
- Cover von Audition von Takashi Miike - Takashi Miike
Als Horrorfilm vermarktet, wird "Audition" diesem Label kaum gerecht. Ist es doch keineswegs einer jener typischen Asien-Horrorfilme wie etwa die "Ring"-Saga, sondern ein psychologisch tiefgehender und überaus verstörender Film, der provoziert, aneckt und den Zuseher kaum gleichgültig zurücklassen wird.
In einer Reihe mit dem neuen französischen Horrorfilm - "Audition" von Takashi Miike
Nun ist Japan, bzw. der asiatische Raum generell, durchaus bekannt für an die Nieren gehende Filme. Man denke nur an die unsägliche "Guinea Pig"-Reihe, die im Rahmen der Snuff-Movie-Diskussion eine denkwürdige Rolle spielte oder auch an die Exzesse eines Park Chan-wook ("Oldboy") oder John Woo ("Bullet In The Head"). Kürzlich jedoch erst haben die Franzosen ihren blutigen Fußabdruck auf die Horrorfilmlandkarte gesetzt. Werke wie "Haute Tension" oder das grandiose "Martyrs" sind zwar an Gewalt kaum noch zu überbieten, stellen jedoch einen wohltuenden Gegenpol zu US-Machwerken à la "Hostel" oder den meist nur derberen (nicht aber besseren) Remakes von "The Texas Chainsaw Massacre" oder "Last House On The Left" dar. "Audition" reiht sich makellos in die Reihe der gelungenen Genrebeiträge ein.
Amour fou - wenn die Liebe dem Wahnsinn verfällt
Der Film "Audition" beginnt harmlos, ja geradezu harmonisch. Der Geschäftsmann Shigeharu Aoyama (Ryo Ishibashi) möchte sieben Jahre nach dem Tod seiner Frau Ryoko (Miyuki Matsuda) den Schritt zurück in ein Beziehungsleben wagen. Sein Sohn Shigehiko Aoyama (Testsu Sawaki) ermuntert ihn dazu, denn auf ihn wirkt der Vater ausgelaugt, erschöpft, traurig. Aoyamas Freund, der Fernsehproduzent Yasuhisa Yoshikawa (Jun Kunimura), kommt auf die Idee, beim Casting für ein Projekt eine Frau für Aoyama zu finden - eben bei einer "Audition". Aoyama, der eigentlich nichts mit dem Fernsehen zu tun hat, wird nun also in das Vorsprechen eingebunden - und verliebt sich tatsächlich in eine der jungen Frauen: Asami Yamazaki (grandios gespielt von Eihi Shiina). Hier beginnt der eigentliche Alptraum.
Realität oder Traum - die Grenzen verschwimmen
Und genau das ist die Besonderheit dieses Films. Nach dem wirklich beinahe ein wenig zu langatmigen Beginn, quasi der ersten Stunde, nachdem Aoyama die junge Asami näher kennengelernt hat und mit ihr schließlich ein Wochenende ins Grüne fährt, wo die beiden auch zum ersten Mal intim werden, verschwindet sie plötzlich. Die sich anschließende Suche bleibt erfolglos. Aoyama kommt nun eines Abends nach Hause, trinkt ein Glas - und fällt bewusstlos um, wenig später erwacht er vom Hals ab gelähmt. Daran an schließt sich eine knappe Dreiviertelstunde, in der Asami ihn vermeintlich foltert und, wie es den Anschein hat, Rache nehmen will.
Verletzte Gefühle, Missbrauch in der Kindheit, zerstörte Seele - "Audition"
Nun fragt man sich natürlich nach dem Grund für diesen Gewaltausbruch. Man bekommt ihn in Form zahlreicher, ineinander verwobener Rückblenden dann auch serviert - weiß jedoch als Zuschauer zu keinem Zeitpunkt, was nun Realität ist und was den Gespinsten eines Traums Aoyamas entspringt – deswegen auch das Wort „vermeintlich“. Der Film endet auch mit diesem Zwiespalt. Asami ist eine seelisch zutiefst verletzte, ja verkrüppelte junge Frau, die sich nach nichts anderem als Liebe sehnt. Allerdings einer Liebe, die sie mit niemandem mehr teilen muss, die ihr allein gilt. Da Aoyama ihrer Meinung nach auch noch andere Menschen liebt - in erster Linie seinen Sohn - ist das für sie ein Verrat an ihrer Liebe, der geahndet werden muss.
Grafische Gewalt und verstörende Bilder - Takashi Miikes "Audition"
Diese Konsequenz wird von Takshi Miike, der ja für seine teils extremen Darstellungen von Gewalt in seinen Filmen, wie etwa "Ichi The Killer" (2001) oder "Full Metal Yakuza" (1997) bekannt ist, in wirklich an die Grenzen gehenden Bildern gezeigt. Die Amputation eines Fußes, eine Enthauptung und auch die Folterung von Aoyama mit Akkupunkturnadeln werden gnadenlos gezeigt. Allerdings hat man zu keiner Sekunde den Eindruck, dass die Gewalt lediglich dem Selbstzweck dient. Was die Brutalität umso erschreckender macht, ist die Person Asamis, die nicht nur klein und verletzlich wirkt, sondern dazu noch eine erstaunliche Unschuld ausstrahlt, die ihre Taten umso unbegreiflicher erscheinen lassen.
Fazit: keine leichte Kost, aber durchaus sehenswert - "Audition"
Das Element der Traumebene macht "Audition" zu weit mehr als einem weiteren Schnetzel-Metzger-Machwerk. Es hebt ihn auf eine gewisse metaphysische Ebene, die einen ständig das Gesehene hinterfragen lassen und das ungute Gefühl in der Magengrube ständig verstärken - was eindeutig positiv ist, denn es regt desweiteren das Nachdenken über Strukturen und Inhalte an. Unterstützt wird dieser Effekt natürlich von der tollen Regie und den beeindruckenden schauspielerischen Leistungen - vor allen Dingen sei hier Eihi Shiina genannt, deren Rolle sicher nicht einfach zu spielen ist und von ihr grandios gemeistert wird. Der Film ist keine leichte Kost, aber es lohnt sich auf jeden Fall, diese "Tour de Force" durch den menschlichen Geist mitzufahren - keineswegs nur für Genreliebhaber.
