
- Das stille Kind von Asta Scheib - www.dtv.de
Alles fing so gut an mit Paulina und Lukas. Sie wählten sich und ihr unabhängiges Leben, und das, obwohl Paulinas Eltern mit der Wahl ihrer Tochter nicht zufrieden waren. Denn Lukas, der Landschaftsgärtner, war nicht das Modell eines Schwiegersohns, den sich der Herr Professor und die Frau Doktor für ihre Tochter gewünscht hätten. Paulina arbeitet nicht mehr, obwohl sie als Schauspielerin eine erfolgversprechende Rolle gespielt hatte. Dazwischen kamen die Geburten der drei Kinder. Cosima ist sechs, aufgeweckt und lebenshungrig. David ist eher still, verschlossen und neigt zu hysterischen Tobsuchtsanfällen. Mavie, der Säugling, dagegen ist zufrieden und leicht zu handhaben. Doch um David machen die Eltern sich Sorgen. Immer mehr reagiert die Umwelt abweisend auf den stillen Jungen. Dabei ist er nur anders, meint Paulina, sensibler, unsicherer, aber er ist ganz sicher begabt. Doch Lukas drängt darauf, einen Spezialisten aufzusuchen. Die Fronten verhärten sich, denn Paulina hat Angst, was dieser Besuch für Folgen haben wird.
Der Alltag mit einem autistischen Kind – einfühlsam erzählt
Paulina würde gerne in einem schönen Haus mit Garten leben. Oft geht sie in Nymphenburg spazieren und schaut sich Villen an. Denn Träumen ist erlaubt. Bei einem dieser Spaziergänge lernt sie Pierre Volbert kennen, als sie ihm auf der Straße nach einem Schwächeanfall hilft. Schnell wächst die Sympathie zwischen den Beiden, Freundschaft und Leidenschaft entwickeln sich. Und dann taucht auch noch Lukas verflossene Liebe Maxime aus Kanada auf. Alles in allem wird die Ehe von Lukas und Paulina auf eine harte Probe gestellt – in einer Zeit, wo die Sorge um David sie angreifbar und verletzlich gemacht hat.
Asta Scheib schreibt realistische Romane, mit Blick für kleine Details
„Das stille Kind“ ist ein realistischer Roman. Das Herzstück der Geschichte ist David, der autistische Junge, um den sich die Welt der Familie dreht – bis die Diagnose ihnen neue Möglichkeiten und auch Ruhe schenken kann. Doch die Welt Davids ist bevölkert mit vielen Familienmitgliedern – die alle mit einem Schmerz in ihren Leben kämpfen.
Paulina hat ein gestörtes Verhältnis zu ihren Eltern, ihre Schwester Lilli fühlt sich einsam und verwechselt ihre Sehnsucht nach Nähe mit der Liebe. Granny, die Urgroßmutter der Kinder und Lukas „Ziehmutter“, ist der Ruhepol der Familie Ruge, aber auch sie hat bewegte und bewegende Zeiten hinter sich. Vielleicht kann sie gerade deshalb so viele Menschen in ihr Leben lassen?
Lukas liebt Paulina, aber er vermag seinen Sorgen keine Worte zu geben und verliert dabei fast die Liebe seines Lebens. David bemerkt vieles, ohne es richtig zu verstehen. Die Personengalerie ist reich und alle haben einen Schmerz in ihrem Leben. Realistischer könnte es nicht sein, denn ohne Herausforderungen kann niemand sein Leben meistern.
Asta Schreib will den Alltag und seine Helden zeigen.
Mit einer glasklaren Sprache, Blick für die kleinen Details im Alltag und den Untiefen der Menschen vermag Asta Scheib den Leser in den Bann zu ziehen. Menschen wie diese kennt jeder. Asta Schreib weist auf die Helden des Alltags, die oft ein kleines Leben teilen, aber viel verändern.
Sie schreibt über Zufälle, die schicksalhaften Einfluss auf das Leben der Menschen haben und ihre Wahl bestimmen. Und sie schreibt über die Verantwortung, die jeder trägt, für sein Leben, seine Entscheidungen und für die Menschen, die ihm nahe stehen. Am meisten jedoch gibt sie den Stummen eine Stimme und plädiert für Gerechtigkeit und Verantwortung. Ein durch und durch gelungener Roman, der von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt.
Asta Scheib: Das stille Kind. Dtv. 2011. 288 Seiten. Broschiert. dtv-premium. 2011. 14,90 €.
