Attraktionen des Frühen Kinos

broken cinema - © bredehorn.jens / PIXELIO
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Der Frühe Film nutzt das Spektakel, das Sensationelle, die Attraktion. Im Zuge der Narrativisierung des Films wird ihr Niedergang proklamiert. Ein Irrtum?

Der Zug rollt ein − die Zuschauer stehen erschrocken auf, weil sie denken, der Zug würde sie überfahren. So lautet eine Anekdote zu einem im ersten Programm der Bürder Lumière im Jahr 1895 vorgeführten Filme L’arrivé d’un train á la Ciotat. Der psychologische Trick deutet darauf hin, dass die Zugeinfahrt nicht nur ein abgefilmtes Ereignis ist, sondern dass es sich bei diesem Film um eine bewusste Komposition mit mit Blick auf die Attraktion (Eisenbahn) handelt. Auch andere Beispiele (wie The explosion of a motor car) weisen in die Richtung, dass keine eigentliche Geschichte erzählt wird, dafür aber ein wesentliches Ereignis, welches aufgrund seiner Ereignishaftigkeit zur Attraktion wird; oder ein unbedeutendes Ereignis (wie z.B. das Niederreißen einer Wand), welches durch die Art und Weise seiner Präsentation die Sensation Film vor Augen führt.

Attraktionen, Sensationen, Erzählen. Gunnings "Kino der Attraktionen"

Zu Beginn des Films geht es nicht um das Erzählen von Geschichten. Darin ist sich die neueste Filmgeschichtsschreibung einig. Geschichten und Techniken der narrativen Vermittlung nehmen erst kurz vor den 1910er Jahren Eingang in das cineastische Schaffen. Auf diese Entwicklung weist neben anderen der Forscher Tom Gunning (Cinema of Attractions) hin. Gunnings forschungsgeschichtlich bahnbrechendem Aufsatz ist ebenfalls die Ansicht zu entnehmen, dass der frühe Film im Zuge der Aneignung von Erzähltechniken einem Prozess unterliegt, den er die narrivization of cinema oder das Kino der narrativen Integration nennt. Filmgeschichtsschreibung wird in diesem Sinne aufgefasst als Geschichte des Erzählens im Film.

Blickt man jedoch genauer auf die Entwicklung des Mediums, so muss festgehalten werden, dass der Film mit der der Aneignung von narrativen Mitteln seinen Hang zur Attraktion nicht fallen gelassen hat. Tatsächlich hat sich die Attraktion genreübergreifend erhalten (Artikel: Die Filmattraktion heute).

Was ist die (Film-)Attraktion?: Inhalte des Frühen Films

Die Attraktion des Frühen Films zeichnet sich durch ihre Exklusivität, ihre Exotik, ihren Neuheitswert, ihren Humor, ihre Erotik, den Trick oder andere Arten ihrer Präsentation aus. Gezeigt werden boxende Känguruhs (Das boxende Känguruh), exotische Tänzerinnen (Karina), muskelbepackte oder ringende Männer (Sandow the magnificent, Ringkämpfer), begossene Gärtner (L’arroseur arrose), phantastische Reisen (La voyage dans la lune) und vieles mehr. Auf verschiedenen Filmdatenbanken lassen sich im Internet frühe Filme einsehen. Ein paar Beispiele seien genannt: Kiss Me thematisiert gleichermaßen die Illusionskraft des Mediums Film durch ein lebendiges Poster und die Anziehungskraft der Bildmedien − welche wiederum durch die Erotik der auf dem Poster abgebildeten Frau hervorgerufen wird. Eine ähnliche Verbindung von Erotik und Witz ist in What happened on 23rd Street, in dem das Kleid einer Frau aufbauscht, als sie versehentlich über einen Abzugskanal geht.

Tricks des Frühen Films

Tricks sind sehr früh zu beobachten. George Méliès' La voyage dans la lune ist deshalb ein hervorragendes Beispiel, weil hier eine Reihe von Tricks vorliegen, die zur Präsentation eines phantastischen Sujets, die Reise zum Mond nämlich, Verwendung finden.

Häufiger anzutreffen waren wohl kürzere Filme wie Accidents will happen, in dem ein Mann einem anderen, auf dem Boden liegenden Mann den Kopf abtritt, woraufhin der Körper ‚kopflos‘ umherwankt. Andere Tricks können wie in dem anfangs genannten Film L’arrivée d’un train unscheinbar sein oder selbstreflexiv auf die Sensation Film hindeuten. In diesem Sinn ist das Einreißen einer Mauer (in einem der frühen Lumières-Filme) an sich zwar unspektakulär, der anschließende, zaubersame Aufbau eben dieser Mauer (durch den Rückspultrick) dann aber umso mehr. Insgesamt charakterisieren den Frühen Film: begrenzte Filmlänge, statische Kamera, der Blick in die Kamera, halbtotale Einstellungen, kein oder ein unscheinbarer Schnitt. Zugleich aber: besondere Inhalte oder Inhalte, die durch die Medialität des Films zu etwas Besonderen gemacht werden.

Attraktion und Narration

Viele Beispiele − sei es der begossene Gärtner, die Filme von Georges Méliès und andere mehr − zeigen, dass oftmals eine narrative Grundstruktur vorhanden ist; d.h. in Bezug auf den gezeigten Inhalte liegt meist ein Ereignis (eine Veränderung, ein Vorkommnis, eine Katastrophe usw.) vor, das eine Ausgangssituation von einem Endzustand trennt. Natürlich handelt es bei dieser Struktur um eine Minimalanordnung, und viele Filme ‚zeigen‘ auch nur, ohne ein Ereignis darzustellen. Oder anders ausgedrückt: das Zeigen wird zum Ereignis. Von daher ist die Feststellung, das Kino der Attraktionen sei nicht narrativ, mit Vorsicht zu genießen. Viele Filme zeigen, dass es das doch ist. Der Unterschied zum späteren Film liegt wiederum bei der Attraktion: Die Narration steht im Dienste der Attraktion und nicht andersherum.

Der Einzug des Erzählkinos und die Zukunft der Attraktion

Mit dem Einzug der Erzählung wandelt sich dieses Abhängigkeitsverhältnis. Man kann sagen, dass der Sensationscharakter des frühen Films recht bald verflogen war und Cineasten anders agieren mussten, um das Publikum zu beeindrucken. Augenscheinlich führt der Weg hin zum narrativen Spielfilm. Einige Filmpioniere experimentieren schon früh mit dem erzählenden Film. Zu nennen ist in diesem Zusammenhang unbedingt Edwin S. Porter und sein Film The great train robbery von 1904. Verstärkt jedoch seit 1907 werden in Amerika und Europa (narrative) Spielfilme produziert; hervorgehoben wird in diesem Kontext nicht nur von Gunning David Wark Griffith, der mit seinen Biograph-Filmen deutliche Akzente in Richtung Erzählkino setzte. Und Erzählkino heißt, Geschichten zu erzählen, die den Zuschauer packen. Spannende Geschichten entstehen unter anderem dadurch, dass man oppositionelle Figurationen vornimmt (arm versus reich; gut versus böse) oder aber, indem man die Story anreichert mit Verfolgungsjagden, Kampfszenen, Rettungen in letzter Minute usw. Dies begegnet uns bereits bei Griffith und kann bis in den heutigen Film hinein beobachtet werden. Das bedeutet also, dass mit der Hinwendung zur Erzählung die Attraktion nicht fallen gelassen, sondern in die Geschichten eingearbeitet wurde.

Stephan Brössel - Stephan Brössel, geb. 1981, studierte von 2002 bis 2007 Germanistik, Musikpädagogik, Sprachwissenschaft des Deutschen sowie ...

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