
- Gedenkstein - Thomas Dapper
Am Beispiel des Dorfes Mramorak im Südbanat, nicht weit von Pancevo entfernt, listet das „Jasenovac Research Institute“ 32 Genozid-Opfer in Mramorak auf, allesamt serbische Namen. Vier der Genannten wurden außerhalb des Dorfes unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen hingerichtet – zwei, weil sie ihre Waffen nicht abgegeben hatten, zwei weitere wegen angeblichen Provokationen. Genozid im Sinne eines Völkermords?
Kommunistische Propaganda oder historische Tatsachen - eine Herausforderung für Historiker
Die Dokumentation der Verbrechen an den Deutschen im Kommunistischen Jugoslawien listet für Mramorak insgesamt 928 in Internierungslagern und durch Massenerschießungen zu Tode gekommene Menschen auf. Das Museum für Genozid-Opfer in Belgrad überprüft die Listen des Jasenovac-Research Institute und stellt bei den 32 als Genozid-Opfer aus Mramorak genannten Todesfällen die Todesumstände fest. Von den 32 toten Serben sind 25 oder 26 Menschen als Soldaten, Tschetniks oder Partisanen im Krieg gefallen. Es handelt sich also mehrheitlich um Kriegstote. In Mramorak werden auf der deutschen Seite insgesamt 284 Kriegstote gezählt.
Die Geschichte am Beispiel der banater Ortschaft Mramorak
Mramorak hat seine eigene Geschichte, die sich in anderen Orten zwar ähnlich, aber nicht exakt gleich ereignet hat. Über die Hälfte der Einwohner waren bis 1944 Deutsche. Die andere Hälfte bestand zu gleichen Teilen aus Serben und Rumänen. Wenige Ungarn und nie wirklich mitgezählte „Ciganji“ tauchen in den Listen und Statistiken nicht auf. Während des Krieges waren die Rumänen im Ort auf der Seite der Deutschen. Für Mramorak lässt sich sagen: Während der deutschen Besatzungszeit ereignete sich tatsächlich die Erschießung im April 1941. Bei zwei Opfern war nach übereinstimmenden Berichten von Zeitzeugen der Grund für die Erschießung: Sie hatten ihre Waffen trotz Befehl der Besatzungstruppen nicht abgegeben. Bei den zwei weiteren Opfern lässt sich der Grund heute nicht mit Sicherheit nachvollziehen, gerüchtehalber ist die Rede von "Provokationen". Im Sommer wurde dann noch ein Inhaftierter mit deutschem Namen erschossen und dann „erst“ im Sommer 1944 ein serbischer Jugendlicher, der sich über die nächtliche Ausgangssperre hinweg gesetzt haben soll.
Demgegenüber wurden am 20. Oktober 1944 110 deutsche Männer aus Mramorak im Nachbarort Bawanischte erschossen. Die Männer waren eine Woche lang im Feuerwehrhaus in Mramorak eingesperrt und wurden dort so schwer gefoltert, dass Zeitzeugen noch heute von Schreien rund um die Uhr eine ganze Woche lang berichten. Sogar von abgetrennten Geschlechtsorganen wird gesprochen. Hierbei sollte keineswegs vergessen werden: Es waren kommunistische Partisanen, die den Krieg in Jugoslawien gewonnen hatten. Dem Kommunismus liegen zwar eigentlich hehre humanistische Vorstellungen vom menschlichen Zusammenleben zugrunde und Rosa Luxemburg sagte nur wenige Jahrzehnte zuvor: „Die Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andersdenkenden.“ Wie konnte es also dennoch ganz im Widerspruch zu "... erkämpft das Menschenrecht" zu derartigen Exzessen und Ausbrüchen kommen?
Mörderisches Prinzip der deutschen Besatzungstruppen
In Pancevo waren 1941 willkürlich Serben aus ihren Wohnungen geholt und dann entweder erschossen oder erhängt worden. Die deutschen Besatzer hatten die Losung ausgegeben: „Für jeden toten deutschen Soldaten werden 100 Geiseln erschossen.“ Mit deutscher Gründlichkeit gingen die Herren Herrenmenschen dann ziemlich unmenschlich ans Werk und mordeten. Die Braunen wurden dann drei Jahre später von den Roten kopiert und mancherorts eben auch übertroffen. Die bestialische Folter durch die Partisanen scheint allerdings anderen Vorbildern zu folgen.
Historische Aufarbeitung in Serbien - spät, aber immerhin
Die gemeinsame Aufarbeitung erlittenen Leids und den davor geschalteten Verbrechen der Nazis und der Partisanen ist erst heute möglich, weil die Tito-Diktatur im Grunde von Nationalitätenkonflikten abgelöst wurde. Insofern wurden die Archive in Serbien erst in der Ära nach Milosevic langsam geöffnet. Deshalb ist es den Historikern am Museum der Genozid-Opfer erst heute möglich, überhaupt die wenigen noch vorhandenen oder zugänglichen Dokumente zu sichten. Eine gemeinsame Arbeit mit Historikern in Deutschland und Österreich, aber auch Kroatien wäre nötig, um ein objektives Bild der realen Geschichte zu erhalten.
Zusätzlich wird die Aufarbeitung dadurch erschwert, dass von der Tätergeneration auf beiden Seiten kaum noch jemand lebt. So ist beispielsweise der ehemalige Volksgruppenführer im Banat, Dr. Sepp Janko 2001 in Argentinien verstorben. Prozesse gegen Nazitäter – wie gegen Herbert Andorfer, den Leiter des Judenlagers Semlin – haben in Deutschland und Österreich stattgefunden und konnten so nur von deren konkreten Opfern in Jugoslawien zur Kenntnis genommen werden und eben kaum von der breiten Masse. Prozesse gegen diejenigen Partisanen, die nach dem Krieg die Aufsicht über die Vernichtungslager hatten, haben nie stattgefunden. Insofern ist ein Täter-Opfer-Ausgleich heute nicht mehr möglich.
Hinzu kommt: Es geht historisch gesehen bei der Aufarbeitung der Ereignisse 1941-1948 nicht nur um Serben und Deutsche. Die Rolle der rumänischen Minderheit scheint kaum mehr herausgearbeitet werden zu können. Gemeinsame Anstrengungen zwischen Serbien und Israel erforschen die Umstände der Shoah in Serbien. In Deutschland und Österreich richten die Verbände und Historiker der Donauschwaben ihren Blick bis heute nahezu ausschließlich auf die Verbrechen an den Donauschwaben und blenden die Beteiligung mancher der eigenen Leute an Pogromen und Exekutionen aus.
Völkermord und Genozid - hilfreiche Begriffe?
Die Frage von Genozid und Völkermord stellt sich wechselseitig im Gesamtzusammenhang 1941-1948 durchaus. Für alle an der Aufarbeitung beteiligten Seiten wäre es nötig, wenigstens verbindliche und gemeinsame Kriterien anzulegen. Denn ein Soldat, der im Kampf stirbt, kann kein Genozid-Opfer sein. Ein Kind, das in einem Vernichtungslager stirbt und nur dort ist, weil es Jude, Serbe oder Deutscher ist, entspricht viel eher dem allgemeinen Verständnis eines Opfers von Völkermord.
Diese Fragen versucht das Parlament in Novi Sad zumindest für die Autonome Provinz Vojvodina mit einer Historikerkommission vollständig aufzuklären. Allerdings müssen die serbischen Historiker bei ihren Recherchen allzu oft die alten Zöpfe der Tito-Diktatur abschneiden. Einer von ihnen berichtet von einer Kiste voller Dokumente zum Vernichtungslager Rudolfsgnad, die er zwar sehen, aber nicht öffnen durfte. Und das widerfährt einem serbischen Historiker heutzutage trotz demokratischer Legitimation durch das zuständige Parlament.
Quellen:
- eigene Recherchen
- Recherchen für den Dokumentarfilm "Wege nach Mramorak"
- Die kommunistische Revolution in der Vojvodina 1944-1952, Michael Portmann, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2008, ISBN 978-3-7001-6503-3
- Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien, Bd. 1-4, Arbeitskreis Dokumentation, Donauschwäbische Kulturstiftung, München, 1994, ISBN 3-926276-22-3
