Auf dem Scherbenhaufen NASA suchen Private ihren Startplatz

Die NASA in Nöten: Jetzt fliegen nur noch die Russen zur ISS. Private Unternehmen sehen ihre Chance und bereiten den Raumflug für Touristen vor.

In Houston spricht man es nicht aus, am Startkap in Florida klammert man sich an die Fata Morgana namens Hoffnung, in Washington gehen Gespenster um – die Tatsache zu all dem: Die NASA, einst technologischer und wissenschaftlicher Stolz der USA, ist zum Scherbenhaufen verkommen, zumindest was die bemannte Raumfahrt betrifft. Sie findet nach der Außerdienststellung des letzten Shuttle einfach nicht mehr statt: Für viele Jahre – Pessimisten in Cape Canaveral sprechen von zehn – ist Amerika total abhängig von den Russen: Nur sie können dann US- und andere Astronauten und US-Experimente zur Internationalen Raumstation ISS und von dort zurück zur Erde befördern. Der NASA wurden so viele Gelder und Pläne gestrichen, dass die Raumfahrtverantwortlichen aktiv die Auslagerung betreiben: Private Unternehmen sollen Teile der NASA-Raumfahrttätigkeiten übernehmen.

Weltraumtourist muss 150.000 Euro zahlen

Eine dieser Firmen – Virgin Galactic – hat das Mini-Raumschiff SpaceShipTwo entwickelt, das sechs Personen zwar nicht auf Weltraum-Umlaufbahnen befördern kann, aber doch immerhin Höhen zwischen 65 und 135 Kilometer erreicht. Dort verbleibt das rund 20 Meter lange Raumschiff für etwa drei bis fünf Minuten in der Schwerelosigkeit. Virgin Galactic, gegründet und finanziert von dem Multimilliardär Richard Branson, offeriert bereits heutzutage Sitzplätze an Bord – wenn sich alles nach Plan entwickelt, wird es somit schon in absehbarer Zeit einen Weltraum-Tourismus geben. Ein Flug kostet rund 150.000 Euro. Man mag es kaum glauben, aber Virgin Galactic behauptet, 400 Möchtegern-Raumtouristen hätten bereits Anzahlungen geleistet.

Die schillernde Persönlichkeit des Sir Charles

Dieser Richard Branson, der hinter all dem steht, ist eine schillernde Persönlichkeit. Geboren 1950 in England, wurde er 1999 von der Königin zum "Sir" geadelt. Mit Schallplatten verdiente er sein erstes Geld, mit dem weltweit etablierten Label "Virgin Records". Mit "Virgin" – Jungfrau, jungfräulich – hat er’s, etwa seinerzeit, als er die Billigfluglinie Virgin Atlantic Airways gründete und mit deren Hilfe weitere Fluggesellschaften erwarb, darunter auch Brussel Airlines. Branson besitzt oder kontrolliert etwa 400 Firmen, und da er fast täglich kauft und verkauft, wissen oft nur wahre Insider, was ihm noch gehört. Mit Sicherheit besitzt er weltweit gewaltige Immobilien, darunter Ländereien und sogar Inseln in der Karibik. Er ist auch ein Sportenthusiast, wild auf Rekorde – wie den von 1991, als er mit einem Ballon den Pazifik überquerte und von Japan ins arktische Kanada flog. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" nennt ihn den "zweihundertzwölftreichsten Mann der Welt".

Wissenschaftsinstitut hat schon Plätze gebucht

Seine Weltraum-Pläne mögen abenteuerlich klingen – immerhin hat er für sein SpaceShipTwo ein angesehenes Forschungsinstitut gewinnen können: Das Southwest Research Institute aus Boulder/Colorado will schon während der ersten Flüge zwei seiner Wissenschaftler auf die Reise schicken, und sechs weitere Plätze sind reserviert worden. Kosten insgesamt: 1,6 Millionen Dollar. Dr. Alan Stern, bei Southwest Research zuständig für wissenschaftliche Schwerelos-Experimente, nennt Bransons Raumfahrtpläne "revolutionär", auch deshalb, weil wissenschaftliche Experimente an Bord von SpaceShipTwo nur einen Bruchteil der bisherigen NASA-Tarife kosten. Wenn es nach Branson und Dr. Stern geht, soll SpaceShipTwo täglich zweimal starten und wieder landen – so können Experimente nicht nur preiswerter sein als solche auf der Internationalen Raumstation ISS, sie können vielmehr auch früher ausgewertet werden. Denn zur ISS fliegen die Russen demnächst höchstens zehnmal jährlich.

Kein Platz für Experimente auf der ISS

Der NASA-Niedergang hat nicht nur Bransons Virgin Galactic auf den Plan gerufen. Es existieren weitere Unternehmen, die sich dem Weltraum-Tourismus verschrieben haben: XCOR Aerospace in Mojave/California will mit der Kapsel "Lynx" jeweils zwei Personen in die nur wenige Minuten dauernde Schwerelosigkeit transportieren, Blue Origin – im Besitz von Amazon.com-Gründer Jeff Bezos – und Armadilo Aerospace basteln ebenfalls an Mini-Raumgleitern. Außer Touristen sollen auch wissenschaftliche Forschungen an Bord all dieser "Fahrzeuge" betrieben werden, wozu Professor Mark Shelhammer von der Medizinischen Fakultät der amerikanischen Johns Hopkins University meint: "Genau das brauchen wir, denn es ist gegenwärtig schier unmöglich, Platz für Experimente auf der Raumstation ISS zu buchen".

Die Kosten für Shuttle- Starts waren nicht mehr zu tragen

Der 8. Juli 2011 war der Anfang vom Ende der Shuttle-Ära. Die an diesem Tag gestartete "Atlantis" kehrte am 21. Juli zur Erde zurück. Jetzt werden die letzten drei Shuttle amerikanischen Museen zur Verfügung gestellt. Damit gehen 30 Jahre Shuttle-Programme zu Ende, insgesamt startete diese US-Flotte 135mal in den Weltraum. Fünf der Raumfähren waren insgesamt gebaut worden, zwei explodierten während ihrer Einsätze, die "Columbia" am 12. April 1981, die "Challenger" am 28. Januar 1986. Dabei kamen zusammen 14 Astronauten ums Leben. Das ist ein hoher Preis, und wenn auch der Shuttle als solcher - bestehend aus zwei Millionen Einzelteilen - das hochtechnisierte Fluggerät aller Zeiten darstellt - die Unfallquote war weitaus zu hoch. Aber nicht nur diese immer unkalkulierbarer gewordenen Risiken führten zum Ende der bemannten US-Raumfahrt. Auch die Kosten verboten geradezu eine Fortsetzung des Programms. Immerhin kostete jeder Shuttle-Start inzwischen fast eine halbe Milliarde Dollar. Zum Vergleich: das gesamte Apollo-Vorhaben mit sechs bemannten Mond-Landungen verursachte einschließlich vorbereitender und anschließender Programme (Gemini, Skylab, Apllo-Sojus) "nur" Kosten in Höhe von 30 Milliarden Dollar.

US-Astronauten verlassen verbittert die NASA

Mit dem Ende der Shuttle-Ära verbreitet sich im US-Astronautenkorps Verbitterung und Verzweiflung. "Die Moral ist auf einem Tiefpunkt", urteilt etwa der frühere Astronaut Leroy Chiao, der jetzt für ein Privatunternehmen tätig ist, das bald schon Weltraum-Tourismus anbieten will. Allein in den letzten zwölf Monaten haben 20 Astronauten bei der NASA gekündigt - "wir sehen doch keine größeren Chancen mehr", moniert einer von ihnen. Die Belegschaft am Startkap Florida ist von einst 17 000 Beschäftigten jetzt schon auf weniger als 7 000 geschrumpft. Der gesamten Region droht eine wirtschaftliche Katastrophe. Im Jahr 2000 hatte die NASA 150 Astronauten, die sich dem aktiven Weltraum-Dienst verschrieben hatten und dafür trainierten. Übrig geblieben sind heutzutage noch 61. Die NASA wird trotzdem weiterhin Astronauten einstellen und ausbilden, wenn auch in geringstmöglichem Rahmen. Sie dürfen aber nicht größer als 1,84 Meter sein - "Überlängen" konnten zwar mit den Shuttle fliegen, passen aber nicht in die russischen Soyus-Kapseln, die bald schon einziges Verkehrsmittel zur Raumstation ISS sein werden. Deshalb auch musste Captain Scott Altman (51) die NASA verlassen: Er ist 1,96 Meter groß und war viermal im All.

Offiziell verbreiten die NASA-Offiziellen Optimismus, wie etwa William Gerstenmaier kürzlich bei "CBS Sunday Morning": "Die Raumstation ist doch auch unser Kind", tröstete er quasi sich selbst, "und wir haben neben dem Kontrollzentrum Moskau das unsere nach wie vor in Houston . . . und wir arbeiten doch alle zusammen". Aber auch er - Chef der NASA-Programme Shuttle und Raumstation - räumt letztlich betrübt ein: "Ja, ein wenig traurig bin ich schon . . ."

Die NASA baut eine neue Rakete – ohne zu wissen wofür

Traurig muss einen auch dies stimmen: Die NASA baut eine neue Rakete, ohne jedoch zu wissen, wofür. Dafür stehen jährlich drei Milliarden Dollar zur Verfügung. Ihr erster Testflug ist für 2017 vorgesehen, dann wird diese Version 70 Tonnen befördern können – ein aussagekräftiger Vergleich: Wernher von Brauns STURN V brachte 130 Tonnen ins All. Und was soll diese neue Rakete, geradezu einfallslos SLS genannt (Space Lauch System)? Faheben alle Beteiligten mehr oder weniger nichts als Schwafel parat. "Vielleicht 2025 zu einem Asteroiden", meint beiläufig NASA-Direktor William Gerstenmaier. Andere bringen Mond und Mars ins Gespräch oder Flüge zur Raumstation ISS. Der einst bewunderte große NASA-Geist ist eben abhanden gekommen.

Wolfgang Will, Hermann Streuff

Wolfgang Will - Hallo, Hi, Grüß Gott, Guten Tag: Ich bin Wolfgang Will, Jahrgang 1931. Arbeite derzeit als Freier aus Berlin (Wissenschaft, ...

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