
- Michael Douglas ist der Solitary Man - (c) 2010 Millennium Films
Ein einziger Moment kann genügen, um ein geordnetes Leben völlig aus der Bahn zu werfen. Das jedenfalls vermittelt Drehbuchschreiber und Regisseur Brian Koppelman dem Publikum in seinem Independent-Streifen „Solitary Man“. Michael Douglas („Wall Street“, „Basic Instinct“) brilliert in dem Drama als unliebsamer Zeitgenosse, der seine – vor allem weiblichen – Mitmenschen ausnutzt und letztlich den Boden unter den Füßen verliert.
„Solitary Man“: Arztbesuch mit fatalen Folgen
In der ersten Einstellung des Films begegnet dem Zuschauer Ben Kalmen (Michael Douglas) als forscher, erfolgreicher Autohändler, der gerade mit seinem Hausarzt scherzt. Als der ihn mit der Diagnose eines ernsthaften Gesundheitsproblems konfrontiert, verlässt er fluchtartig das Krankenhaus und kehrt zu weiteren Untersuchungen nicht zurück. Sechs Jahre später ist Kalmen im schicken Anzug unterwegs in New York City. Johnny Cashs nachdenkliche Interpretation des Songs „Solitary Man“ (auf deutsch: einsamer Mann) erklingt und stimmt den Zuschauer auf Kalmens bevorstehenden moralischen und finanziellen Totalabsturz ein. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits die Beziehungen zu den meisten Personen in seinem Leben abgebrochen, außer zu seiner Tochter Susan (Jenna Fischer) und seinem Enkelsohn.
„Solitary Man“ zelebriert die Selbstzerstörung eines Geschäftsmannes
Ben Kalmen steckt bereits tief in der Krise. Seit dem Tag beim Arzt treibt ihn die Angst um, alt und schwach zu werden und seine Anerkennung zu verlieren. Also vergnügt er sich regelmäßig mit jüngeren Frauen und schließt unlautere Deals ab, bis ihm die Händlerzulassung entzogen wird und sein Geschäft den Bach runtergeht. Irgendwann nach der Scheidung von seiner Frau Nancy (großartige Nebenrolle von Susan Sarandon), zieht er bei seiner vermögenden neuen Freundin ein. Dies alles erfährt der Zuschauer nur aus Gesprächen der Figuren. Richtig bergab geht es mit Kalmen allerdings erst, als er Allyson (Imogen Poots), die Tochter seiner neuen Freundin, zum College-Campus begleitet. Er selber hatte dort studiert und mit einer großen Spende eine Campusbibliothek gesponsort. Auf dem Campus nimmt er den schüchternen Daniel (Jesse Eisenberg) unter seine Fittiche, gibt ihm Ratschläge in Sachen Frauen und Sex, und geht mit ihm auf eine wilde Studentenparty. Bis hierhin kann der Zuschauer Ben Kalmens Machenschaften noch folgen und dem sympathischen Gigolo verzeihen. Sein sexueller Trieb ist allerdings derart unbändig, dass Kalmen schließlich eine Grenze überschreitet, die er nicht hätte übertreten dürfen. Selbstverschuldet löst er damit einen Dominoeffekt aus, der ihn gänzlich in die moralische und finanzielle Armut führt. Mehr dazu sei an dieser Stelle nicht verraten.
Letztlich steht Ben Kalmen vor dem Scherbenhaufen seines Lebens. So wie er anfangs Familie und Freunde verletzt und verlassen hat, um sich unmoralisch auszutoben, so wird er am Ende von allen anderen verlassen. Beziehungslos und mittellos vegetiert er dahin, ist unzuverlässig und pumpt seine Tochter um Geld an, bis diese ihn nicht mehr ertragen kann. Kalmen ist zum „Solitary Man“, zum einsamen Mann, geworden. Seine Selbstzerstörung sitzt so tief, dass er selbst ganz zuletzt, als ihm ein Strohhalm gereicht wird, immer noch unschlüssig ist, ob er danach greifen soll.
Michael Douglas’ Faszination für kaputte Rollen
Immer wieder in seiner Karriere spielte Michael Douglas kaputte Typen, arrogante Schnösel und Verbrecher. Am bekanntesten ist sicherlich seine Rolle des Börsenbetrügers Gordon Gekko aus den beiden „Wall Street“-Filmen. Auch im gesellschaftskritischen Thriller „Falling Down“ faszinierte er die Zuschauer, da sie sich mit dem Antihelden identifizieren konnten, der cholerisch auf kleine Alltagsunstimmigkeiten reagiert, bis er schließlich völlig ausrastet. In der Tragikomödie „King of California“ mimte er einen liebevoll-verrückten Schatzsucher, der fest daran glauben wollte, dass unter einem Supermarkt spanisches Gold vergraben liegt. Witz und Wahnsinn eines manisch-depressiven Familienvaters spielte Douglas in seiner ersten richtigen Altersrolle vortrefflich.
In „Solitary Man“ geht er in der Rolle des Autohändlers Ben Kalmen völlig auf. Glaubwürdig verkörpert Douglas den coolen, charmanten Geschäftsmann, der jungen Studentinnen ebenso hinterhersieht wie der hübschen Tochter seiner neuen Freundin. Problematisch an Douglas’ Darstellung ist einzig, dass er den emotionalen Absturz derart perfekt mimt, dass der Zuschauer nie begreift, wer Ben Kalmen vor der Abwärtsspirale eigentlich war. Dies kann man jedoch weniger Douglas anlasten, als eher Drehbuchautor Brian Koppelman. Ihm gelingt es nämlich nicht, den Wandlungsprozess vom alten Ben Kalmen – Familienvater und erfolgreicher Geschäftsmann – zum neuen, draufgängerischen und kaputten Kalmen zu vermitteln. Genau deshalb hält sich die Sympathie zu Douglas’ Charakter in Grenzen. Nichtsdestotrotz trägt Michael Douglas den Film durch jede Szene überzeugend und man ertappt sich dabei, eine perfide Faszination für diesen Antihelden zu entwickeln.
Insgesamt ist der Cast stimmig, auch wenn neben Kalmen alle anderen Figuren zu Nebenrollen geraten. Allen voran zu nennen sind Susan Sarandon als Kalmens Ex-Frau Nancy und Danny DeVito als Jimmy, Kalmens ehemaliger Kommilitone aus Studienzeiten, der ihn bei sich aufnimmt, nachdem alle anderen ihm den Rücken gekehrt haben. Jesse Eisenberg („Adventureland“, „The Social Network“) spielt mittlerweile routiniert Geek-Rollen und sorgt für einige leichte Momente.
„Solitary Man“ erschien am 24. September 2010 auf DVD.
Originaltitel: „Solitary Man“
Regie: Brian Koppelman & David Levien
Produktion: Smartest Man Productions, USA 2009
Verleih: Millennium Films
Darsteller:
Michael Douglas, Jenna Fischer, Jesse Eisenberg, Mary-Louise Parker, Susan Sarandon, Danny DeVito, Imogen Poots
