Armin Petras: "Die Wohlgesinnten" im Maxim Gorki Theater Berlin

Szenefoto - Bettina Stöß
Szenefoto - Bettina Stöß
Der Regisseur Petras hat den 2006 veröffentlichten Erfolgsroman von Jonathan Littell auf die Bühne gebracht. Beeindrucken kann er nur durch die Bilderwelt.

Mit dem 3. Reich im Allgemeinen und der Judenvernichtung im Besonderen kann man niemanden mehr erschrecken, nicht einmal aufrütteln. Bei der gestrigen Premiere wurden sattsam bekannte Wahrheiten abgehandelt, mit einem Personal, das bis auf den Protagonisten Dr. Max Aue weitgehend aus austauschbaren Prototypen besteht. Die Stärken des Abends sind woanders zu suchen – im Bühnenbild und im Programmheft. Der spätere SS-Sturmbannführer Aue ist ein auf Jura fixierter Intellektueller und Parvenü, einen Geschlechtstrieb hat er auch, allerdings einen bedenklichen. In Wahrheit liebt Aue nur seine Schwester Una, und zwar so, dass es nach Kant zu einem wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtseigentümlichkeiten kommt. Als Una zwangsweise aus seinem Leben wegfällt, entdeckt der Alleingelassene die Wonnen des eigenen Lagers, kapriziert sich auf männliche Weichteile und bekommt damit allerhand Probleme, beispielsweise mit Himmler. Christin König rutscht kurzzeitig in diese Rolle und Aue wird nach Stalingrad versetzt, wo die eingeschlossene 6. Armee auf Generalfeldmarschall von Manstein wartet. Übrigens wartet man auch auf andere, auf Göring und Hitler etwa, aber vergebens.

Intellektuelle beim Rassenkult

Der junge Max Aue wird von Max Simonischek gespielt, den Part des alten Aue übernimmt Peter Kurth, der das Geschehen aus der Retrospektive, als Nachkriegsgewinner und französischer Fabrikleiter erzählt und dabei nichts bereut. Weitgehend auf die Erzählfunktion reduziert, darf Kurth gelegentlich auch in die Handlung eingreifen, aber gebremst, ohne spektakuläre Auftritte, eher wie ein domestiziertes, aus der Wildbahn ins Häusliche geworfene Tier. Am Anfang sitzt er vor einem Spiegel und berichtet über den eigenen, also Dr. Aues Werdegang, der sich als steile Karriere eines vom Rassenwahn befallenen Intellektuellen entpuppt. Dieser Tatsache verdankt sich auch der gewaltige Erfolg des Romans: allein in Frankreich wurden nach der Veröffentlichung über 800 000 Exemplare verkauft. Unglaublich, aber dennoch bekannt: im faschistischen Deutschland gab es neben kraftprotzigen, aber tumben Willensmaschinen auch belesene Geistesmenschen, die sich hingebungsvoll in den Rassenkult warfen und an der Vernichtungsmaschinerie nicht nur mitwirkten, sondern auch am Hebel saßen. Im besagten Spiegel können die Zuschauer nicht nur Kurth und seine zurückgehaltene Energie beobachten – sie blicken auch auf sich selbst, als seien sie Beteiligte oder ein verzerrtes Abbild der Ereignisse. Naiv wäre es nun anzunehmen, dass die Zuschauer durch den Spiegel auf die Anklagebank gesetzt werden.

Durchfall im Osten

Mitunter werden Textpassagen im Chor gesprochen, gemäß der Unterteilung in Akte wechselt das Ensemble auch die Farben. Die Truppe beginnt mit einem satten Schwarz nebst hohen Militärstiefeln, die blutbesudelt und kotverschmiert über Polen marschieren. Die polnische Bevölkerung erlebt eine ungeahnte Kontinuität, allerdings der grauenhaften Art: die zuvor wütenden Russen müssen das Gewaltmonopol an die Wehrmacht abgeben, die das Programm akribischer Ausrottung noch radikaler umsetzt. Der Weg führt weiter gen Osten, nach Kiew, genauer: zur Schlucht Babyn Jar, wo 33 000 Juden ganz konventionell erschossen werden. Irgendwann tritt Aenne Schwarz mit zurückgekämmter Männerfrisur und Brille auf den Plan, als Adolf Reichmann, Leiter des Reichssicherheitshauptamtes. Kaltblütig und sachlich erklärt die Figur die Vorzüge und Effizienz von Zyklon B. Das hört man nicht zum ersten Mal, es wird zur Kenntnis genommen, genauso wie die Ausführungen vom Sprachwissenschaftler Voss, der den Unsinn einer Rassenanthropologie ausbreitet. Christin König übernimmt diese Rolle, leider ist sie bei dieser Szene, im Gegensatz zum Abend, relativ blass, zu smart und ohne Überzeugungskraft. Dr. Aue jedenfalls lässt sich nicht davon beeindrucken, es wird ein wahres Feuerwerk der Exkremente abgebrannt, in einem Maße, dass es Simonischek wiederholt überfallartig hinten rauskommt. Während das rassisch aufgewühlte Herz freudentrunken hopst, bleibt der Darm auf der Strecke.

Von Stalingrad ins Lazarett

In Stalingrad ist die Bühne in Rot getaucht: Manstein wird nicht kommen, dafür aber der von Kurth dargestellte russische Kommissar Ilja. Ein interessanter Schlagabtausch zwischen dem Gefangenen und Aue entspinnt sich, ein Clinch zwischen Ungleichen, bei dem Aue den Untergang der scheinheiligen russischen Klassengesellschaft prophezeit, in der die Sowjetunion nur das degenerierte Zarentum fortsetzt und im Grunde ein einziges Potemkinsches Dorf ist. Inmitten der Einkesselung gebärdet sich Anja Schneider allerliebst, fast wie eine hineinmontierte, betörungswillige Julia, die ohne Romeo charmant von einem russischen Befehlshaber plaudert, der pünktlich nach Zeitplan auf der Stalinorgel spielt. Warum sie in dieser Verzweiflungssituation so spielt, weiß wahrscheinlich nur Armin Petras, der zusammen mit seinem Dramaturgen Jens Groß alles Poetische herausgenommen hat und Peter Kurth in einem dürren, gänzlich prosaischen Berichtsstil reden lässt. Im nächsten Teil dürfen alle Schauspieler ein sauberes Lazarettweiß tragen und obendrein musizieren. Nachdem Kurth zuvor schon seine Blasqualitäten zum Besten gegeben hat, greifen nun Anja Schneider und Christin König zu Gitarre und Akkordeon. Gelegentlich will es scheinen, als wäre Musik vom Band die bessere Variante.

Optische Raffinessen

Irgendwann hat sich der Krieg nach Berlin verlagert, in den Winter 1944, wo die Kräfte allmählich aufgezehrt sind der installierte Spiegel seine volle Wirkung entfacht. Der lässt sich nämlich auch kippen und erzeugt grandiose Bilder, wenn etwa die Schauspieler auf dem Boden liegen und so tun, als wollten sie sich vom Sog der Unterlage fortreißen. Der Bühnenbildner Olaf Altmann hat in der letzten Saison schon einmal eine Inszenierung gerettet – Thalheimers „Die Macht der Finsternis“ in der Schaubühne – und hat nun abermals einen nicht unerheblichen Anteil an der Aufwertung einer Inszenierung. Das Gespann Petras/Altmann ist wie ein Kriegenburg, der zur Hochform aufläuft, da verzeiht man auch die völlig deplazierten, an eine Mythenschau erinnernden Masken. Sieht man einmal von der Tatsache ab, dass Millionen von Leichen für eine Ästhetisierung des Grauens herhalten müssen: hier ist eine beeindruckende Bilderschau gelungen, die alle Beteiligten in späteren Jahren an substanzlosen Winterabenden weiterreichen können. Wem die Ohren wegen der zertrümmerten Rosetten, der Blut- und Kotorgien schmerzen, der kann als Palliativ wenigstens seine Augen daran weiden oder weiten, schließlich arbeitet ein Theater mit optischen Raffinessen, die gerade bei textlicher Mediokrität greifen. Beeindrucken kann vor allem Christin König, die neben einigen Schattensequenzen durch ihr individuelles Gepräge auffällt. Und endlich einmal ein taugliches Programmheft, das sich nicht an der Inszenierung vorbeibewegt und erhellendes Informationsmaterial liefert. Dieses inszenierungsimmanent zu beschaffen, kann kein Theater der Welt leisten.

Die Wohlgesinnten

von Jonathan Littell, Übersetzung von Hainer Kober

Bühnenbearbeitung von Armin Petras

Regie: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Karoline Bierner, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Licht: Norman Plathe, Dramaturgie: Jens Groß, Cello: Anne-Christin Schwarz.

Mit: Cristin König, Aenne Schwarz, Max Simonischek, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Anja Schneider.

Maxim Gorki Theater Berlin

Bildnachweis: © Bettina Stöß

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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