Ariel Magnus: Ein Chinese auf dem Fahrrad

Cover Ein Chinese - Kiepenheuer & Witsch
Cover Ein Chinese - Kiepenheuer & Witsch
Rasante argentinische Literatur: Der Roman schildert einen witzigen Entführungsfall, der im chinesischen Viertel von Buenos Aires spielt.

Ramiro tritt vor Gericht als Zeuge auf gegen den Chinesen Li, dem vorgeworfen wird, in Buenos Aires diverse Möbelhäuser in Brand gesetzt zu haben. Nach der Verurteilung nimmt Li Ramiro auf der Herrentoilette als Geisel und flieht mit ihm, denn er soll ihm helfen, die Wahrheit über die Brandanschläge herauszufinden, doch was als Entführung begann, wird für den Computer-Nerd Ramiro zu einer ungeahnten Entdeckungsreise. Er lebt fortan bei Li, ob als Gast oder Geisel weiß er selbst nicht so genau, und dessen bunten Bekanntenkreis im Chinesenviertel von Buenos Aires, einer eigenen Welt, die in nichts den Bezirken seiner Heimatstadt gleicht, die er bislang kannte.

Leben in einer fremden Kultur

Li bringt Ramiro in eine Wohnung, in der noch andere Chinesen leben, und verschwindet bald darauf. Der Sprache nicht mächtig, von den anderen einfach nicht beachtet, verbringt der Argentinier seine Zeit damit, Musik zu hören bis sein iPod leer ist, Tangram zu spielen und für ihn sinnlose chinesische Filme im Fernsehen zu verfolgen. Das Verhalten seiner Mitbewohner erscheint ihn gleichermaßen merkwürdig und verdächtig. „In der Küche traf ich auf seinen Schwiegervater, der rupfte Hühnchen und sah mich an, als wäre er gerade dabei, Menschen zu rupfen und sähe ein Huhn hereinkommen, ich hob eine Hand zum Gruß, und er hob die seine, jedoch um mir anzudeuten, ich solle dorthin zurückgehen, wo ich hergekommen war ...“.

Bald verliebt sich Ramiro in Yintai, die mit ihrem Sohn ebenfalls in der Wohnung lebt, und auch in diesem Fall müssen erst einmal Missverständnisse geklärt und Verhaltensweisen entschlüsselt werden.

Pyromanen und Immigranten

Die Geschichte um den von der Presse „Fosforito“ genannten Chinesen, der verdächtigt wird ein Pyromane zu sein, geht auf eine wahre Begebenheit zurück, die in Argentinien Schlagzeilen machte. Ariel Magnus macht daraus eine witzige und groteske Geschichte, die von der Auseinandersetzung mit einer fremden Kultur handelt, vom Umgang mit dem Unbekannten und der Anverwandlung des Fremden. Schritt für Schritt nähern sich die Figuren einander, manch ein Chinese entpuppt sich als Japaner und es stellt sich heraus, dass Yintais besonders exotischen Liebespraktiken lediglich einem Raumproblem geschuldet sind, doch das tut der gegenseitigen Faszination alles keinen Abbruch. Ganz und gar nicht politisch korrekt und weit entfernt davon, in Sentmentalitäts-Fallen zu tappen, die das Thema bereithalten könnte, entpuppt sich Ariel Magnus als sehr phantasievoller Erzähler.

Imaginäre Gespräche

Kennzeichnend für „Ein Chinese auf dem Fahrrad“ sind seine Abschweifungen von der eigentlichen Handlung, so geben beispielsweise zwei Kapitel imaginäre Gespräche wieder, die Ramiro während seiner Gefangenschaft den Chinesen andichtet, und Figuren erzählen Geschichten oder geben Lektionen, die eigene kleine Geschichten sind.

Der Autor Ariel Magnus

Ariel Magnus ist Argentinier mit deutschen Vorfahren, besuchte in Buenos Aires eine deutsche Schule und studierte in Heidelberg und Berlin. Für „Ein Chinese auf dem Fahrrad“, sein dritter von bislang fünf Romanen, sind seine ausgezeichneten Deutschkenntnisse in sofern von Belang, dass er hier, wie er bei einer Lesung erzählte, den gewundenen deutschen Satzbau nachahmt.

Ariel Magnus: Ein Chinese auf dem Fahrrad. Kiepenheuer & Witsch 2010. Gebunden, 252 Seiten. EUR 17,95.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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