Attentat auf Wolfgang Schäuble

Geistig Gestörter schießt dreimal auf den deutschen Innenminister

Im Wahlkampf 1990 gab es zwei Attentate auf Spitzenpolitiker: Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble. Der Bundesinnenminister sitzt seitdem im Rollstuhl.

Der Abend des 12. Oktober 1990 verlief lange normal. Wolfgang Schäuble warb in Oppenau auf einer Veranstaltung der CDU für die Deutsche Einheit. Als Bundesinnenminister hatte er selber den Vertrag mitentwickelt. Dann trat ein Mann aus der Menge und feuerte drei Schüsse aus einer Smith & Wesson, Kaliber 38 ab.

Zwei Schüsse trafen Schäuble. Eine Kugel schlug im Kiefer ein, die andere erwischte das Rückenmark. In die dritte warf sich Schäubles Leibwächter, Klaus-Dieter Michalsky. Tumult. Der Täter wird niedergestreckt, die Angeschossenen versorgt. Glück im Unglück: Schäuble und Michalsky überleben verwundet. Der Leibwächter ist leicht verletzt, der Politiker schwebt in Lebensgefahr.

Vom dritten Brustwirbel an gelähmt

In der Freiburger Uniklinik kämpfen renommierte Ärzte um sein Leben - mit Erfolg. Nach wenigen Tagen präsentiert sich Schäuble bereits wieder der Öffentlichkeit: im Rollstuhl. Eine Folge der Kugel im Rückenmark: Schäuble ist vom dritten Brustwirbel an abwärts gelähmt. Schon während der Therapie in der Rehabilitationsklinik Langensteinbach wird klar, dass Schäuble Zeit seines Lebens auf den Rollstuhl angewiesen sein wird.

Schäuble zeigt Stärke. Bereits am 28. November nimmt er erstmals wieder an einer Sitzung des Kabinetts, der Versammlung der Bundesminister, teil. Der damals 48-Jährige erklärt, er wolle sein Amt behalten. Die CDU gewinnt am 2. Dezember 1990 die Wahl und Schäuble bleibt bis 1991 Innenminister. Danach steht er bis 2000 der CDU-Fraktion im Bundestag vor, 2005 wird er wieder Innenminister.

Ist ein Kanzler im Rollstuhl möglich?

Schäuble galt vor dem Attentat als wichtigster Mann in der Regierung von Helmut Kohl, wurde als sein möglicher Nachfolger Nummer eins gehandelt. Das änderte sich auch nicht mit dem Attentat. Nur Schäuble selber äußerte Zweifel, ob das Land einen Kanzler im Rollstuhl akzeptieren und wählen würde.

Die Frage bleibt unbeantwortet. Schäuble, seit 1998 auch Parteivorsitzender, scheitert in der Schwarzgeldaffäre. Die hat Helmut Kohl verursacht. Der Altkanzler hat dutzende Millionen Mark schwarz angenommen und sie über Umwege in die Parteikasse fließen lassen. Er weigert sich bis heute, die Namen der Spender zu nennen.

CDU braucht Rücktritt

Im Vergleich ist das Vergehen von Schäuble harmlos - er hat 100 000 Mark angenommen und es ist nicht sicher, ob das Geld versteuert wurde. Nur: Der öffentliche Druck auf die CDU ist enorm. Ein Rücktritt würde die Aufmerksamkeit ablenken, aber Kohl kann kein Amt mehr abgeben. Um dieses Dilemma aufzulösen, fordert die CDU ihn absurderweise auf, den "Ehrenvorsitz ruhen" zu lassen. Doch das reicht nicht. Erst als Schäuble als Vorsitzender von Partei und Fraktion zurücktritt, verläuft sich das Interesse an der Steueraffäre.

2004 wird Schäuble als Bundespräsident gehandelt. Doch seine Nachfolgerin im Parteivorsitz, Angela Merkel, bevorzugt Horst Köhler. Erst nach der Bundestagswahl 2005 gelingt Schäuble ein Comeback. Im Kabinett Merkel wird er Innenminister.

Hobbypsychologen spekulieren über Schäuble

In diesem Amt gilt Schäuble als umstritten. Seine Vorschläge zur innern Sicherheit gehen manche zu weit, sie sehen die Menschen- und Freiheitsrechte zu stark eingeschränkt. Der Rollstuhl ist dabei ein Thema. In vielen Blogs, auch denen renommierter Zeitungen, spekulieren Hobbypsychologen, der Innenminister sei durch sein Handicap böse und bitter geworden. Schäubles Voraussage, ein Verantwortungsträger im Rollstuhl werde es schwer haben, bewahrheitet sich so.

Sein Attentäter kam 1991 vor ein Gericht. Ein Gutachter stellte Schizophrenie fest: Der Attentäter litt an Wahnvorstellungen. Das Gericht erklärte ihn als strafunfähig und ließ ihn in eine Forensische Psychiatrie einweisen. 1995 entschuldigte er sich schriftlich bei Schäuble. Seit 2004 befindet er sich der Attentäter in offeneren Therapieformen.

Erneuter Anschlag vereitelt

Im Wahlkampf 2002 holte Schäuble seine Vergangenheit wieder ein. Bei einer Veranstaltung im baden-württembergischen Kirchheim wurde ein potentielles Attentat auf ihn verhindert. Ein ebenfalls Gestörter war mit einer Geflügelschere zur Veranstaltung gekommen.