
- Wider den Antisemitismus: Holocaust-Mahnmal Berlin - Savage Smoker / pixelio.de
Die Radfahrer kommen auch vor. Avi Primor leitet sein Buch über deutsch-jüdische Missverständnisse nämlich mit einem alten Witz ein: Nazis haben einen älteren Juden zu Boden geschlagen und fragen ihn: „Wer ist schuld am Krieg?“ Antwort: „Die Juden und die Radfahrer“. „Warum die Radfahrer?“, fragen die Nazis. „Warum die Juden?“ kontert der Jude.
Sachlichkeit statt jüdischem Sarkasmus
Ansonsten ist es mit dem vom Autor versprochenen typisch jüdischen Sarkasmus nicht weit her in diesem Buch. Es handelt sich vielmehr um Aufklärung, ruhige, sachlich-informative Faktenarbeit, um eine Gegenüberstellung von genau zwölf Vorurteilen mit der recherchierten Realität. Es sind jene Vorurteile, auf denen Antisemitismus sich gründet, teilweise uralte vorgefasste Meinungen über „die Juden“. Dabei räumt der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland aber auch mit gängigen Mythen auf der israelischen Seite auf, mit der Angewohnheit, Kritik an Politik und Verhalten des israelischen Staates mit Antisemitismus gleichzusetzen.
Beispiel Vorurteil eins: „Sieben Milliarden Menschen werden von zwölf Millionen Juden beherrscht“. Die These von der jüdischen Weltherrschaft wurde in den 1920er Jahren vom US-Autozaren Henry Ford aufgegriffen. Dieser bezog sich in seinem Buch „The international Jew“ auf die damals (wie heute) verbreiteten „Protokolle der Weisen von Zion“, um diese Verschwörungstheorie anzuprangern. Bei den Protokollen handelt es sich (Primor stellt den längst geführten Nachweis dar) um eine Fälschung des russischen Geheimdienstes aus dem ausgehenden 19ten Jahrhundert. Dargestellt wird, wie angeblich führende Rabbiner auf einer Geheimkonferenz ihren Griff nach der Weltmacht erörtern . „Eine Art geheimer jüdischer Untergrundregierung habe die Französische Revolution, den Liberalismus, den Sozialismus, den Kommunismus und die Anarchie befördert.“ Das in Bedrängnis geratene zaristische Regime Russlands konnte diesen Komplottvorwurf gut gebrauchen, um den Volkszorn auf einen Sündenbock zu lenken. Doch selbst Zar Nikolaus II. befand nach einer Prüfung die Protokolle als Fälschung. Primor zitiert seine Randnotiz auf dem „Protokolle“-Manuskript: „Man verteidigt ein gerechtes Anliegen nicht mit niedrigen Mitteln“. Auch Henry Ford entschuldigte sich bald für seinen Fehlgriff, doch das Machwerk - einmal auf dem Markt – dient bis heute Antisemiten weltweit als Beleg für den jüdischen Machthunger und war Wasser auf die Mühlen der deutschen Nazis.
Verschwörungstheorie widerlegt
Primor widerlegt die Verschwörungstheorie aber auch inhaltlich: In der jüdischen Gesellschaft und Religion gebe es keine Hierarchie, die solchen Machthunger stillen könnte. Vielmehr gelte das Sprichwort „wenn drei Juden zusammensitzen, gibt es vier verschiedene Meinungen“. Vor allem religiös zähle für Juden nur das Gesetz und für dessen Auslegung und Anwendung fehle seit 2000 Jahren eine einheitliche Autorität. Allein in den USA zählt Primor 51 jüdische Hauptorganisationen, und in Israel selbst lehnen viele Ultrakonservative den Staat ab, weil Autorität für sie nur von Gott kommen darf.
Primor handelt seine zwölf Vorurteile nicht abstrakt oder nur historisch ab, sondern stellt sie zumeist in den Zusammenhang des aktuellen Nahostkonflikts. Dabei gelten für den Autor zwei Grundvoraussetzungen: das Existenzrecht Israels und sein legitimes Sicherheitsbedürfnis. Er weist darauf hin, dass der aktuelle harte Kurs gegenüber den Palästinensern in Israel selbst heftig umstritten ist, und dass Kritik von außen ebenso berechtigt wie zutreffend sein kann. „Der Großteil derer jedoch, die die Politik Israels gegenüber den Palästinensern kritisieren, sind keine Antisemiten; häufig sind es Freunde Israels, die sich um dessen Schicksal sorgen“, resümiert er.
Palästinenser und Juden gemeinsam
Schließlich stellt der Ex-Diplomat ein versöhnliches Bildungsprojekt vor, das er selbst zusammen mit dem palästinensischen Philosophen und Präsidenten der arabischen Al Quds-Universiät in Ost-Jerusalem, Sari Nusseibeh, ins Leben gerufen hat. Dabei kooperieren das Zentrum für Europäische Studien an der israelischen Privatuniversität Interdisciplinary Center in Herzliya, Al Quds und die Royal Scientific Society in Amman. Die Dozenten pendeln zwischen den drei Institutionen, die Studenten können die Veranstaltungen per Videokonferenz verfolgen und sich beteiligen. Für persönliche direkte Kontakte müssen die Absolventen allerdings auf neutralen Boden ausweichen: An der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf studieren sie ein Jahr zusammen. Sie schließen mit einem Master in Europäischen Studien ab.
In seinem Buch verficht Primor weitgehend ohne den versprochen ätzenden jüdischen Humor Gewaltlosigkeit und Dialog und lässt beide Seiten sprechen. Leichte formale Ungereimtheiten (die Interviewform mit seiner Co-Autorin Christiane von Korff wird nicht stringent durchgehalten) sind zu verschmerzen. Die Sprache ist klar und deutlich – vielleicht ist es das, was angesichts der Komplexität des Konflikts schon als Sarkasmus gelten muss.
Avi Primor, Christiane von Korff: An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld – Deutsch-jüdische Missverständnisse. Piper Verlag München 2010 ISBN 978-3-492-04698-5, 309 Seiten, 19,95 Euro
