
- Alpenzoo-Eingang - Adele Sansone
Fragen über die Sinnhaftigkeit der Tierhaltung im Zoo ergeben sich heute immer dann, wenn es um den Tod eines Lieblingstieres im Zoo geht. Sei es die Elefantenkuh Vilja, die im heißen Sommer 2010 im Alter von 61 Jahren in der Wilhelma an einem Kreislaufkollaps starb oder das Sibirische Tigerweibchen Mary, 14 Jahre alt, das wegen eines Tumors an den Milchleisten eingeschläfert werden musste.
Immer folgt daraufhin die Frage: Zoo heute? Ist das noch zeitgemäß? Ist es mit dem Tierschutz vereinbar? Wozu dient ein Zoo eigentlich?
Grundgedanke des Zoos
Der Zoo, die menschengerechte Wildnis herein geholt in die Städte, wandelte sich von der reinen Zurschaustellung wilder Tiere zum Träger von Tier- und Artenschutz. Einer der Initiatoren dieser Entwicklung war der 1992 verstorbene Schweizer Zoodirektor Heini Hediger. Hediger (1973) "Ein Zoo ist gleichzeitig Freizeiteinrichtung, Lernort, Forschungsstätte und Naturschutzzentrum".
"Tiere sollen in Zoos unter artgemäßen Bedingungen gehalten und betreut werden. Dazu gehört auch, dass sie sich fortpflanzen können. Dies gilt für alle Tierarten, unabhängig von ihrem emotionalen Stellenwert für den Menschen; es kann allerdings nicht für jedes Individuum gelten." (Rigi-Symposion 2003)
Zoos, die ihre Tätigkeit an der Welt- Zoo- und Aquarium-Naturschutzstrategie (WAZA), 2005) ausrichten, bürgen für Qualität, richten sich nach internationalen Standards.
Die Biophilie des Menschen
Die Biophilie ist die Liebe zum Lebendigen, der instinktive Hang des Menschen zur Natur, der nicht alleine durch das Betrachten der Bilder im Film und Fernsehen gestillt werden kann. Der Mensch braucht zusätzlich die Erfassung mit allen Sinnen – mit eigenen Augen betrachten, riechen, berühren. Der Mensch braucht die Wildtiere und deren Umwelt hautnah und nicht nur über die Konserve.
Die Zoo-Utopie bleibt: Die menschliche Biophilie und das tierische Wohlbefinden in Einklang zu bringen. Immer mehr Zoos versuchen bei Neubauten, notwendigen Umbauten und Erweiterungen dieser Utopie nahe zu kommen. Allerdings kann das nie für den gesamten Tierbestand gleichzeitig erfolgen, dazu fehlen einfach die Mittel.
Der Artenschutz, die Arterhaltung und der Zoo
Seit dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen sind für die Nachzucht von geschützten und gefährdeten Arten die Zoos unersetzlich geworden. Wildfänge sind seither für Dutzende Tierarten nicht mehr erlaubt. Internationale Zuchtbücher (ESB=European Studbook) sorgen dafür, dass die genetische Vielfalt erhalten bleibt.
Nur gelegentlich gelangen noch neue Wildfänge in den Zoo. Tiere, die entweder verwaist oder verletzt aufgefunden wurden. Aktueller Fall: Zwei sehr junge Eisbären, die in Russland verwaist aufgegriffen, gerettet und in einen Zoo verbracht wurden.
Das Europäische Erhaltungszuchtprogramm (EEP)
Seit 1985 lenkt für Europa das EEP die Nachzucht gefährdeter oder vom Aussterben bedrohter Arten. Ein Zoo wirkt federführend für eine oder mehrere Arten. Der jeweilige Koordinator stimmt sämtliche Maßnahmen, wie Zucht, Zuchtpaare, Abgabe der Jungtiere und Auswilderungsmaßnahmen gemeinsam mit den anderen Zoos, WWF, Nationalparks, Naturschutzbund, Bundesforste und vielen anderen Einrichtungen ab.
Retten Zoos die Artenvielfalt, die Biodiversität?
„Zoos sind für die Rettung der Artenvielfalt heute unersetzlich.“ so Dag Encke, Zoochef in Nürnberg. Denn Zoos sind nicht nur „Freizeitparks“, sondern ein starker Resonanzkörper für das Thema Tier- und Artenschutz. Die Zoo-Mitarbeiter steuern entscheidendes Know-how zur Bewahrung einer Art bei. "Keine andere Stätte hat heute mehr Wissen als ein Zoo, um aus winzigen Restbeständen einer Art wieder eine vitale überlebensfähige Population zu erzeugen." Dag Encke. Der Zoo dient als Artenspeicher und als Wissensspeicher. Alle Freilandprojekte sind untrennbar mit der Arbeit der Zoos verbunden und umgekehrt. Ist der Zoo also doch eine Art "Arche Noah"?
Schirmart (umbrella species)
Das Zootier fungiert als Schirmart (umbrella species) für seinen gesamten Lebensraum, nicht nur für sich selbst. Mit Eisbären lässt sich einem Millionenpublikum vieles über Artenschutz, Bedrohung natürlicher Lebensräume und Klimawandel vermitteln. Der Eisbär steht für Klimaschutz und das nicht erst seit Knut. Gorilla und Orang-Utan stehen für die Rettung der Regenwälder, der Delphin für den Schutz der Meere.
Mit dem Tier wird aber nicht nur das Tier selbst, sondern eben seine ganze Lebensregion und alle anderen Arten, die dort leben und nach denen sonst kein Hahn kräht, geschützt und im besten Falle, bewahrt.
Das Wisent - Ein erfolgreiches Beispiel zur Arterhaltung
Wisente waren im Freiland von der Landkarte so gut wie verschwunden. Sie wurden in Zoos nachgezüchtet – von 57 überlebenden Zootieren ausgehend. Deren Nachfahren wurden ab 1952 wieder erfolgreich in Bialowieza in Polen ausgewildert. Heute umfasst die Population bereits an die 3.000 Tiere. Das Zuchtbuch für Wisente gilt als das älteste Zuchtbuch für eine Wildtierart überhaupt.
Für die Wisente opferten Menschen Geld und auch Engagement, für die dort ebenfalls angesiedelten Insekten, Kleintiere oder auch Pflanzen hätte man keinen Finger gerührt. So fungiert das Leittier als Schirmart für einen gesamten Lebensraum.
Auch in Deutschland soll im Rothaargebirge ausgewildert werden. Die ersten Wisente wurden hier Ende März 2010 in ein 88 ha großes Gehege gebracht. Langfristig sollen die Tiere in dem Gebiet völlig frei leben.
Andere erfolgreiche Beispiele sind Steinbock, Bartgeier, Wildkatze (siehe Alpenzoo).
Wer sich für diese Themen interessiert, findet auch in folgenden suite101-Artikeln Lesenswertes:
Alpenzoo Innsbruck - Artenschutz und EEP - Programme (Adele Sansone)
Alpenzoo Innsbruck - Fortpflanzung und Nachwuchs (Adele Sansone)
Pro & Contra der Tierhaltung im Zoo (Birte Wermann)
Gespräch mit Dr. Blaszkiewitz - Zoo und Tierpark Berlin (Adele Sansone)
Artenschutz stirbt im Schatten der Großkonzerne (Paul Bock)
Rote Listen wachen weltweit über den Artenschutz (Paul Bock)
Artenschutz: Nashörner im Aufwind (Andreas Lampe)
Botanische Gärten - Aufgabe und Zielsetzungen (Juditz Czakert)
