemaltes Panoramabild von London, eröffnete kurz vor seinem Tod die Pforten für die Besucher. Das Ölbild ist heute zerstört, nur Skizzen sind erhalten.
William Turner war einer der größten Bewunderer von Girtins Landschaftsaquarellen. Er erkannte dessen Fortschrittlichkeit und soll einmal über Girtin gesagt haben: "Wäre er noch am Leben, würde ich verhungern".*
1804: Gründung der Society of Painters in Water Colours
Aquarelle fanden Anfang des 19. Jahrhunderts wenig Anerkennung. Die 1804 gegründete Society of Painters in Water Colours (seit 1988 Royal Watercolour Society) sollte dies ändern. Die erste öffentliche Ausstellung der kurz als Watercolour Society bezeichneten Institution fand 1805 statt und war sofort ein voller Erfolg.
Ziel der Society war es, zu beweisen, dass man mithilfe der Aquarelltechnik ebensolche Kunstwerke erschaffen konnte wie mit Ölfarben. Aquarellmalerei wurde nicht mehr nur als Technik für Skizzen und Entwürfe gesehen oder als Hilfsmittel um Vorlagen für druckgrafische Illustrationen zu erschaffen. Aquarelle führten nicht länger ein Schattendasein in Privatsammlungen, sondern wurden nun als eigene Kunstform anerkannt. Sie verschwanden nicht mehr in irgendwelchen Sammelmappen, sondern wurden in kostbaren Goldrahmen präsentiert.
In dem Maße, in dem die Aquarellmalerei akademischer wurde, wurde die Ölmalerei freier. Immer mehr Maler fertigten ihre Skizzen in freier Natur nun in Öl. So wurden flüchtige Eindrucke von Licht, Wolken, Schatten und Reflexionen nicht nur in Aquarell, sondern auch in Öl festgehalten. Eine Arbeitsweise, die John Constable und William Turner schließlich perfektionierten.
John Sell Cotman und David Cox - Blütezeit der englischen Aquarellmalerei
John Sell Cotman (1782-1842) gehörte bereits zur zweiten Generation der Aquarellmaler. Cotman hatte bei Girtin studiert und verdiente sein Geld als Zeichenlehrer. Auf ausgedehnten Reisen über die britischen Inseln widmete er sich seiner eigentlichen Passion: der Aquarellmalerei. Sein Stil ist geprägt von ausdrucksstarken Konturen und harmonischen gedämpften Farben, die in ihrer Einfachheit und Klarheit an japanische Farbholzschnitte erinnern, wie z.B. das Aquarell Greta Bridge, Yorkshire zeigt . Damit war er der künstlerischen Entwicklung seiner Zeit zwei Schritte voraus. Eine Tatsache, die zu seinen Lebzeiten nicht erkannt wurde, sodass sich Ruhm und Anerkennung in Grenzen hielten.
Der Stil von David Cox (1783-1859) unterscheidet sich stark von dem seines Zeitgenossen Cotman. Cox‘ Bilder künden in ihrer Flüchtigkeit bereits vom Impressionismus, während Cotmans Bildsprache bereits ins 20. Jahrhundert weist.
*Gaunt, S. 122
Quellen:
- William Gaunt: A Concise History of English Painting, London 1976
- Andrew Wilton: Die Malerei im London des frühen neunzehnten Jahrhunderts, S. 167-186, in Metropole London, Recklinghausen 1992.
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