Das Granitmassiv der Mourne Mountains beherrscht den Horizont, wenn man von Belfast gen Süden nach Newcastle fährt. Es ist eine der schönsten Ecken Nordirlands. Auf halber Höhe des Sleave Donard mit einem atemberaubenden Blick über die Küste wohnt eine äußerst ungewöhnliche alte Dame: Araxie Molineux.
Wie kommt eine in Jerusalem geborene Armenierin ausgerechnet an diesen Ort? Araxie Molineux wählte ihn, weil ihre Mutter ihr als Kind das Lied von den 'Mountains of Mourne', das Sehnsuchtslied der Iren in der Diaspora, vorgesungen hat und er dem Kind Araxie als der schönste Ort der Welt vorgekommen sein muss. Aber beginnen wir mit dem Anfang.
Geboren in Jerusalem
Araxie Molineux wurde 1923 als Araxie Yaghlian in Palästina geboren. Ihre armenischen Eltern waren auf der Flucht vor dem türkischen Genozid 1914/1915 nach Jerusalem gekommen. Ihr Überlebensspruch bei der Flucht war: 'Wir treffen uns in Jerusalem – im Himmel oder auf der Erde.' Eigentlich wäre Araxie gerne in die Fußstapfen ihres Vaters, der nach dem Ersten Weltkrieg als Arzt in die britische Armee eingetreten war, getreten und Ärztin geworden, aber der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machte ihr einen Strich durch die Rechnung. 1941 – sie war 18 Jahre alt – erzählte ihr ein Freund, dass die Barclays Bank in Jerusalem Auszubildende wie sie suchte und sie wurde auf Anhieb genommen. Als die Briten 1947 Jerusalem verließen, wurde sie nach Zypern versetzt.
Abenteuer in Zypern
Stationiert in Limassol sah sie sich mit der extrem aufgeladenen politischen Situation in Zypern konfrontiert. Die Stimmung gegenüber den britischen Kolonialherren war nicht gerade freundlich und Terrorakte von Seiten der griechischen Untergrundbewegung EOKA waren an der Tagesordnung. Vor diesem politischen Hintergrund wurde sie damit beauftragt, als 'mobile Zweigstelle' die britischen Armee-Einheiten durchs Land zu reisen, da es für die Militärs extrem gefährlich war, nach Limassol zur Bank zu kommen. Ohne sonderliche Sicherheitsvorkehrungen reiste sie, ausgestattet lediglich mit einem Wagen und einer Box für das Geld, ständig durchs Land und eröffnete Ihren 'Schalter', wo immer es gerade möglich war: in Zelten, Wohnwagen, Militärbüros und zwei mal sogar in einer Kirche, von Kunden und Kollegen liebevoll 'the lady manager' genannt.
Über die Frage, warum man gerade sie als Frau mit diesem nicht gerade ungefährlichen Job betraute, sinniert sie: 'Man dachte, glaube ich, dass die Unruhestifter mich als Frau in Frieden lassen würden.' Fakt ist, dass die Repräsentanten britischer Banken, also auch Araxie, durchaus Ziele von Übergriffen wurden - die Reifen ihres Wagen wurden mehrfach zerstochen und einer ihrer Kollegen wurde Opfer eines Anschlags und sie lebte in ständiger Angst.
Pikante Situationen
Aber auch die eine oder andere amüsante Geschichte weiß die alte Dame mehr als 50 Jahre später aus ihrer Zeit in Zypern mit einem Schmunzeln zu erzählen: ' Eines Tages kam ein ranghoher kommandierender Offizier zu mir. Er wollte dringend einen von ihm ausgestellten Scheck stoppen und bestand darauf, mich unter vier Augen sprechen zu dürfen. Wir gingen also hinaus und setzen uns auf den Rücksitz seines Dienstwagens. Es stellte sich heraus, dass er in der Bar des 'Rose Hotels' gewesen war, wo sich 'spezielle' Damen tummelten. Er hatte, sagen wir mal, einen sehr angenehmen Abend. Dummerweise konnte er sich beim besten Willen nicht erinnern, wie hoch der Scheck war, den er dafür ausgestellt hatte. "Dann lassen Sie uns einen Preis festlegen," sagte ich. " Wieviel war es Ihnen Wert?"
Auch wenn ihre Position in Zypern sie faktisch zur ersten weiblichen Bank Managerin machte, wurde dies damals formal nicht anerkannt und schlug sich schon gar nicht in der Bezahlung nieder. "Ich wurde bezahlt wie eine Bürokraft, vermutlich weil ich 'nur' eine Frau war."
Die 'Mountains of Mourne'
Immerhin brachte ihr die Zeit bei den britischen Streitkräften die Bekanntschaft von Lawrence Molineux, einem britischen Offizier, ein, den sie, als er mit seiner Einheit nach Singapur versetzt wurde, heiratete. Damit beendete sie zunächst ihren Job bei Barclays Bank. Den Krisengebieten der Welt reiste sie stetig hinterdrein. Als ihr Mann Anfang der 60er Jahre seinen Dienst in Singapur beendete, kehrten sie zunächst nach Jerusalem zurück. Die Region war instabiler denn je und sie überlegten, wohin sie ihr gemeinsamer Weg führen sollte. Die Wahl fiel auf Nordirland – die Sehnsucht nach den Bergen, die ihre Mutter für sie besungen hatte, hatte Araxie nicht losgelassen. Noch immer schienen sie ihr als der schönste Ort der Welt. Auch wenn sie den wunderschönsten Ort der Welt tatsächlich fand und mit ihrem Mann eine Farm an den Mountains of Mourne kaufte, ist es überflüssig zu erwähnen, dass sie sich auch hier wieder inmitten der 'Troubles' befand.
Zwischenspiel in Sambia
Als ihr Mann Ende der 60er Jahre schwer erkrankte und sie die Farm nicht weiter bewirtschaften konnten, ließ sie sich nochmals von Barclays Bank 'anheuern' und ging 1969 für sie, wie könnte es anders sein, in ein weiteres Krisengebiet: nach Lusaka in Sambia. Und wieder war es nicht nur ein Vergnügen für Barclays zu arbeiten. Ein Mann in Ihrer Position hätte diverse Privilegien gehabt, z.B. kostenlose Flüge für die Ehefrau, Bezahlung eines Internats für die Kinder.... Leider galten diese Regelungen nicht für Ehemänner. Frauen waren nun mal nicht für Posten dieser Art vorgesehen und Barclays erwies sich als zu unflexibel, für die einzige Frau in dieser Position eine Ausnahme zu machen. Ihren schwer kranken Mann und die beiden Töchter musste sie mitnehmen – Flüge in die Heimat waren nicht 'drin'.
Endgültig zurückgekehrt nach Nordirland, erwarb Araxie Molineux einen akademischen Grad und lehrte Ökonomie und Bankwesen an der Hochschule. Auch wenn sie heute im Almanach der Barclays Bank als beispielhafte Vorreiterin erwähnt wird, erzählt sie über ihren ehemaligen Arbeitgeber nicht ohne eine gewissen Bitterkeit: Bis heute erhält sie von Barclays keine Altersrente, da ihr nach den 'Vorschriften' einige Monate an der Mindestbeschäftigungszeit für einen Rentenanspruch fehlen. Noch im hohen Alter von über 80 Jahren musste sie einen Teil Ihres Hauses, das als einziges von der Farm übrig blieb, als Ferienwohnung vermieten, um ihren Lebensabend zu bestreiten. Wer das Vergnügen hatte, bei ihr zu wohnen, wurde mit interessanten Geschichten aus ihrem Leben und der schönsten Aussicht der Welt beschenkt – "Where the Mountains of Mourne sweep down to the sea".
Nachtrag: Araxie Molineux starb am 12. Januar 2010 im Alter von 86 Jahren.
