Architektur im Tessin: Schlicht und verspielt

Gradlinig  - La Repubblica
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Die Tessiner Baumeister zählen seit fünf Jahrhunderten zu den besten in Europa. Aber heute schleichen sich auch Bausünden ein.

Die beiden Autoren eines Reisehandbuches mit dem schlichten Titel „Tessin“ haben es hübsch ausgedrückt: „Die Bindegliedfunktion des Tessins zwischen nordischer Sachlichkeit und südländischer Leichtigkeit zeigt sich gerade auch im Wohnstil und in der Architektur. Die Schlichtheit funktionaler Rustico-Steinbauten steht neben dem verspielten Charme der Palazzi und Villen.“ Man muss manchmal nur einen neuen Blick dafür bekommen; nicht nur als Tourist, sondern auch als Einheimischer. Gewiss, man hat von den großen Traditionen in der Schule gehört, man hat gehört von den großen Baumeistern Francesco Borromini, Domenico und Giovanni Fontana oder von Carlo Maderno. Von ihren Werken im Rom des 16. Jahrhunderts, von ihren Bauten in Venedig, Salzburg oder St. Petersburg – und daheim. Das Fazit ist nicht übertrieben: „Die Tessiner Baumeister zählen seit 500 Jahren zu den führenden Architekten Europas.“ Sie haben allerorten ihre Spuren hinterlassen.

Zum Beispiel Mario Botta

So schlägt sich ein Bogen vom Damals zum Heute. Da wächst über der Magadino-Ebene ein Kapellenrundbau aus rotem Porphyrstein wie eine Burg in die Höhe. Santa Maria degli Angeli des Architekten Mario Botta ist eingebettet in das Panorama der Tessiner Bergwelt – eine Kulisse in der Funktion eines natürlichen Sakralraumes. Oder Aurelio Galfettis Villa Rotalinti, als markantestes Zeichen in die Landschaft gesetzt, schafft einen modernen Bezug zwischen Haus und natürlicher Umgebung. Oder, oder, oder... In Ronco konstruierte Luigi Snozzi seine Casa Diener quer zum Berg und ermöglichte mit Hilfe von Terrassenmauern, die in die Natur auslaufen, nachgerade gerahmte Panoramablicke auf die Seelandschaft. Es ist eine Fülle, die es zu entdecken oder wieder zu entdecken gibt. Vor allem auch dort – wie in Bellinzona – wo die jüngeren Tessiner Architekten in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur dem Entwurf von Neubauten huldigten, sondern sich auch und besonders der Erhaltung des bestehenden Architekturerbes verpflichtet fühlten.

Der „Aufbruch“ ebbt wieder ab

Was hier sozusagen unter der Überschrift steht: „Zwischen Aufbruch und Bewahren“, das, so scheint es, wird aber allmählich zur Geschichte. Denn die „neue Klasse“ der Tessiner Architekten kommt allmählich auch in die Jahre. Der „Aufbruch“ begann in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts; heute ebbt er ab. Oder sind die großen Entwürfe und Würfe nur noch selten gefragt? Umstrittene Restaurierungen, Immobilienboom und Zersiedelung beginnen stattdessen, ihre Spuren einzugraben. Es gibt mannigfache Beispiele... Die betreffen die Randlagen des sich doch sonst so malerisch präsentierenden Lugano, genauso aber neuerdings auch die Regionalhauptstadt Bellinzona – umgeben von sieben majestätischen Burgen und gleichwohl nicht frei von frischen Bausünden im Stadtgebiet. Das geht dann nach dem Stichwort: Kommerz schlägt Ästhetik.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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