Auch bessere Erziehung verhindert sexuelle Gewalt

Eine Studie des DJI zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in Internaten und Heimen spart wichtige Aspekte der Missbrauchsprävention aus.

Systematisches Wissen zu sexueller Gewalt gegen Kinder, insbesondere in Institutionen, und Ansätze zu einer wirksamen Intervention und Prävention sollte ein Forschungsprojekt des Deutschen Jugendinstituts (DJI) erheben, dessen Ergebnisse am 13. Juli 2011 in Berlin vor Fachleuten präsentiert wurden. Doch die im Auftrag der unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs, Dr. Christine Bergmann, erstellte Studie tut sich schwer, überhaupt einen Bezug herzustellen zu der Missbrauchssituation vergangener Jahrzehnte. Als im Frühjahr 2010 die alten Sünden an die Öffentlichkeit gelangten, hatten sich die Verhältnisse in Heimen und Internaten längst grundlegend gewandelt. Und damit ist eine neue Problemlage entstanden, zu der die alten Antworten nicht mehr passen.

Kinder und Jugendliche als Täter

In 16 bis 17 Prozent der Schulen, 28 Prozent der Internate und 39 Prozent der Heime in Deutschland sind in den letzten drei Jahren Fälle bekannt geworden, in denen Kinder und Jugendliche von Mitschülerinnen und Mitschülern, Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern sexueller Übergriffe bezichtigt werden. Fast die Hälfte der Beschuldigten ist jünger als 14 Jahre und damit nicht einmal strafmündig. Lehrer und Erzieher werden nur in vier (Schulen), drei (Internate) und zehn Prozent (Heime) der Verdachtsfälle als Täter genannt. Zu einem Drittel (Schulen, Internate) und fast zur Hälfte (Heime) handelte es sich bei den Beschuldigten um Personen außerhalb der Einrichtungen.

Kinder und Jugendliche als Täter passen nun allerdings gar nicht in das Weltbild der stets empörungsbereiten Gutmenschen, denen als vorbeugende Maßnahme gegen das vermeintliche Hauptübel lüsterner Pädagogen und Theologen bisher nur die weitere „Stärkung der Position von Kindern und Jugendlichen“ gegenüber den Erwachsenen eingefallen ist.

Noch keine überzeugenden Lösungen

Auch die DJI-Untersuchung bringt hier wenig Neues. Verwiesen wird lediglich auf zukünftige „Prozesse der Qualitäts- und Organisationsentwicklung“, die der Gefahr einer Geheimhaltungskultur innerhalb abgeschlossener Systeme entgegenwirken müssten, die hierachisch organisiert seien oder ein Gemeinschaftsleben mit besonderer Nähe praktizierten.

Dass die wissenschaftliche Aufarbeitung, Evaluation und Dokumentation der in vielen einzelnen Institutionen entwickelten Ideen zu guter Präventionspraxis noch ausstehe, weckt wenig Hoffnungen auf eine kurzfristige Problembewältigung. Dies umso weniger, als gleichzeitig die Warnung ausgesprochen wird, die positiven Ansätze einer nachhaltigen Missbrauchsprävention wie etwa hohe Ausbildungsstandards der Mitarbeiter, Fortbildungsangebote oder Supervisionsmaßnahmen könnten. aufgrund des sich abzeichnenden Fachkräftemangels und schwindender Ressourcen schon bald wieder dem politischen Pragmatismus zum Opfer fallen.

Prävention durch „Entmachtung“ der Erwachsenen?

Ohnehin ist sehr zweifelhaft, ob die weitere „Demokratisierung“ der Einrichtungen, wie sie insbesondere von den Heimaufsichten im Interesse einer besseren Missbrauchsprävention gefordert wird, überhaupt zielführend oder am Ende nicht sogar kontraproduktiv ist. Die Position der professionellen Pädagogen in Schulen, Heimen und Internaten ist bereits jetzt stark geschwächt. Hier hat ein allgemeiner gesellschaftlicher Trend zum Abbau erzieherischer Autorität, abzulesen etwa an den sich sprunghaft mehrenden Fällen elterlicher Klagewut gegenüber Entscheidungen von Lehrern und Schulen, bereits verheerend gewirkt. Auch die Neufassung des § 1631 BGB, der in Abs. 2 neben der körperlichen Bestrafung auch „seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ für unzulässig erklärt, trägt zu erheblicher Verunsicherung darüber bei, welche Erziehungsmittel im Umgang mit zunehmend aggressiver reagierenden Kindern und Jugendlichen denn überhaupt noch gerechtfertigt seien. Längst haben bindungslose und erziehungsresistente Youngster gelernt, Jugendämter, Polizei und Gerichte mit falschen Anschuldigungen zu instrumentalisieren, wenn Eltern oder Erzieher es wagen, ihre vermeintlichen „Freiheiten“ einzuschränken. Der gegen Lehrer, Erzieher, Pfarrer, Trainer, Jugendleiter in Umlauf gesetzte Generalverdacht, potenzielle Kinderschänder zu sein, hat das Risiko dieser Berufsgruppen, Ziel von Racheakten soziopathischer oder geltungssüchtiger Schutzbefohlener zu werden, extrem erhöht.

So verbirgt sich in der extrem hohen Zahl der vom DJI wissenschaftlich dokumentierten Verdachtsfälle (Schulen = vier Fünftel, Heime und Internate = zwei Drittel der Fälle!), die sich nicht bestätigten, nicht aufgeklärt werden konnten oder strafrechtlich nur schwer fassbare Vorkommnisse betrafen (etwa Berührungen und Bemerkungen ohne eindeutig nachweisbare sexuelle Orientierung) unter Umständen bereits eine inflationäre Zunahme falscher Anschuldigungen und sexualisierender Unterstellungen.

Grenzsetzende Erziehung ist zugleich Missbrauchsprävention

Wie die DJI-Studie beweist, liegt die Zahl der Verdachtsfälle sexueller Übergriffe durch Mitbewohner in Internaten oder Heimen um das Vierfache höher als die von Vergehen lüsterner Pädagogen. Die Ursache dieser traurigen Tatsache, dass nämlich Kindern und Jugendlichen heute eher zu viel als zu wenig Autonomie zugestanden wird, kommt in den Sonntagsreden zur Missbrauchsprävention allerdings nicht vor. Dabei müsste der Zusammenhang zwischen einer fehlenden Grenzsetzung in der Erziehung und den Grenzüberschreitungen in Form von Missachtung des sexuellen Selbstbestimmungsrechts anderer Kinder und Jugendlicher zumindest den Fachleuten doch förmlich auf die Füße fallen.

Auch die zunehmende Neigung von Kindern und Jugendlichen zu falschen Anschuldigungen gegenüber Beziehungspersonen geht eindeutig auf das Konto von Erziehungspraktiken, bei denen sich die Eltern den zu Erziehenden weitgehend unterordnen und damit schwere Persönlichkeitsstörungen auslösen. Zu den Diagnosekriterien dieser Störungen gehören unter anderem kontrollierendes und manipulierendes Verhalten, Geltungssucht, Gewissenlosigkeit und zwanghaftes Lügen. Eine autoritative Erziehung würde damit zugleich den Missbrauch des Missbrauchs wirksam eindämmen.

Quelle: eigene Recherche

Ulrich Lange, Ulrich Lange

Ulrich Lange - Ulrich Lange, geb. 02.06.1949 Abitur 1969 Studium Politik/Soziologie/Erziehungswissenschaft in Marburg Berufliche ...

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