Der Ursprung jeglicher Theaterformen Europas liegt in den griechischen Tragödien verwurzelt. Wahrscheinlich wurde die erste Tragödienaufführung 536 v.Chr von thespis aufgeführt. Seit dem ist eine Theatervorführung aus den Gesellschaften bis heute nicht mehr wegzudenken.
Jeder kennt irgendwelche Tragödien von den drei berümtehsten Dichtern Sophokles, Aischylos und Euripides. Die Tötung der eigenen Kinder von Medea oder das Schicksal des Ödipus, der seine eigene Mutter heiratet sind nur zwei der unzähligen, einzigartigen Tragödien.
Im folgenden befassen wir uns mit der Textstruktur eines griechischen Dramas und der antiken Dramenanalyse. Besonders auffallend ist hierbei die Rolle des Chores, der ursprünglich als Protagonist fungierte.
Textaufbau der griechischen Tagödie
Die griechischen Tragödien folgten immer einen bestimmten Schemenaufbau:
1. Prolog: Einleitung eines Schauspielers in das Geschehen. Als Prolog wird das gesamte Geschehen bezeichnet, das vor dem Auftritt des chorus passiert
2. Parodos: Der Einzug des Chores
3. Epeisodion: Schauspielszene, die entweder aus einem Monolog oder Dialog besteht
4. Stasimon: Das Chorlied bzw. Szene des Chores
5. mehrere Epeisodia und Stasioma wechseln sich hintereinander ab
6. Exodus: Auszug des Chores, der immer die Abschlussverse spricht
Von dieser Dramengrundform wurde nicht abgewichen. Allerdings rief die starre Vorlage auch Probleme hervor. Parallelhandlungen konnten nicht aufgezeigt werden und einzelne Szenen, vor allem die Epeisidia durften nicht zu komplex und lang sein, um die Zuschauer nicht zu überfordern.
Hierbei ist wahrscheinlich, dass das Urgrundgerüst die Chorszenen bildeten und die Einzelszenen den Chorliedern eingeschoben wurden. Dies kann man etymologisch begründen. Erst mit Euripides, einem der drei bedeutendsten griechischen Tragiker, löst sich diese Form. Nun mehr tritt der Chor in den Hintergrund und die Figuren werden zu den Protagonisten.
Einzug des Chores
Das Wort Parodos wurde ursprünglich als Ortsbenennung („Nebenweg“ oder „Passage“) verwendet. In diesem zweiten Abschnitt der griechischen Tragödie tritt erstmals der Chor von den Seitengängen zur Orchestra auf. Die Orchestra bezeichnet den Platz zwischen dem Zuschauerraum und der Skene.
Der Einzug des Chores erfolgt stampfend mit Sprechgesang, der in einem Geh-Rhythmus (Anapäst) vorgetragen wird. Der Text wird meistens rezitativ gesprochen oder in wenigen Tragödien auch gesungen. In einigen wenigen Tragödien ist der Parodos komplett weggelassen worden, um direkt in die Handlung einzugreifen.
Semiotik und die Bedeutung der Tänze
Stasimon bezeichnet eine Szene, in der der Chor nicht abgeht, sondern in der Orchestra bleibt und von dort den Text vorträgt. Meist singt der Chor und tanzt gleichzeitig. Die dabei ausgeführten Tanzfiguren unterstreichen dabei den Inhalt des Textes.
Wahrscheinlich ist, dass die Gesangstänze semiotische Bedeutungen hatten und Vorkenntnisse der Rezeptionisten vorausgesetzt wurden. So gab es Grundmuster von Gesangsrhythmen oder Tänzen, die bei den Zuschauern bestimmte Assoziationen hervorriefen. Zum Beispiel wies die „Barbarenmelodie“ auf den Ort der Handlung im Orient hin.
Diese antike Semiotik ist so vielfältig und unerforscht, dass es sich in modernen Inszenierungskonzepten schwierig gestaltet, den Chor mit den richtigen Bedeutungen einzubeziehen. Genaue Rekonstruktionen von den wahren, ursprünglichen Formen sind nicht mehr möglich.
Die Metrik
Besondere Beutung kommt nicht nur in den Stasioma der Metrik zu. Sind die Chorszenen meist in anapäst-ähnlichen Versen gehalten, weisen die Sprechverse einen Jambus auf.
Bis zum 19. Jahrhundert wurden die Chorverse für Prosa gehalten. Dann entdeckte man schließlich, dass jedes Chrolied metrisch individuell ist. Es gibt keine Wiederholungen eines metrischen Abschnitts.
Der Chorführer („Koryphaios“) spricht in den Sprechdialogen stellvertretend für den Chor. Seine Sprache ist gehoben und pathetisch. Diesen Text kann er so mit sehr expressiver Gestik untermauern, damit die Zuschauer der Handlung besser folgen können.
Die Wirkung der griechischen Tragödie
Die griechische Tragödie sollte „phobos“ und „eleos“ bei den Zuschauern erzeugen. Diese Schlagwörter können sowohl mit „Mitleid und Furcht“ als auch mit „Jammer und Schrecken“ aus dem Alt-Griechischen übersetzt werden.
Durch übertriebene Affektdarstellung und durch den Identifikationseffekt wird eine lustvolle Entladung dieser Affekte erzielt. Nach dieser Überwindung der Gefühlsebene trete nach Aristoteles die „katharsis“ ein, die im übertragenen Sinn gemeinte Reinigung des Menschen.
Literaturverzeichnis:
"Einführung in die griechische Tragödie" von Joachim Latacz; UTB, 2003, 2. Auflage, 429 Seiten, Taschenbuch, ISBN- 10: 3825217450
"Die griechische Tragödie" von Gustav Adolf Seeck; Reclam, 2000, 271 Seiten, Taschenbuch, ISBN-10: 3150176212
"Poetik" von Aristoteles; Reclam, Auflage: Erg. Ausg.(1994), 181 Seiten, Taschenbuch, ISBN-10: 3150078288
