
- Hagia Sophia in Istanbul - Stefan Heimann
Athen und Istanbul sind zunächst einmal zwei Hauptstädte im Südosten Europas. Eigentlich kriegt man hier nicht besonders viel von ihnen mit - es sei denn, Bekannte von einem mussten auf Ihrem Weg in die Sonne zufällig einen Flughafen in diesen Städten benutzen oder es geht in den Nachrichten mal wieder um den EU-Beitritt der Türkei. Blickt man aber in der Zeit zurück, so sieht man zwei historisch miteinander verbundene Metropolen, deren Bedeutung für die Geschichte Europas kaum überboten werden kann. Grund genug, sich einmal vor Ort um zu schauen.
Athen – Wiege von Demokratie und Wissenschaft
Wenn man nach dem Flug vom heruntergekommenen ehemaligen DDR-Flughafen Berlin-Schönefeld am neuen Venizelos-Airport in Athen landet, mag man zunächst angenehm überrascht sein: Alles wirkt modern und aufgeräumt, schicke klimatisierte Nahverkehrszüge bringen die Ankömmlinge ins Zentrum der griechischen Millionenstadt. Hier ist dann aber auch schnell Schluss mit angenehm: Das modere Athen ist eine furchtbare Stadt. Eng, heiß, laut, alles besteht aus gesichtslosen Betonbauten und überall herrscht Verkehrschaos. Schnell weiter in die Altstadt also. Der Begriff „Altstadt“ ist in Athen irreführend: Der Besucher wird hier kein urbanes Zentrum mit vielen Büros und Geschäften finden, sondern ein kleines mittelalterliches Dorf mit winzigkleinen Häusern und verträumten Plätzen. Dies ist die Plaka, eine stadtgeschichtliche Besonderheit Athens. Die Entwicklung dieser Stadt verlief nämlich alles andere als gradlinig: Athen ist zunächst von der antiken Kulturmetropole zu einem unbedeutenden mittelalterlichen Dorf zusammengeschrumpft, um dann in der Neuzeit wieder zu einer großen Stadt anzuwachsen.
Diese drei historischen Stadtschichten – antike Metropole, mittelalterliche Plaka und moderne Großstadt – sind hier heute noch immer gut erkennbar. Der Athentourist wird sich aber sicherlich am meisten für das antike Athen interessieren: für den Akropolis-Berg mit dem berühmten Parthenon-Tempel und dem nagelneuen Akropolis-Museum, für die griechische und die römische Agora, für den gewaltigen Zeustempel, für den „Turm der Winde“ und für die beiden riesigen Theaterbauten am Südhang der Akropolis.
Richtig spannend wird die Besichtigung dieser alten Trümmer aber erst, wenn man sich bewusst macht, was das antike Athen an kulturellen Leistungen hervorgebracht hat: Bereits vor 2.500 Jahren setzte sich hier erstmals in der Geschichte die Demokratie durch. Und auch die Wurzeln des modernen Theaters liegen in Athen, genauer im Dionysostheater. Hier wurden viele Stücke, die noch heute weltweit gespielt werden, uraufgeführt. Eine weitere kulturgeschichtliche Errungenschaft des antiken Athens ist, dass sich hier eine Rationalität durchsetzen konnte, die eine wichtige Voraussetzung für Philosophie und Wissenschaften darstellt. Und die Wissenschaften erblühten hier, bis im Jahre 529 der christliche Kaiser Justinian die „heidnischen“ Bildungsanstalten Athens verbieten ließ. Von da an wandelte sich Athen von der antiken Bildungs- und Kulturmetropole zu einem unbedeutenden mittelalterlichen Dörfchen. Erst als die antiken Werte in der Renaissance wieder auflebten und Griechenland sich vom Osmanischen Reich loslösen konnte, blühte die Stadt erneut auf und entwickelte sich zur Hauptstadt des modernen griechischen Staates.
Athen und Istanbul – eine vielfach verwobene Geschichte
Osmanisches Reich? Ja, Athen stand nämlich über viele Jahrhunderte unter dem Pantoffel Istanbuls. Aber der Reihe nach: Zunächst einmal kamen im zweiten vorchristlichen Jahrhundert die Römer und gliederten sowohl das antike Athen als auch das griechische Bosporusstädtchen Byzantion in ihr Reich ein. Als das Römische Reich dann etwa 600 Jahrhundert später in zwei Teile zerfiel, wurde die östliche Hälfte und damit auch Athen von Byzantion aus regiert. Byzantion wurde dabei von Kaiser Constantinus umfassend ausgebaut und befestigt und wurde von nun an unter dem Namen Konstantinopel bekannt. Der athener Parthenon-Tempel wurde schon bald zur christlich-byzantinischen Kirche. Als dann die Osmanen im 15. Jahrhundert Konstantinopel eroberten und die Stadt zu Istanbul wurde, gliederten die neuen Herrscher das Dörfchen Athen erneut in ihr Weltreich ein. Nun wurde der Parthenontempel zur Moschee. Der Name Istanbul ist wahrscheinlich eine türkische Abwandlung des griechischen Ausdrucks für „in die Stadt“ und resultiert daraus, dass diese Metropole aufgrund ihrer Größe und Bedeutung lange einfach nur als „die Stadt“ bezeichnet wurde – und von den Griechen bis heute häufig so genannt wird. Bis 1827 gehörte Athen nun zum Osmanischen Reich. Athen wurde also fast 1.500 Jahre lang von Istanbul aus regiert. Die heutige Beziehung zwischen den beiden Hauptstädten gilt als schwierig, sie entspannt sich aber.
Istanbul – alte Stadt im dynamischen Wandel
Wenn man sich nun von Athen nach Istanbul begibt und sich dort umschaut, dann bekommt man schnell den Eindruck, dass Athen zwar für historische Ideale steht, dass Istanbul aber dafür die modernere, dynamischere und spannendere Stadt ist. Natürlich hat auch Istanbul historisch Wertvolles zu bieten: Die uralte Hagia Sophia beispielsweise, immerhin einst die größte christliche Kirche überhaupt. Und auch der Sultanspalast Topkapi, der historische Basar oder die riesigen unterirdischen Zisternen sind durchaus sehenswert. Aber wenn man die viel älteren Bauten Athens vor Augen hat und auch nur halbwegs ahnt, dass diese für Ideale wie Demokratie, Aufklärung und Rationalität stehen, dann wird einen das historische Istanbul vergleichsweise wenig beeindrucken.
Was hier beeindruckt ist vielmehr die Lebendigkeit dieser quirligen und jungen Großstadt. Istanbul boomt. Überall wachsen neue Stadtviertel in den Himmel. Heute gehört der Großraum Istanbul zu den größten Ballungszentren der Welt. Und auch kulturell hat die Stadt sehr viel zu bieten. Außerdem ist sie einfach ein wahnsinnig spannendes Zwitterwesen aus westlich modern und osmanisch traditionell, aus europäisch und asiatisch, aus islamisch geistlich und weltlich säkular. Wem dies zu abstrakt ist, der sollte einfach die wundervolle Landschaft in der Stadt genießen: Durch welche andere Stadt fließt schon ein ganzer Meeresarm? Und insbesondere für Deutsche kann ein Aufenthalt hier auch sehr lehrreich sein: Ständig wird man hier nämlich von vermeintlichen Türken angesprochen – in fließendem Schwäbisch, weil diese in einem einen Landsmann erkannt haben. Man wird hier viel leichter und ungezwungener mit den „Deutschtürken“ ins Gespräch kommen als in Deutschland und wird dabei viel Positives aus dieser „Parallelgesellschaft“ mitnehmen.
Insgesamt kann man Istanbul heute ohne Anmaßung zu den aufregendsten Städten der Welt zählen. Selbst die europäischen Metropolen Paris und London wirken dagegen ein wenig träge und unbeweglich. Und wenn man dann vom modernen Atatürk-Flughafen zurück nach Schönefeld geflogen ist, dann wird einem schnell klar, dass das beschauliche Berlin in einer ganz anderen Liga spielt.
