Audrey Niffenegger – Die Frau des Zeitreisenden

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden - Fischer Verlag
Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden - Fischer Verlag
Der Roman über eine große, sehnsuchtsvolle Liebe zwischen Care und Henry - unabhängig von Raum und Zeit.

Was wäre, wenn man wüsste, was in der Zukunft geschieht und wenn man die Vergangenheit, mit allen schönen und schlechten Zeiten, unendlich oft erleben könnte? Eine interessante Vorstellung, denkt man im ersten Moment. Dass es auch ein Fluch sein könnte, mehr zu wissen, als man wissen sollte, erfährt man in dem großartigen Roman von Audrey Niffenegger.

Es geht um die große Liebe zwischen Clare und Henry

Vordergründig geht es um eine große Liebe, doch diese verläuft ganz anders als eine normale Liebe. Denn als Clare das erste Mal Henry begegnet, ist sie sechs Jahre alt und Henry ist 36. In der Gegenwart aber ist Henry nur acht Jahre älter als sie und mit ihr verheiratet. Und so paradox dies klingt, so paradox und auch verwirrend fängt das Buch an. Eigentlich erzählt Niffenegger eine Geschichte, die 1991 beginnt und bis ins Jahr 2053 reicht, doch die Realität ist zugleich absurd und zeitlos. Sie wirft den Leser, wie ihren Protagonisten und Zeitreisenden Henry im ganzen Buch, zwischen den Zeiten hin und her. Von der Gegenwart 1991 zur ersten Begegnung 1977 und wieder zurück zur ersten Zeitreise Henrys im Jahr 1968, als er selbst erst fünf Jahre alt ist. Auch als Leser muss man da erst mal Atem holen und ist trotz aller Spannung und den ständig neu aufgeworfenen Fragen, stets geneigt, vor und zurück zu blättern. Und ein weiterer Verwirrungsfaktor kommt dazu: Henry begegnet sich selbst, sieht sein eigenes Ich in einem anderen Zeitabschnitt.

Zwei verschiedene Erzählerstimmen führen den Leser durch das Buch

Aus diesem Grund hat Audrey Niffenegger nicht nur das genaue Datum über jedes Kapitel geschrieben, sondern auch in Klammern stets Henry und Clare mit dem derzeitigen Alter im Kapitel daneben gesetzt. Allerdings kann dann auch mal „Henry ist 24 und 5“ stehen, wenn er sich auf seinen Reisen selbst begegnet. Als weitere Hilfe gibt es zwei Erzählstimmen, die zu Beginn des Kapitels stehen. Sowohl Henry als auch Clare dürfen dabei ihre Persönlichkeit, ihre ganz eigenen Gedanken und Empfindungen zeigen und in „ich-Form“ ihre Geschichten erzählen. Und diese Geschichten sind voller Gefühl, Zweifel, Menschlichkeit. Jede auf ihre Weise.

Clare verbringt ein Leben mit Warten, während Henry zwischen den Zeiten reist

Während Clare ihr Leben lang immer wieder mit Warten verbringt „Es ist schlimm, wenn man zurückgelassen wird. Ich warte auf Henry, weiß nicht, wo er ist, und hoffe, es geht ihm gut. Allein zurückzubleiben ist schlimm.“, wird Henry immer wieder hin und her gerissen, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und er erfährt Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen will, wie seinen eigenen Tod oder den Tod anderer Menschen. Er weiß es und will es verhindern und weiß doch, dass die Zukunft nicht verändert werden kann. Und er muss sein Wissen oft vor anderen verschweigen. Einerseits um seine Freunde zu schonen, andererseits weil er Dinge, die noch nicht geschehen sind, auch nicht vorab sagen darf, um nichts zu verändern. Und so ist er oft allein, hat Clare als einzige Konstante in seinem unsteten Leben, obwohl er auch ihr nicht alles sagen darf. So wirkt er die ersten Jahre auf Clare sehr geheimnisvoll, was deren Liebe zu ihm nur steigert. Jedes Entfernen voneinander und jedes wieder aufeinander Treffen, vertieft die Empfindungen zueinander. Im Verlust und der Unsicherheit der nächsten Begegnung, die doch stetig vom Bewusstsein getragen wird, dass sie trotz allem füreinander bestimmt sind, beginnt ihre Liebe zueinander zu wachsen und zu gedeihen.

Die Reisen durch die Zeit sind nicht bestimmbar

„Für jemanden wie mich ist alles irgendwie kreisförmig. Ursache und Wirkung geraten durcheinander.“, sagt Henry einem Arzt, der versucht ihm zu helfen. Denn seine Zeitreisen sind nicht gewollt, sondern resultieren aus einem Gendefekt. Sie überfallen ihn, wie andere eine Krankheit und Henry hat keine Chance, das Ziel seiner Reisen oder den Zeitpunkt zu bestimmen. Er weiß nur, dass es oft Reisen zu Orten oder Geschehnissen sind, die für ihn besonders schmerzlich oder auch besonders schön waren oder sein werden. So erlebt er den tragischen Tod seiner Mutter immer und immer wieder. Er weiß nicht, wo er landet, weder in welchem Zeitabschnitt, noch an welchem Ort. Zwei Dinge sind allerdings sicher: Dass er immer wieder Clare begegnet und dass er nichts auf seine Zeitreisen mitnehmen darf. Keine Kleidung, kein Geld, keine Sicherheit – eine Tatsache, die ihm irgendwann – wie er selbst weiß – zum Verhängnis wird. Nackt kommt er dort an, wo ihn seine Zeitreise hinverschlägt und muss sich teilweise klauend und mit roher Gewalt durchschlagen, um zu überleben.

Keine Liebesgeschichte, die nur sanft und romantisch ist

Und so erzählt Niffenegger keineswegs nur eine sanfte Liebesgeschichte. Der Leser muss seinen Protagonisten Henry, den er schnell mit allen Ecken und Kanten lieben lernt, auch als brutal und teilweise Sexbesessen erleben, da Sex ihn beruhigt und ihn vom Zeitreisen abhält. Beide Charaktere, Clare und Henry, sind so glaubhaft mit all den Fehlern und der ganz eigenen Stärke, dass man als Leser gerne bereit ist, ihnen alles zu verzeihen. Dazu schafft es die Autorin, bis zum Schluss neue Fragen aufzuwerfen und so vieles im Unklaren zu lassen, dass man einfach nur eines machen kann: Weiterlesen und mitleiden. Und am Ende bleibt einem nur, sein eigenes Leben zu betrachten, es zu hinterfragen und zu überlegen, ob man selbst – in Gedanken in die eigene Vergangenheit und Zukunft reisend – wirklich gelebt und auch geliebt hat, mit allem was dazu gehört.

Audrey Niffenegger: Die Frau des Zeitreisenden, Fischer Verlag, 2004, 544 Seiten, Broschur. Euro 9,95.

Elvira Lauscher, Elvira Lauscher

Elvira Lauscher - Schreiben ist meine Leidenschaft, mein Beruf und meine Berufung. Ich war 28 Ausgaben für ein Ulmer Magazin Chefredakteurin und habe ...

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