Das Berufsbild des Sozialarbeiters hat seinen geschichtlichen Ursprung im 12. Jahrhundert, als aus der familiären Armenfürsorge eine öffentliche Fürsorge entstand. Diese organisierte Hilfe wurde anhand Aquins thomistischer Almosenlehre im Mittelalter weiter ausgebaut und beginnend mit der Neuzeit wandelte sich die kirchliche in eine städtische Armenfürsorge. Vives theoretisches Modell der Armenfürsorge führte dazu, dass die Armen individuell behandelt wurden und eine adäquate Hilfe bekamen. Während dieser Zeit war das Betteln bereits verboten. Dieses Verbot wurde in der Zeit der Aufklärung und des Absolutismus beibehalten. Im Zeitalter der Industrialisierung entstand die Massenverarmung, welche dazu führte, dass die Armen diskriminiert wurden und die Armenfürsorge zu einem Ehrenamt wurde. Nach dem Elberfelder- respektive Straßburger System fand eine Umstrukturierung der Armenpflege statt. Durch die Sozialgesetzgebung von Bismarck entstanden zwei Hilfebereiche: Sozialpolitik und Armenfürsorge. Nun, in der Wohlfahrtsfürsorge des 20. Jahrhunderts, ging man nicht mehr davon aus, welche Schwierigkeiten eine Person machte, sondern welche sie hatte. Alice Salomon hat diese Überlegungen wissenschaftlich zusammengefasst.
Kaiserreich und Weimarer Republik (bis 1933)
Durch Kaiser Wilhelm II. wurde Bismarck entlassen und in die Reform der Sozialpolitik wurden viele Erwartungen gesteckt, doch diese wurden nicht erfüllt. Zumindest die Reichsversicherungsordnung wurde 1911 rechtlich neu organisiert. Die kommunale Armenversorgung wurde ausgebaut und eigenständige Ämter organisiert, wie beispielsweise das Gesundheits-, Arbeits- und Wohnungsamt.
Die Entwicklung der Fürsorge Deutschlands hatte einen zentralen Einschnitt durch den Ersten Weltkrieg, besonders in zwei Bereichen:
- Familien, deren Ernährer eingezogen waren, wurden unterstützt durch Wochenhilfe aus der Kriegsfürsorge.
- 1919/1920 änderte sich die Zielgruppe der Fürsorge entscheidend, da Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene versorgt werden mussten.
Man unterschied zwischen Armenfürsorge und Kriegswohlfahrtspflege, da Kriegsbeschädigte Fürsorge erhielten, ohne die Voraussetzungen der Armenhilfe erfüllen zu müssen. Der Kreis der Unterstützungsberechtigten erweiterte sich auf die Witwen und Waisen des Ersten Weltkrieges, welche oftmals ohne angemessenen Unterhalt auskommen mussten. Gegensätzlich zur Armenfürsorge wurde die Kriegshinterbliebenenfürsorge nicht diskriminiert. Im Gegenteil, es bestanden besondere Maßstäbe, die dem Opfer, das die Kriegsteilnehmer dem Vaterland entgegengebracht hatten, Rechnung tragen sollten.
Begrifflich und sachlich unterschied man markant zwischen "Kriegsfürsorge" und "Kriegswohlfahrtspflege." Während das Erstere einen versorgungsähnlichen Charakter hatte, stellte das Letztere eine freiwillige Unterstützungsleistung dar.
Viele sozialpolitische Forderungen der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie wurden während des Krieges verwirklicht:
- Anerkennung der Gewerkschaften,
- Koalitionsfreiheit,
- Tarifvertragswesen,
- Schlichtungswesen.
Der Krieg erwies sich als eine Art Schrittmacher der Sozialpolitik, da die Organisation des Arbeitsmarktes als Staatsaufgabe anerkannt wurde. Arbeitsnachweise und Erwerbswesenunterstützung wurden eingerichtet, zudem baute man den Mieterschutz und eine Wohnungspolitik des Reiches auf.
Am 09.11.1918 wurde der neue Volksstaat ausgerufen, welcher nicht mehr nur ein Rechtsstaat sein sollte, sondern ein Staat, in dem es um Volkswohlfahrt als Sozialpolitik ging und dessen Bürger Gleichheit vor dem Gesetz erhielten. Viele neue Gesetze wurden erlassen, wie beispielsweise:
- Kriegsopferversorgung für Kriegshinterbliebene und -beschädigte,
- Sozial- und Kleinrenten für Inflationsopfer,
- Kinder- und Jugendfürsorge 1924
- Regelungen der sozialen Hygiene und Gesundheitsfürsorge mit der Zielvorgabe der Prophylaxe und Früherkennung.
Die Wohlfahrtspflege entwickelte sich während der Weimarer Zeit und ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:
- Die Wohlfahrtspflege wurde zentralisiert, das Reich übernahm zunehmend die Aufgaben.
- Statusanhebung der Fürsorgeempfänger - viele aus den gehobenen Schichten wurden durch den Krieg zu Hilfsbedürftigen.
Des Weiteren wurden die Armenhäuser umbenannt in Fürsorge- beziehungsweise Wohlfahrtsämter. Die klassischen Ämter wurden geschaffen: Jugendamt, Wohlfahrtsamt (heute Sozialamt) und das Gesundheitsamt. Zudem wurde in der Gesetzgebung nicht mehr der Begriff "Arme" verwendet, sondern die "Armenpflege" wurde durch "Wohlfahrtspflege" ersetzt.
Die Fürsorge wurde vergesellschaftet und unterschied sich deutlich von den ehemaligen Strukturmustern der Armut und Hilfe, wodurch etwas qualitativ Neues entstand: Wohlfahrtspflege respektive Sozialarbeit.
Es ging um eine begriffliche Klärung und Abgrenzung der beiden neuen Arbeitsgebiete, wobei man wesentliche Unterschiede suchte, doch das entscheidend Neue resultierte aus der Sicht des Menschenbildes. Während der ehemaligen Armen- und Wohlfahrtspflege wurde nur der "halbe Mensch", die äußere Seite der Not, berücksichtigt, wie etwa Nahrung, Kleidung, Obdach, Moral und Bildung. Doch nun wurde auch auf die innere Hälfte, die innere Natur, des Menschen beachtet. Das Erleben der Armut wird zum wesentlichen Gegenstand der Armut, da diese von einem Armutsbewusstsein und seelischem Erleiden begleitet wird. Die alte Erziehung ging von den Schwierigkeiten aus, welches das Kind machte, die neue von denen, die das Kind hatte.
Diese Verschiebung des Denkens und Handelns bedeutet jedoch nicht, dass die materielle Not keine Beachtung erhielt, sondern es fand eine Umwertung hin, zum ganzen Menschen.
Alice Salomon (1872 bis 1948)
In Deutschland gilt sie als Pionierin der Sozialarbeit, als Gründerin des sozialen Frauenberufes und Repräsentantin der Frauenbewegung. Wie kaum jemand anderes beeinflusste Alice Salomon mit ihren umfangreichen, wissenschaftlichen Werken und ihrem persönlichen Engagement die Soziale Arbeit in Deutschland. Diese gaben wegweisende Hinweise für Praxis, Theorie und zugleich Ausbildung der Sozialarbeit.
Der Entwicklungsstand einer modernen Gesellschaft waren Ausgangspunkte ihrer Überlegungen. "Je entwickelter und vielseitiger die Kultur einer Gesellschaft ist, desto weniger werden alle seine Glieder imstande sein, mit den herrschenden Ideen, Vorstellungen und Anforderungen Schritt zu halten; desto größer wird die Zahl derer, die sich nicht anpassen können; desto geringer werden die Möglichkeiten natürlicher, familienhafter, nachbarlicher Hilfe und Förderung.", so Salomon.
Durch die bewusste Anpassung des Menschen an seine Umwelt kann die ganze Persönlichkeit bestmöglichst entwickelt werden, welches das Ziel der Wohlfahrtspflege ist. Dies gilt jedoch auch umgekehrt, sehr gute Entwicklung der Persönlichkeit, durch die Anpassung der Umwelt an die besonderen Bedürfnisse und Kräfte des betreffenden Menschen.
Salomon ging es darum, dass die Wohlfahrtspflege die
- vorhandenen Kräfte des Menschen nach Möglichkeit fördert und entwickelt,
- vorhandenen Kräfte erhält und schützt, Schädigungen verhütet und ihnen vorbeugt,
- geschädigten Kräfte nach Möglichkeit wiederherstellt, Schäden heilt und ausgleicht,
- die Hilflosen versorgt und bewahrt, wo keine Heilung möglich ist.
Die Erstellung einer sozialen Diagnose ist die Grundlage allen Helfens, um diese Ziele zu erreichen. Daher können nur gut ausgebildete Personen diesen Beruf ausüben. 1908 wurde Salomon Direktorin der ersten Sozialen Frauenschule in Berlin. Auch andernorts gilt Salomon als Gründerin der entstandenen Ausbildungsstätten für Wohlfahrtspflegerinnen, da sie für den Ausbau der seit 1920 bestehenden Wohlfahrtsschulen in Deutschland Entscheidendes getan hat.
Quellen
- Sachße, Chr., Tennstedt, F. (1988): Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland. Bd. 2. Fürsorge und Wohlfahrtspflege 1871 bis 1929. Kohlhammer, Stuttgart
- Engelke, E. (1999): Soziale Arbeit als Wissenschaft. Lambertus, Freiburg
