
- Ressourcenmangel - Steffi Hase
Armut wird allgemein als wirtschaftliche Situation und Begleiterscheinung von ökonomischen und politischen Veränderungen bezeichnet. Dabei ist zu erwähnen, dass Armut als Konzept nicht einheitlich, sondern multidimensional zu betrachten ist. Ein Ansatz zeigt Armut als Ressourcenmangel und Defizit der Basisbedürfnisbefriedigung. Zudem wird der fehlende Zugang zu materiellem und nichtmateriellem Kapital aufgewiesen. Ein erweiterter Ansatz bezieht ebenso den Mangel an individuellen und gesellschaftlichen Rechten, ein. Des Weiteren stellt auch die verminderte Entscheidungsmacht und gesellschaftspolitische Partizipation eine wesentliche Armutsdimension dar. Armut wird zudem als eine Begrenzung von substanziellen Freiheiten im Sinne eines Mangels an Verwirklichungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten begriffen.
Die Armut eines Landes liegt oft in der ungünstigen geografischen Lage begründet. Zudem wird meist ein steigendes Bevölkerungswachstum festgestellt. Vor allem in Großstädten konzentriert sich Armut und so wird auch die Struktur der Gesellschaft als Ursache der zunehmenden Armut angesehen. In diesem Zusammenhang können sich endogene Faktoren, wie mangelnde Investitionsneigung, Korruption oder Misswirtschaft, durchsetzen und die Armutsverhältnisse steigern.
Armutsausbreitung in Kairo
In Ägypten verdoppelt sich seit 1991 die ländliche und städtische Armut und stellt somit das größte soziale Problem Ägyptens dar. Inzwischen liegt die Armut in Kairo bei 40 Prozent. In der Megastadt leben 26 Prozent der Bevölkerung in absoluter Armut und 8,6 Prozent in extremer Armut. Bei einem, im internationalen Vergleich, niedrigen Durchschnittseinkommen können deshalb schon kleine Einkommenssenkungen in Ägypten einen Haushalt in die absolute Armut führen.
Die Hauptbetroffenen von Armut
Neben den vielen Erwerbsunfähigen, wie behinderte oder chronisch kranke Menschen, leiden besonders die unverheirateten, geschiedenen oder verwitweten Frauen unter Armut. In Kairo leben 35,3 Prozent der Haushalte, die kein männliches Familienoberhaupt haben, unter der Armutsgrenze. Nur 29 Prozent der Frauen sind überhaupt erwerbstätig, nur wenige Frauen verdienen also ein eigenes Einkommen. Überdies erhalten erwerbstätige Frauen aufgrund ihres niedrigeren Bildungsgrads geringere Gehälter als Männer. Durch die schlechtere Entlohnung sind die Frauen, seltener und unzureichend sozial versichert. Arbeiten Frauen in Familienbetrieben, werden sie weder registriert noch versichert. Dabei ist zu erwähnen, dass nur 45 Prozent aller Ägypterinnen einen Personalausweis besitzen, wodurch sie jegliches staatliche Recht verlieren. Sie können keine Kredite, keine Rechtsgeschäfte und keine Sozialversicherungen beantragen und haben auch keinen Anspruch auf Landbesitz.
Außer den Frauen sind besonders kinderreiche Familien und Weisen von der Armut betroffen. Auch Unterbeschäftigte und Unterbezahlte, wie Tagelöhner und Saisonarbeiter erdulden mit 39 Prozent aller Ägypter, Verarmung.
Ursachen der Verarmung in Kairo
Ausgehend von der Kolonialzeit Ägyptens bis zur, von der Globalisierung erfassten Mega-Stadt, hat Kairo in seiner Entwicklung einen massiven Wandlungsprozess vollzogen, der die Armutsausbreitung dennoch nicht aufhalten konnte.
Ressourcenmangel
Als Grund für die Armutsausbreitung wird zunächst der Mangel an essenziellen Ressourcen angeführt. Die Agrarproduktion Ägyptens ist besonders aufgrund des Wassermangels beeinträchtigt, sodass viele Nahrungsmitteln importiert werden. Das Land leidet zudem unter einer ungleichen Kapital- und Landbesitzverteilung, aufgrund dessen die meisten Agrarbetriebe über weniger Anbaufläche als zum Erhalt ihrer Subsistenz nötig ist, verfügen. Eine Erweiterung der Ressource Land wäre nur mit einer Umverteilung von Vermögen, wie einer Landreform, verbunden. Jedoch treten dabei viele Interessenskonflikte in der Gesellschaft auf, warum die Durchsetzung neuer Landregulierungen schwierig zu gestalten ist.
Volkswirtschaftliche Defizite
Die Haupteinnahmen Ägyptens werden durch den Verkauf von Erdöl, durch Gebühren vom Suezkanal und den Tourismus generiert. Allerdings stockt die Entwicklung neuer, produktiverer Exportbranchen. Obwohl die Exporterlöse steigen, wirken sich die hohen Importzahlen stärker auf die Volkswirtschaft aus. Dieser Fakt wird allgemein als Behinderung für die ägyptische Wirtschaftsentwicklung angesehen. Zusätzlich beschleunigten die Globalisierungsprozesse die Umstrukturierung der regionalen Wirtschaft, die auf diese Entwicklung nicht vorbereitet, war. Besonders in Kairo ist dadurch mehr Armut entstanden. Daneben verursacht die einseitig auf betriebswirtschaftliche Effizienz ausgelegte Standortpolitik eine räumliche Konzentration von Armut.
Sozialstrukturelle Veränderungen
Neben den angeführten exogenen Ursachen wirken auch endogene Gründe, wie die demografischen und sozialstrukturellen Veränderungen, auf die Armutsentwicklung in Kairo ein. Die Bevölkerungswachstumsrate liegt seit 2005 bei 1,9 Prozent und führt langfristig betrachtet zu einem Überangebot von Arbeitskräften. Zu den von der Regierung offiziell angegebenen zehn Prozent Arbeitslosen kommen noch zahlreiche nicht registrierte Erwerbslose hinzu. So gehen Schätzungen von einer Rate über zwanzig Prozent aus. Dieses Überangebot an Arbeitern ergänzt mit einem knappen Produktivkapital und einer geringen Arbeitsproduktivität, verschlechtert die Volkswirtschaft, woraus folgt, dass das Einkommensniveau sinkt. So lag 1997 das durchschnittliche Einkommen in Kairo circa 25 Prozent unter der Armutsgrenze. Ein Drittel der Bevölkerung Kairos lebt unterhalb der Armutsgrenze und kann sich somit ein Minimum an Nahrung und Obdach nicht leisten. Um zu überleben, sind sie in der informellen Wirtschaft tätig und wohnen in informellen Gemeinschaften. Die Zunahme von Armut ist demnach Bestandteil einer sozio-ökonomischen Polarisierung unter Ausdehnung sozialer Ausgrenzung als Folge von sozialräumlichen Segregationen.
Bildungsmangel
Die Armut in Ägypten geht außerdem auf Defizite der Sicherungssysteme zurück, wobei der niedrige Bildungsgrad der Bevölkerung eine Rolle spielt. Die durchschnittlichen Bildungsjahre liegen bei 3,1 Jahren für extrem Arme, 4,4 Jahre für Arme und sieben Jahre für Wohlhabende.
Lösungen
Insgesamt lässt sich Armut in Ägypten an Faktoren wie ungleiche Vermögensverteilung, hohes Bevölkerungswachstum, niedriges Produktivitäts- und Exportwachstum und hohe Arbeitslosigkeit präsentieren. Diese Faktoren begünstigen die Ausbreitung der Armut auf der Makroebene. Dabei gibt es zahlreiche Möglichkeiten der Armutsbekämpfung in Kairo. Einerseits sollte sich die Verteilungs-, Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik stärker am Ziel der Armutsbekämpfung orientieren. Andererseits müssen das Bildungssystem und die Systeme der sozialen Sicherung reformiert werden.
Quellen:
- Loewe, Markus (2000): Systeme der sozialen Sicherung in Ägypten: Entwicklungstendenzen, Erfahrungen anderer Geber und Ansatzpunkte für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit.
- Hoodfar, Homa (1997): Between Marriage and the Market. Intimate Politics and Survival in Cairo.
- Wiesinger, Georg (2003): Ursachen und Wirkungszusammenhänge der ländlichen Armut im Spannungsfeld des Sozialen Wandels.
