Atlantik-Dampfer als lukratives Risiko: Beispiel "Inman Line"

Sag mir, wo die Dampfer sind... - joakant / pixelio.de
Sag mir, wo die Dampfer sind... - joakant / pixelio.de
Auch Pioniere neuester Schiffstechnik verloren im Atlantik zwischen Europa und Amerika immer wieder Schiffe, Geld und Menschenleben.

Im Jahre 1850 waren Dampfschiffe auf dem Nordatlantik zwischen Europa und Amerika schon nichts Neues mehr. Waren die ersten Überseedampfer noch belächelte „Segelschiffe mit Ofen“ gewesen, waren nun verstärkt Dampfschiffe mit Hilfstakelage unterwegs. Die Maschinen wurden stärker, die Schiffe größer und auch schneller – in diesen Jahren wurde erstmals vom „Blauen Band“ gesprochen. Passagierzahlen und Frachtmengen stiegen in bis dato unbekannte Dimensionen. Gleichzeitig häuften sich in alarmierender Weise die Schreckensmeldungen über Schiffsverluste im Atlantik. Dennoch wollten immer mehr Reeder in dieses lukrative Geschäft einsteigen...

Liverpool & Philadelphia Steamship Co. - alias Inman Line

Im Jahre 1850 gründete in Liverpool, dem neuen Haupthafen der britischen Atlantik-Reedereien, der Geschäftsmann William Inman eine Gesellschaft für den Liniendienst zwischen Liverpool und Philadelphia (USA). Anders als viele Konkurrenten verschwendete Inman keine Kreativität auf den Namen seiner Firma („Dampfschiff-Gesellschaft Liverpool-Philadelphia“); seine Ideen hob sich der Reeder für die Konstruktion seiner Schiffe auf.

In jenen Jahren befand sich der Schiffbau in einer wilden Phase. Die Ingenieure auf beiden Seiten des Atlantiks stritten sich über hundert ungelöste Fragen: Wie groß und wie schwer dürfen Schiffs-Dampfmaschinen sein? Wie schnell können, sollen und dürfen Dampfschiffe fahren? Treiben diese neumodischen Schiffsschrauben wirklich besser an als Schaufelräder? Und dieser Wunderbaustoff, das neuerdings in großen Mengen produzierte Eisen: Wie lange hielt es Salzwasser stand?

Inman setzte konsequent auf Fortschritt. Die ersten zwölf Inman-Dampfer entstanden alle bei “Todd & McGregor“ – den Pionieren des Schraubenantriebs und des Eisenschiffbaus aus Glasgow. Während etwa die berühmte Cunard Line noch zwanzig Jahre lang hölzerne Raddampfer betrieb (sonst hätte Cunard den lukrativen Postkontrakt mit der British Royal Mail verloren!), setzte Inman auf eiserne Schraubendampfer von über 2000 BRT, deren klassischer Klipper-Steven unter der Takelage vor allem eins versprach: Hohe Reisegeschwindigkeit.

City of Glasgow: Verschollen im Atlantik

Inman begann seinen Dienst mit zwei Schiffen: Der 1600 BRT großen „City of Glasgow“ und der bereits über 2000 BRT messenden „City of Manchester“. Diese Schiffe zu bauen war ein enormes Risiko gewesen, da Inman keinerlei Hilfe vom britischen Staat zu erwarten hatte. Doch die beiden Dampfer bewährten sich – die erste Ankunft der „City of Glasgow“ löste, wie ein Zeitungsartikel überlieferte, „im sonst so gelassenen Philadelphia ein wahres Freudenfest aus“, und die Reisen der beiden Schiffe spülten soviel Geld in die Kasse, dass Inman sehr bald ein drittes Schiff in Auftrag geben konnte. „City of Philadelphia“ sollte 1854 zur Inman-Flottille stoßen. Doch dann brach das Unglück über Inmans Schiffe herein.

Am 1.März 1854 war „City of Glasgow“ mit 480 Menschen aus Liverpool abgegangen. Da eine Atlantik-Überquerung damals zwei Wochen dauerte und noch keine Kabelverbindung zwischen den Kontinenten existierte, blieben ausreisende Schiffe einen guten Monat lang (nämlich bis zur Rückkehr) genauso „verschollen“ als die Segelschiffe der vorigen Jahrhunderte. Es regte erst niemanden auf, dass „City of Glasgow“ sich mit ihrer Rückkehr ein, zwei Wochen Zeit ließ: Irgendeine Reparatur, vielleicht an der Maschine... doch dann brachte Ende April ein Schiff, das am 9.April in Philadelphia ausgelaufen war, Anfragen der Behörden und Kaufleute in den USA: Wo denn „City of Glasgow“ so lange bleibe, sie hätte doch schon Mitte März einlaufen sollen!

Panik und Entsetzen in beiden Städten, hektische Anfragen in allen erreichbaren Häfen – niemand hatte „City of Glasgow“ gesehen; niemand sollte sie jemals wieder zu Gesicht bekommen. Sie war einfach fort, verschollen im Atlantik. Nicht mal Wrackreste tauchten auf. Am 12.Mai ließ Lloyds verlauten, man müsse „vom Schlimmsten ausgehen“. Beigefügt war eine lange Liste von im Atlantik vermissten Schiffen – und Berichte über ungewohnt große Eisberge auf südlichem Kurs.

"City of Philadelphia" und die Auswanderer-Welle

Zum Glück war gerade das dritte Schiff fertig geworden. Doch „City of Philadelphia“ sollte die Stadt, deren Namen sie trug, nie erreichen. Am 30.August von Liverpool abgegangen, scheiterte sie am 9.September an der Südost-Ecke von Neufundland bei Kap Race. Zwar konnten diesmal alle Insassen gerettet werden, das Schiff war jedoch verloren.

Inman war nur „City of Manchester“ geblieben. Der Image-Schaden der eben noch gefeierten Reederei war fast so desaströs wie der materielle Verlust: Jedes Dampfschiff verschlang Unsummen, ehe es Profit abwarf. Es musste geplant, konstruiert, gebaut, getestet werden. Dann die Ausstattung von der Hängematte bis zum Kronleuchter. Schließlich Kohle, Schmieröl, Speisewasser, Vorräte und Ersatzteile. All das war nun verloren - von den Menschen gar nicht erst anzufangen...

Doch der Reeder gab nicht auf. Mochten ihn die reichen Passagiere verlassen, so wartete die Woge europäischer Auswanderer darauf, ins gelobte Land übergesetzt zu werden. Binnen Jahresfrist wurden vier neue Schiffe geordert (sie alle sollten fast 20 Jahre lang im Dienst bleiben), und ab 1857 steuerten Inman-Dampfer auch New York als Zielhafen an. Folglich hieß die Firma nun „Liverpool, New York & Philadelphia Steamship Co.“ - doch alle Welt kannte die Dampfer mit dem Klipper-Steven längst nur noch als „Inman Line“. Sie rehabilitierte sich glänzend.

Wettstreit ums „Blaue Band“ endete in Roten Zahlen

Ab 1869 griff die Inman Line nach dem Blauen Band. Mit „City of Brussels“ begann die Epoche der „Atlantik-Renner“, als immer größere und schnelle Schiffe konstruiert wurden. Inman gewann das Band immer wieder mal, doch zu einem hohen Preis: Durch das „Wettrüsten“ waren viele Dampfer technisch überholt, noch ehe sie sich rentiert hatten. Außerdem verlor Inman weiterhin Schiffe: 1864 strandete „City of New York“ vor Irland, 1870 verschwand „City of Boston“ mit 191 Seelen spurlos auf dem Weg nach England, 1873 sank „City of Washington“ vor Sable Island (Kanada).

Nach Inmans Tod im Jahre 1881 verlosch der Glanz der Reederei. Technisch konnte sie der Konkurrenz nicht mehr folgen, und das Pech blieb den „Citys“ treu: 1883 sank der einstige Blauband-Gewinner „City of Brussels“ nach Kollision auf dem Mersey. 1887 brannte „City of Montreal“ völlig aus. 1892 strandete „City of Chicago“ vor der irischen Küste. - Es war der letzte Schiffsverlust der Inman Line. Ihre Schiffe wurden 1893 an ein US-Konsortium verkauft und das klangvolle „City of...“ aus den Namen gestrichen.

Doch die Inman Line verabschiedete sich mit einem Paukenschlag: Ihre letzten beiden Schiffe, „City of Paris“ und „City of New York“ (je 10.000 BRT), waren 1888 die größten und mit 20 Knoten schnellsten Passagierdampfer der Welt. „City of New York“ eroberte das Blaue Band zuletzt im Jahre 1892 - letzter Triumph der Inman Line, ehe sie finanziell ausgeblutet vom Atlantik verschwand.

Literatur:

  • Jochen Brennecke: "Geschichte der Schiffahrt", Stuttgart 1981
  • Duncan Haws: "Schiffe und Meer", Dt. Ausgabe Bielefeld 1994

Bildnachweis: © Joakant / Pixelio.de

Dirk Buschmann, Dirk Buschmann

Dirk Buschmann - Dirk Buschmann (geb. 1977) aus LÜNEN bei Dortmund, ist studierter Historiker (NF: Geographie und Politikwissenschaft) und sozusagen ...

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