Art Tatum - ein Gott der 88 Tasten

Vor 55 Jahren, am 5. November 1956, ist der Pianist Art Tatum gestorben. Die atemlose Geschwindigkeit seines Spiels war legendär.

Im Jahre 1955 befragte der Jazzkritiker Leonard Feather 126 Jazzpianisten nach ihrem wichtigsten Einfluss. 78 Mal fiel der Name Art Tatum. Bewundert wurde der Künstler aber nicht nur von seinen Jazzkollegen; auch die "Klassiker" - Leopold Godowsky, Vladimir Horowitz oder Walter Gieseking - waren oft gesehene Gäste im Onyx Club an der 52. Straße in New York, wo Tatum regelmäßig spielte. Und noch Jahrzehnte später gab André Previn, seit jeher Wanderer zwischen den musikalischen Welten, zu Protokoll: "Bei jedem Instrument mag man darüber diskutieren können, wer der Größte ist. Aber unter Pianisten gibt es nur eine Möglichkeit - Art Tatum."

Das Klavier aus dem Bordell geholt

Art Tatum hat das Jazzklavier, sozusagen, aus den Bordellen geholt und salonfähig gemacht. Er befreite das Solopiano vom anrüchigen Ruf des Ragtime - der klassischen Freudenhausmusik der 1910er und 1920er Jahre - und veredelte es zum eleganten, gesellschaftsfähigen Instrument des Swing.

Dabei spielte gewiss auch seine Liebe zur Salonmusik des 19. Jahrhunderts eine Rolle, die ihn Stücke wie Dvoráks "Humoreske" oder Massenets "Elegie" in sein Repertoire aufnehmen ließ, beifallsicheres und technisch eher anspruchsloses Material für höhere Töchter am Klavier. Doch wenn Tatum sich dieser gefälligen Tonwerke annahm, hatte man - wie es Oscar Peterson geschah, als er sein Vorbild zum ersten Mal hörte - den Eindruck, es säßen zwei Pianisten am Klavier, die mit atemloser Geschwindigkeit, rasanten Arpeggien, waghalsigen Läufen, wuchtigen Akkorden, treffsicheren Oktavsprüngen und punktgenau gesetztem Rhythmus, mal Walking Bass, mal Stride Piano, den Ohrwürmern aus der Alten Welt das letzte Staubkörnchen biedermeierlicher Betulichkeit aus den Notenköpfen pusteten.

Sehbehindert seit frühester Kindheit

Bei aller Experimentierfreudigkeit und meisterhaften Verarbeitungen bekannter Themen entfernte Tatum sich jedoch nie allzu weit vom ursprünglichen musikalischen Material. Sein Credo lautete: "Die Melodie ist wichtig für das Publikum." Und mit seinen - oft eher opulent dekorativen als originär kreativen - Ausschmückungen der Stücke, die den Großteil seines Repertoires ausmachten, sorgte Tatum stets dafür, dass seine Zuhörer im Wirbel der Töne die Orientierung nicht verloren.

Arthur Tatum jr. wurde am 13. Oktober 1909 in Toledo, Ohio, geboren. Von Kindheit an stark sehbehindert, besuchte er die Blindenschule in Columbus, wo man schnell seine musikalische Begabung erkannte. Als Siebzehnjähriger gewann er einen Amateurwettbewerb, dessen erster Preis eine regelmäßige Radiosendung war, die zumindest für lokale Bekanntheit sorgte.

Der Durchbruch kam 1932, als Tatum mit der Sängerin Adelaide Hall nach New York reiste. Sie förderte ihren jungen Begleiter maßgeblich und räumte ihm in ihren Konzerten viel Zeit ein, in der er mit seiner Begabung das Publikum regelmäßig zu Beifallsstürmen hinriss.

Den Tiger über die Tasten jagen

Eines seiner bis heute unübertroffenen Solostücke aus der Zeit des frühen Ruhms ist der "Tiger Rag", seit 1917 das Markenzeichen der "Original Dixieland Jazzband". Wenn Tatum zur Jagd auf die Wildkatze ansetzt, gerät man schon beim Zuhören noch heute außer Atem: Mit einem pianistischen Hurrikan der Kategorie fünf jagt er das Raubtier über die Tasten. Kein Wunder also, dass er vor allem solistisch auftrat, denn kaum ein Kollege traute sich, mit ihm gemeinsam zu spielen.

Es sollte daher noch gut zehn Jahre dauern, ehe Tatum sein erstes Trio mit dem Gitarristen Tiny Grimes und dem Bassisten Slam Stewart gründete. Freilich: Jazz im klassischen, das heißt spontan improvisatorischen Sinne finden sich in den Aufnahmen des Art-Tatum-Trios kaum. Stewart sagte einmal, dass ihr Repertoire zum größten Teil aus vorgefertigten und nie geänderten Arrangements bestand. Tatum rechtfertigte sich dafür mit der Bemerkung: "Warum sollte ich etwas ändern, wenn ich die perfekte Version für ein Stück gefunden habe?"

Kein wirklicher Neuerer des Jazz

So reiht sich Art Tatum in die Riege der großen Pianisten ein als einer, der zwar über eine stupende Technik verfügte sowie eine schier grenzenlose musikantische Fantasie, aber kein wirklicherer Neuerer des Jazz war. Dennoch sehen in ihm manche einen Wegbereiter des Bebop - eine Richtung, in der er selbst, ganz und gar dem Mainstream verhaftet, keine Rolle spielte.

Er war, wie der Plattenproduzent Norman Granz ihn nannte, "das Genie des Jazzklaviers" - nicht die schlechteste Auszeichnung, die man einem Pianisten verleihen kann. Übertroffen wird das Lob nur von Fats Waller, Tatums großem Vorbild, der einmal beim Anblick seines Kollegen im Publikum seinen Vortrag unterbrach und den verdutzten Zuhörern erklärte: "Ladies und Gentlemen, ich spiele Klavier. Aber heute Abend ist Gott im Haus."

Am 5. November 1956 ist Art Tatum, nach einem Konzert vor 19.000 Menschen in der Hollywood Bowl , in Los Angeles gestorben. Er wurde 47 Jahre alt.

Quellen: The New Grove Dictionary of Jazz, London 1988; Len Lyons, The Great Jazz Pianists, New York 1983; Gunther Schuller: The Swing Era. The Development of Jazz 1930 - 1945, New York 1989