
- Debbie und Leah Roth-Howe - Patricia Kutsch
Auf den Spuren ihres Großvaters ist Leah Roth-Howe mit ihrer Mutter Debbie unterwegs. Die Amerikanerin besucht derzeit den weimarer Ortsteil Roth im Landkreis Marburg-Biedenkopf, wo ihr jüdischer Großvater gelebt hat, bis seine Familie in den 30er Jahren nach Amerika auswanderte. Die Geschichte ihrer Vorfahren teilt sie mit den Schülern der Gesamtschule Niederwalgern im Südkreis Marburgs in einem persönlichen Gesprächskreis.
Die Wurzeln der Familie Roth liegen in der Nähe von Marburg
Herbert Roth ist der letzte junge Mann der in der jüdischen Gemeinde in Roth seine Bar Mizwa gefeiert hat. Bei seiner Geburt lebten noch 500 Juden in Roth, erzählt seine Tochter Debbie. Sie und ihre 24-jährige Tochter Leah haben ein Video von Herbert Roth mitgebracht. Es zeigt Fotos aus seiner Kindheit in Deutschland, aber auch Interviews, in denen er von seinem Schicksal berichtet. „Ich verbrachte mehr Zeit mit christlichen Schulfreunden“, erzählt er. Schließlich habe man ihnen alle Menschenrechte genommen, sein eigener Vater wurde sogar in einer lokalen Tageszeitung als jüdischer Abschaum bezeichnet. 1938 sei man dann nach Amerika ausgewandert.
Von da an berichtet Debbie den Schülern, wie sein Leben weiter aussah: Als Jugendlicher kam er in die USA, seine Familie war dort arm, weil man aus Deutschland nicht das ganze Geld mitnehmen durfte. Statt seinen Schulabschluss zu machen, musste er arbeiten, damit die Familie leben konnte. Mit seiner Steifmutter habe er nie über das Erlebte sprechen können: „Ihre Familie blieb in Roth zurück. Sie wurden als letzte deportiert und starben in Auschwitz. Sie kam nie darüber hinweg“. Ihr Vater wollte alle Erinnerung an das Leben in Deutschland hinter sich lassen. Seinen Kindern brachte er nie Deutsch bei, auch kaufte er nichts, was hier hergestellt wurde und bei Europareisen machte er einen Bogen um Deutschland. „Ich wollte selbst nichts deutsches in meinem Haus“, berichtet Debbie. So habe sie aus allen möglichen Ländern Gaststudenten in ihrem Haus aufgenommen, nur nicht aus Deutschland. Schließlich erfuhr sie von einer Organisation aus Boston und Berlin, die Kinder von Nazis und Kinder von Holocaust-Überlebenden zusammenführte, damit sie sich austauschen konnten und lernten, miteinander zu leben. Debbie konnte nicht glauben dass es so etwas geben konnte und beschloss, selbst dorthin zu gehen. „Ich hörte von den Leiden der Kinder von Nazis und konnte für eine Minute aus meiner jüdischen Haut“, erinnert sie sich. Sie fühlte sich den anderen Frauen plötzlich sehr nah und „das heilte etwas in mir“. Sie habe sich geändert und Kraft gefunden, an ihren Vorurteilen zu arbeiten. Nun setzt ihre Familie sich dafür ein, dass ein Holocaust nie wieder geschehen darf. Ihr Vater erzählt seine Geschichte, um zu Sensibilisieren und klar zu machen, dass es nur geschehen kann, wenn die Massen es geschehen lassen.
Die Enkelin arbeitet die Familiengeschichte auf
Für Rebecca schloss sich der Kreis in Roth. Ihre Großeltern brauchten Jahre, bis sie mit ihr über die Vergangenheit sprechen konnten. „Ich habe großes Glück, dass ich Fragen stellen darf“. Daraufhin arbeitete sie in Kambodscha mit Schülern, um den Genozid in ihrem Volk mit ihnen aufzuarbeiten. Es fiel ihr leichter, dort zu arbeiten, da es nicht ihre Geschichte war. „Ich merkte aber, dass ich bereit bin, durch meine eigene Vergangenheit zu gehen“. Vor ihrer Ankunft sei sie nervös gewesen: „Ich weiß, dass ich sicher bin, aber trotzdem hatte ich Angst, da ich negative Assoziationen mit Deutschland hatte“. Umso mehr war es überwältigend für sie durch den Heimatort ihres Opas zu laufen und zu sehen, wie die Synagoge heute mit Leben gefüllt wird.
Die Schüler der 10. Klasse in Niederwalgern zeigten sich sehr interessiert an den Erzählungen ihrer Gäste. Neugierig stellten sie fragen, die sie umgehend beantwortet bekamen. Gabriele Schmitt vom Arbeitskreis Landsynagoge Roth war begeistert über die Intensität des Gesprächs. Auch die Schüler des Gymnasium Philippinum und der Elisabethschule werden in dieser Woche mit den Nachfahren von Herbert Roth sprechen.
