
- Southland Tales - friendsofdoom.com
Los Angeles, in naher (alternativer) Zukunft. Nachdem Terroristen 2005 einen Atombombenanschlag in Texas inszenierten, sind die USA zu einem allsehenden Polizeistaat mutiert, während sie in Syrien, Iran und (immer noch) Irak den Dritten Weltkrieg proben. Das Ende der Kämpfe ist unabsehbar und mittels einer „Lotterie“ werden junge Menschen zur immerhungrigen Armee eingezogen. Währenddessen geht das Projekt Heimatschutz in die nächste Runde: USIdent ist der Name des neuen „Big Brother“, mit dessen Hilfe auch die Heimatfront unter lückenlose Kontrolle gebracht werden soll. Denn in der Stadt der Engel proben neo-marxistische und radikalfeministische Zellen regelmäßig den Aufstand gegen die faschistische Urban Pacification Unit der Polizei. Derweil soll ein großangelegte Experiment des exaltierten Wissenschaftlers Baron von Westphalen „Fluid Karma“, eine unerschöpfliche Energieform kreieren, welche die USA entgültig unabhängig vom Erdöl machen soll.
The Rock, Buffy und Steve Stifler gegen den Rest der Welt
Mitten im Trubel verschwindet Boxer Santoros (Dwayne Johnson), ein Filmstar mit politischen Kontakten, und taucht drei Tage später mit Gedächtnisschwund in der Wüste auf. Anstatt zu seiner Frau zurückzukehren, taucht er erst einmal bei Krysta Now (Sarah Michelle Gellar), einer Pornoqueen und Talkmasterin unter, mit der zusammen er ein Drehbuch über den kommenden Weltuntergang geschrieben hat – an das er sich allerdings auch nicht erinnert. Die Neomarxisten planen, Santoros als Propagandamittel gegen die „Abstimmung 69“ zu verwenden, die endgültig das Ende aller Bürgerrechte bedeuten würde. Mit Hilfe von Ronald Taverner (Seann William Scott), der die Rolle seines Zwillingsbruders Roland spielt, soll der A-Promi in zwecks späterer Erpressung in schlüpfrige Situationen gebracht werden.
Justin sieht alles
All das (und einiges Verwirrende mehr) beobachtet der entstellte Irak-Veteran Pilot Abilaine (Justin Timberlake) von seinem Scharfschützenposten aus, während er die Offenbarung des Johannes zitiert und manchmal Menschen abknallt. Er ist ein Überlebender von Westphalens Experimenten mit „Fluid Karma“, das sich auch als musicalerzeugende Droge eignet. Als Nebenjob schmuggelt er diese aus dem Kraftwerk vor der Küste und verteilt sie auf der Strasse.
Sag’ zum Abschied leise „Bumm“
Plots und Gegenplots entspinnen sich um Boxer Santaros und Roland Taverner. Der Schauspieler muss feststellen, dass sein Drehbuch „The Power“ bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit der brüchigen Realität aufweist, während im Imitator langsam Zweifel aufkommen, ob er seinen Zwillingsbruder wirklich nur spielt. Bei der Inbetriebnahme des Kraftwerks, dem Jungfernflug des Mega-Zeppelins sowie einem neomarxistischen Aufstand in den Großstadtschluchten laufen endlich alle Fäden zusammen und die Welt endet... „nicht mit einem Wimmer, sondern mit einem Knall“, wie diverse Charaktere schon vorausgesehen haben.
Enttäuschender Geniestreich
Nachdem David Kelly mit seinem Erstling „Donnie Darko“ Kritiker wie Publikum verwirrte und entzückte, löste „Southland Tales" auf andere Weise Einigkeit aus. In Cannes ausgebuht, an der Kinokasse ignoriert, im Internet gedisst, fühlten viele Fans des ambitionierten Wunderkindes sich um das langerwartete Kinoerlebnis betrogen, das Kellys Zweitling versprach. Und diesmal haben 1000 Fliegen tatsächlich Recht, auch wenn einige wenige dicke Brummer dem überbordenden Werk dennoch etwas abgewinnen können, es sogar für ein Meisterwerk halten.
America’s Most Smartest David
„Southland Tales" wirkt mit seinen fast drei Stunden weniger wie ein Sci-Fi-Film als eine Bewerbungsmappe für „America’s Next David Lynch“. War „Donnie Darko“ Kellys „Eraserhead“, dann ist „Southland Tales“ sein „Lost Highway“: ambitioniert, bildgewaltig und so verschwurbelt, dass nur noch slowenische Strukturalisten die Story nachvollziehen können (kein Scherz!). Vielleicht gäben die 3 Comics, Two Roads Diverged, Fingerprints und The Mechanicals ja weiteren Aufschluss, die laut Kelly die Vorgeschichte von „Southland Tales“ behandeln sollen. Dass diese den Film selbst aber spannender machen könnten, das erscheint höchst unwahrscheinlich.
Ein apokalyptischer Lichtbildvortrag
Kelly schreibt und filmt konsequent am Publikum vorbei, das weder eine nachvollziehbare Handlung noch identifizierbare Charaktere bekommt und infolgedessen wenig weiter tun kann, als müden Auges der reichlich unpackenden Apokalypse auf dem Bildschirm zusehen, die sich mit der gleichen Spannung entfaltet wie früher die endlosen Urlaubsdiavorträgen älterer Verwandter. Und dort wie hier interessiert man sich mehr für die bekannten Gesichter als für die szenischen Hintergründe: es ist an sich schon amüsant, einen Popstar, einen Ex-Wrestler, eine TV-Amazone und den Stifmeister aus „American Pie“ in einem 15 Millionen Dollar-Studentenfilm mit politischen Ambitionen zu vereinen. Dumm nur, wenn man dabei glatt vergisst, eine Geschichte zu erzählen.
In der Zukunft ein Meisterwerk?
Dem Vergleich mit Lynch folgend besteht aber vielleicht doch noch Hoffnung für den Jungfilmer und seine „Southland Tales“. Auch der Grandseigneur erkundete mit „Lost Highway“ erfolglos eine Technik, in der er es mit „Mulholland Drive“ zur Meisterschaft brachte. Doch selbst wenn Kelly sich stattdessen frustriert von seinem kontroversen Film abwenden sollte, könnte dennoch die Zeit auf seiner Seite sein. In seiner höchst eloquenten Verteidigungsschrift zu „Southland Tales“ prophezeit Steven Shaviro, dass der Film eines Tages als großes Meisterwerk unserer Zeit angesehen werden wird. Möglich ist alles, wahrscheinlich viel. Denn wie erörtert Krysta Now: „Wissenschaftler sagen, dass die Zukunft viel futuristischer sein wird, als sie bisher angenommen haben.“ Wir werden sehen. Vielleicht.
Southland Tales (USA 2006)
Regie: David Kelly
Buch: David Kelly
Darsteller: Dwayne Johnson, Sarah Michelle Gellar, Seann William Scott
