
- AKW in Cattenom in Frankreich - Toucanradio
Selbst beim Chicago Pile 1 (CP-1), dem weltweit ersten Kernreaktor, wurde vom Konstrukteur Enrico Fermi eine Reaktorschnellabschaltung vorgesehen. Dies war eine sehr simple, rudimentäre Methode, in der ein Arbeiter im Notfall mit einer Axt ein Seil durchtrennen sollte, an dem ein Regelelement befestigt war. Dieses Regelelement sollte dann in den Reaktor fallen und ihn auf diese Weise unterkritisch machen. Noch heute wird diese Methode – wenn sie auch aktuell sehr viel ausgefeilter ist – SCRAM genannt. Dabei steht SCRAM für Safety Cut Rope Axe Man.
Im Notfall RESA oder SCRAM
Im deutschen Sprachraum wird die Reaktorschnellabschaltung auch als RESA bezeichnet. Diese Methode, auch wenn sie suggeriert, dass eine sofortige Abschaltung stattfindet, führt nicht dazu, dass die Kettenreaktion unmittelbar unterbunden wird. Vielmehr wird die Leistung des Atomkraftwerkes auf ein Minimum heruntergefahren – auf etwa fünf Prozent des Normalbetriebes. Je nach Reaktortyp kann die weitere Leistungsreduzierung noch einige Tage dauern, ein Zeitraum, in dem es trotz allem unerlässlich ist, den Reaktor weiter herunterzukühlen.
Reaktorschnellabschaltung in Tschernobyl
Ob es die Axt ist, mit der sinnbildlich die Reißleine durchgeschlagen wird oder – wie bei modernen Kernreaktoren – die Steuerstäbe in die Brennelemente gefahren werden: Es gibt etliche Beschränkungen und auch Gefahren. So führte beispielsweise die Reaktorschnellabschaltung bei der Katastrophe in Tschernobyl zu einer temporären Leistungssteigerung und war vermutlich einer der Faktoren, der zur Explosion des Reaktors geführt hat. Der Grund lag hierbei in der Bauart des Reaktors. Es handelte sich um ein RBMK (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny), der Mitte der 1960er Jahre in der Sowjetunion entwickelt wurde.
Probleme in Fukushima
Auch in Fukushima wurde nach den Tohoku-Erdbeben am 11. März 2011 eine Reaktorschnellabschaltung durchgeführt. Die notwendige Kühlung der Brennstäbe, die nach einer solchen Abschaltung unerlässlich ist, konnte allerdings nicht aufrechterhalten werden, da weder die herkömmliche Stromzufuhr noch die Notstromversorgung funktionierte. Um derartige Probleme in Deutschland zu analysieren, wurde kurz nach der Katastrophe in Japan ein dreimonatiges Moratorium einberufen.
Transiente ohne SCRAM
Als ATWS (Anticipated Transient without Scram) wird ein Unfall in einem Atomkraftwerk bezeichnet, bei dem nicht nur die Kühlung, sondern auch die Reaktorschnellabschaltung nicht funktioniert. Bei einigen Reaktoren, so zum Beispiel bei dem Leichtwasserreaktor, gibt es in einem solchen Falle eine weitere Notfallmaßnahme. Dabei handelt es sich um eine Flutung des Reaktorbehälters mit Borsäure, was als Neutronengift wirkt und die Kernspaltungs-Kettenreaktion stoppen soll. Im Jahre 2006 kam es in dem bulgarischen Kernkraftwerk Kosloduj zu einer sogenannten Notborierung. Obwohl weltweit noch kein ATWS-Fall bekannt geworden ist, gab es einige Vorläufer dazu, so beispielsweise den erwähnten Störfall in Bulgarien.
Quellen:
- US N.R.C. Glossary (ATWS)
- Reactor Protection & Engineered Safety Feature Systems
- IAEA Safety Standards GS-R-3
- ORNL - Scram
- UKEPR-0002-092 Issue 02
