Aquitaniens prächtigstes Schauspiel – Mittelalter live

Kulisse Castillon-la-Bataille - Annemarie Nikolaus
Kulisse Castillon-la-Bataille - Annemarie Nikolaus
Jeden Sommer veranstaltet Castillon-la-Bataille mit einer aufwändigen Inszenierung das Ende des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England.

Als Aliénor von Frankreich im Jahre 1152 den späteren englischen König Henry Plantagenet heiratete, brachte sie ihm ihr Herzogtum Aquitanien als Hochzeitsgeschenk. Bis zur Schlacht vor den Toren Castillons am 17. Juli 1453 blieb das wohlhabende Südwest-Frankreich unter englischer Herrschaft.

Das Städtchen Castillon, 1953 in Castlillon-la-Bataille umbenannt, liegt an einem strategisch wichtigen Übergang über die Dordogne in der Nähe von Libourne. Seit mehr als dreißig Jahren inszenieren dort 700 Freiwillige im Juli und August mit einem zweistündigen Theaterstück den Sieg über England.

Ein halber Berg als Bühne für die mittelalterliche Schlacht

Nur einen Kanonenschuss vom historischen Schlachtfeld entfernt, dient ein unbebauter Hang von sieben Hektar Fläche unterhalb einer Burg als Schauplatz für das Stück. Mit rund 450 Laienspielern und über 50 Reitern wird ein Stück mittelalterliche Geschichte geboten: Die Schlacht selbst ist erst das Ende des Abends. Zuvor erleben die Zuschauer detailgetreu den Alltag zwischen Klostern und Bauernhöfen, Markt und Weinernte.

Das Stück wiederholt auch die Legende, wonach die englischen Soldaten am Vorabend der Schlacht den Weinkeller der Abtei Saint Florent geleert hätten und daher nicht recht einsatzfähig gewesen seien. In Wahrheit lag es an der „neumodischen“ Kriegsführung der Franzosen: dem massiven Einsatz von Artillerie in offener Feldschlacht.

Feindliches Frankreich

Als nationalbewusstes Frankreich feiert man selbstverständlich den Ausgang der Schlacht als Erfolg. Umso bemerkenswerter sind daher Szenen wie die Scharmützel der Castilloner mit französischen Soldaten und Steuereintreibern, die ehrlich zeigen, dass die Aquitaner englisch bleiben wollten. Und Szenen, in denen die Franzosen nach dem Ende des Krieges nicht als Befreier auftreten, sondern Rache nehmen, indem sie den Weinhandel mit England unterbinden und damit die Region in die Armut treiben.

Unter der englischen Krone dagegen hatte es für Aquitanien weder Not noch Unterdrückung gegeben. Zudem galten alle Rechte der englischen Magna carta auch dort und die Städte und Gemeinden besaßen autonome Verwaltungen.

Mehr als ein Theaterbesuch in Castillon-la-Bataille

Das Schauspiel selbst beginnt erst um 22.30 Uhr, aber das Gelände wird schon am späten Nachmittag geöffnet. Rund um ein Zeltlager werden die Besucher mit Troubadouren, Gauklern und Schaukämpfen unterhalten. Tische mit altertümlichen Geschicklichkeitsspielen sind nicht nur für Kinder und Jugendliche eine Herausforderung. Für das Abendessen steht ab 19.30 Uhr ein mittelalterliches Gasthaus zur Verfügung, aber man kann sich ebenso gut zum Picknick auf die Wiese setzen.

Parlez-vous français?

Ein Manko gibt es allerdings: Es ist alles auf Französisch. Wer nicht wenigstens über ein paar Erinnerungen aus der Schulzeit verfügt, hat es schwer, alle Szenen zu verstehen. Doch das ganze Spektakel ist so gut inszeniert, dass sich der Besuch trotzdem lohnt; und für Kinder ist es allemal faszinierend.

Immerhin gibt es auf der Webseite des Veranstalters alle Informationen über die Inszenierung und den historischen Hintergrund auch in englischer Übersetzung, dies ermöglicht vorab einen Überblick. Dort ist auch ein kurzes Video von Szenenausschnitten aus dem Schauspiel zu finden, das den beeindruckenden Aufwand der Veranstaltung ahnen lässt.

Es ist nicht unbedingt nötig zu reservieren, aber es empfiehlt sich, vor der Fahrt nach freien Plätzen zu fragen.

Reservierungen und Informationen:

Association La Bataille de Castillon: Telefon 0033-05 57 40 1453

Annemarie Nikolaus, Annemarie Nikolaus

Annemarie Nikolaus - Journalistin und Belletristik-Autorin Studium von Psychologie, Publizistik, Politik und Geschichte. Berufliche Tätigkeiten als ...

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