"Auch Kinder sind Zivilisten"

Kriegshimmel, der Zweite Weltkrieg tobt  - http://www.qth.at/oe3bhb/images/pilot1.jpg
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Eine Rezension. Wo ist der einfache, gütige Mensch, wo ist die Humanität, fragt Böll in seiner Erzählung.

Zwischen 1942 und 1943: Der Mann wacht verwundet im Lazarett, nahe der Ostfront. Innerhalb und jenseits der Lazarettmauern herrscht die Schleuder des Hasses und blendet die Raserei des Zornes die Welt und Menschheit und dann, während er auf dem Hof trottet, erblickt er zufällig ein Bruchstück der Humanität. Der Mann bittet an einem Morgen den auf dem Turm Wache haltenden Posten zu dem Mädchen gehen zu dürfen, das Gebäck anbietet, hinter der Mauer, inmitten des Schneegestöbers, aber der Posten untersagt es ihm in mürrischer Dienstpflicht, er lehnt das Ersuchen und Erwachen des Protagonisten, des verwundeten Soldaten ab, dennoch versucht er den Posten des Apparates nicht zu umgarnen, denn er bleibt der Posten des großen Apparates und tritt durch das Schlagloch. Der Posten, in eingeimpfter, unbiegsamer Geprägtheit, eine Brut des Apparates und des Zweiten Weltkrieges ist nicht mehr zu sehen. Das Mädchen ist da... Es verharrt da wie ein schimmernder Schmetterling oder schimmernder, weißer Vogel. Abseits des Metalldonners der 40er Jahre, abseits des tollwütigen, bluitverschmierten Hundemaules des Krieges. Der junge Soldat nimmt den Gestank des Pissoirs noch nicht wahr und eilt entlang der Mauer zum Mädchen, der er Makronen und Buttercremeschnitten mit Zuckerguss abkauft – und dabei ein parteiloses, einfaches, hübsches Kindergesicht sieht: eingekeilt in einem eisigen Land, in der einverleibenden Nässe der Einsamkeit und zerstückelten Liebenswürdigkeit und Normalität. "Chuchen, Chuchen", ruft das kleine Mädchen. Und der verwundete Soldat zählt die Scheine und gibt sie ihr, hinter dem Mauerloch und probiert die Gebäckköstlichkeit für etwas Vergessenes der Geborgenheit. Ein kleines Mädchen erschüttert die junge Hauptfigur in ihrer Dienstauffassung. Für kurze Zeit kennt er auch wieder das unheimliche Recht der Individualität.

Der zerrissene Einzelne im Zweiten Weltkrieg

Das ähnelt einer kurzen, unvergesslichen Salbung eines verwundeten Soldaten des Zweiten Weltkrieges, der die Menschlichkeit nur noch aus dem Briefverkehr mit den Gebliebenen in der Heimat erahnt, fast wie etwas Priesterlich-Verdunkeltes. Einige Kilometer entfernt entleert man noch in reißender Gesetzmäßigkeit die dunklen Waffendepots. In der Welt bersten die Donner eines ausgebeuteten Kriegshimmels. In der Erzählung „Auch Kinder sind Zivilisten“ von Heinrich Böll, die im Winter 1948 im konservativen Nachkriegsdeutschland erschien, wird der Soldat mit einem Stillstand der Feindseligkeiten berührt: inmitten des Schneefalls, an den Koordinaten der Schlacht, löst sich für Minuten das Chor der Harpyien und unheilvollen Lageberichte, der zuvor scheinende uneingeschränkte Fall in Bitterkeiten und fahlen Schlamm und Verderben pausiert und friert ein, als der junge Mann das Mädchen durch das Mauerloch sieht und ihr begegnet, während es Kuchen feilbietet. In seinen Händen kein blutiger Helm. Sondern Angebote für die Köstlichkeiten des jungen Mädchens. Minuten später kehrt er um und der zertretene Aufenthalt wird ihm erneut gewahr. Der fürchterliche Krieg.

Die Ich-Perspektive

Böll wählt die Ich-Perspektive für die Schilderung der Begegnung. Der Mann, der sich im Lazarett an der russischen Front kurieren soll, ist der Protagonist, der sich in einer dichten Atmosphäre bewegt, etwas zerstreut durch das gerochene Blut der Kameraden, etwas genährt durch die zärtliche, liebkosende Ungebundenheit des Moments. Der Stil ist sachlich-prosaisch. Böll nützt einen Wechsel aus rau und feingliedrigen Tonarten, in der das Gespräch mit dem russischen Mädchen wie an einer wieder belichteten Säule und einem ungebrochenen Gefäß des Vernünftigen dargestellt wird. Hinter dem Gemäuer der Düsternis und Unfassbarkeiten. Im Großen: Der symmetrische Krieg. Im Kleinen: das Parteienmitglied, der Mann der scheinenden Ungnade. Er hat keine Berechtigung zum „Bruder in Christo“ und würdigen Menschenbild. Unweit des stinkenden Pissoirs und der schneegewebten Straße, auf der das Mädchen die Zahlen per Finger in den Schnee schreibt und der Mann dann die Marzipanköstlichkeiten verkostet, während er an das beschaffene Geld beim Handel mit Mänteln zurückdenkt.

Böll beginnt als freier Autor

Böll wurde 1917 in Köln geboren und vor 60 Jahren begann er als freier Schriftsteller an seinen Manuskripten zu arbeiten, nach 1951 entstanden u.a. das gesellschaftskritische Werk „Das Brot der früheren Jahre“, die Geschichte eines Bürgers in der jungen Bundesrepublik, während er in „Auch Kinder sind Zivilisten“ in die Erlebnisse und Verlassenheit des Krieges dringt. Böll erzählt aus jenen Jahren der Misanthropie, der Völkerfeindlichkeit und lügnerischen Moral, in denen man gedrillt wurde zur Rohheit und verdunkelten, belohnenden Gefolgschaft. Böll skizziert darin den Gegenentwurf zur braven Linie: Der Mann in Dienstkleidung, der sich der Lieblosigkeit und dem Blutdurst entsagt und sanft, in fast demütiger und befangener Hinnahme die Kuchenstücke probiert, mit Kopfverband und als Seher des einsiedlerischen Lichtes, als Seher seiner Zeit, an der nihilistischen Tyrannis und am schroffen Erbe. Für die Ungebogenheit und Wahrheit des Lebens. Der Mensch, der sodann aus der Raserei der Blendungen gerissen wird.

Der Humanismus als menschliche Pflicht

Vor allem erinnert uns die knappe Erzählung „Auch Kinder sind Zivilisten“ an den verbotenen Ich-und-Du-Bezug und die verbotene Verantwortlichkeit zur Menschlichkeit. Am grausamen Feld der erlöschenden Pulse erscheint das Mädchen wie eine zarte Schwinge der Liebenswürdigkeit, die die Gewehre der Wehrmacht und gegnerischen Soldaten nicht treffen können. Böll tastet das für Millionen Familien der Nachkriegszeit Unantastbare an, wie für den Zugang zu ehrlichen und reuebereiten Strukturen, die über Leid, Verantwortung, das Demokratische reflektieren lassen.

Es lohnt sich diese Erzählung vom dunklen Gewirr des Kriegsendes und vom vergessenen Fleiß und Kapital der Nachkriegsjahre zu entreißen. Denn noch immer gibt es Gebiete des Krieges, in denen der einzelne Mensch, der Mensch, im schwarzen Gewirr und verbitternden Sog der Unbarmherzigkeit sich selbst und den Menschen vor sich verkennt, unter den Leuchtfeuern und dem Geäst der Gewehre und dunklen Gewimmel, als Soldat oder Guerillero oder Zivilist sein gerechtes Menschenbild verliert. Böll`s Erzählung erinnert uns auf vier Seiten an diese gewaltigen, verschiebbaren Linien der Menschenverachtung und Menschendemut. Und der Kriegsausschnitt ist schlicht und authentisch. Er wird vom Schriftsteller Böll nicht an einem Mann der Mittelklasse oder einem anderen Patienten des Lazaretts dargestellt, dem der junge Soldat auf der Liege zuhört, sondern an einem Mädchen, einer winzigen Flamme im Schnee, einer zwitschernden, grotesken, lieblichen Flamme im Rauch und in den Rechtsbrüchen des Krieges.

Und wir fragen: Wo ist die Humanität, wo ist der Mensch und das Menschsein, im Dorf, am Kommandoposten, am Mauerloch, jenseits der eigenen Ortschaft, dort, wo immer man das Menschliche belegen muss?

"Auch Kinder sind Zivilisten" von H. Böll, erschienen als Erstveröffentlichung in "Der Ruf" (München/ 3. Heft 1948)

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