Ungefähr von Ende Februar bis Ende August brütet der heimische Singvogel. In dieser Zeit kommt es vor, dass man einen aus dem Nest gefallenen Jungvogel findet oder ein zerstörtes Nest mit noch lebenden Jungtieren. Handelt sich es aber um voll gefiederte Junge, die am Boden sitzen, besteht in der Regel kein Handlungsbedarf, da Amseln sogenannte Ästlinge sind. Das heißt, sie haben zwar das Nest verlassen, sind aber noch einige Zeit von den Eltern abhängig, da sie zum Teil flugunfähig sind und sich noch nicht selbstständig ernähren können. Sie werden weiterhin von den Eltern am Boden gefüttert. Die Jungtiere verhalten sich in der Regel ruhig im dichten Versteck. Es kann aber auch vorkommen, dass sie schutzlos umherhüpfen und sich damit in gefährliche Situationen begeben. Diesen Jungtieren tut man kein Gefallen, wenn man sie mitnimmt. Sie sollten lediglich in der Nähe ins Dickicht bzw. in einen dichten Unterschlupf gesetzt werden, wo sie von natürlichen Feinden besser geschützt sind. Nur wenn absolut sicher ist, dass diese Tiere von den Eltern nicht mehr versorgt werden, kann eine Hilfe sinnvoll sein. Dabei sollte man die Ästlinge mindestens 2h beobachten, um sicherzugehen, dass die Elterntiere nicht mehr zurückkommen.

Noch nackte Nestlinge kann man je nach Auffindsituation versuchen, wieder in das Nest zu setzen. Ist dies nicht möglich, muss das Tier warm gehalten und schnellstens versorgt werden. Es gibt Auffangstationen für Wildvögel, die aber in der Regel gerade im Frühjahr keine Kapazitäten mehr haben. Da die Amsel nicht zu den vom Aussterben bedrohten Vogelarten gehört, steht sie bei diesen Einrichtungen in der Prioritätenliste nicht gerade weit oben. Entweder man wendet sich dann an einen Tierarzt des Vertrauens, der vielleicht Hilfe vermitteln kann oder man entscheidet sich, den jungen Vogel selber aufzupäppeln.

Die Versorgung des Nestlings

Als Erstes muss schnellstens für die richtige Temperatur gesorgt werden. Am Besten eignet sich ein kleines Körbchen mit einer weichen Einlage, z. Bsp. Wollsocken. Dieses Körbchen sollte auf eine Wärmflasche gestellt werden. Zur Not tut es auch ein mit heißem Wasser gefüllter Gummihandschuh. Dabei muss ständig die Temperatur überprüft werden. Sie sollte ca. 35 und nicht höher als 38 Grad sein. Das Messen geht z. Bsp. sehr gut mit einem Thermometer, das einen Fühler hat, wie bei kombinierten Innen- und Außenthermometern. Lampen, wie beispielsweise Rotlichtlampen, eignen sich nicht bzw. nur für eine kurzfristige Überbrückung. Auch nachts muss ständig die Temperatur überwacht und ggf. die Wärmflasche neu befüllt werden. Das Nest ist natürlich regelmäßig zu säubern. Bei jeder Fütterung sollte der Kot entfernt werden, was nicht schwierig ist, da dieser in der ersten Zeit wie ein Beutel konstruiert ist. Ist das Tier gesund, ist der Kot meist bräunlich gefärbt in einer weißen Hülle.

Mit etwa 14 Tagen verlässt die Amsel dann das Nest. Sie hüpft meistens auf dem Boden herum und macht erste Flugversuche. Als Weichfresser setzt die Amsel viel Kot ab, der sehr aggressiv ist. Das wird für den Wohnungsinhaber wenig erfreulich sein. Am Besten wäre jetzt eine Außenvoliere, die genug Platz für die Flugübungen bietet und von der aus der Vogel schon die äußere Umgebung „beschnuppern“ kann. Das lässt sich aber sehr selten realisieren. Ein Kompromiss wäre als Unterschlupf ein größerer Käfig und begrenzte „Freigänge“, bei dem die junge Amsel fliegen üben und ihre Umgebung inspizieren kann. Wichtig ist das Anbieten einer Bademöglichkeit, beispielsweise einen etwas höheren Pflanzenteller. Amseln lieben das Baden und es ist wichtig, dass das erste Bad des Vogels in einem sicheren Umfeld stattfindet, da das Gefieder noch nicht genügend „imprägniert“ und er damit flugunfähig ist.

Ernährung der Amsel

Für das Gedeihen eines jungen Vogels ist es überlebenswichtig, schnellstmöglich in Erfahrung zu bringen, um was für eine Vogelart es sich handelt. Das ist bei sehr jungen Tieren, die noch völlig nackt sind, für einen Laien sehr schwierig. Man kann anhand der Schnabelform zumindest erkennen, ob es sich um einen Körner- oder Insektenfresser handelt. Auf wildvogelhilfe.de findet man viele Antworten und es besteht die Möglichkeit, per Mail ein Foto zu senden, um die Vogelart bestimmen zu lassen. Auch sonst bekommt man hier schnell Rückmeldung auf gestellte Fragen. Die Zugabe von Vitaminen und Mineralien ist für die Vermeidung von Mangelerscheinungen notwendig. Besonders oft treten in der Handaufzucht Fehlstellungen der Krallen auf, die evtl. auf Rachitis zurückzuführen sind, ausgelöst durch das Fehlen wichtiger Nährstoffe. Fehlstellungen können in einigen Fällen durch Tapen korrigiert werden. In der Regel hilft hier der Tierarzt weiter.

Für die Erstversorgung eignet sich besonders bei ausgehungerten Tieren eine Elektrolyt- oder Traubenzuckerlösung.

Futterangebot für Amseln:

  • aufgeweichte (!) Beoperlen (gibt es in Zoomärkten)
  • kleine, später mittlere Heimchen (Zoomärkte)
  • Regenwürmer (Gartencenter, Zoomärkten oder Fachhandel für Anglerbedarf)
  • Claus Nestlingsfutter
  • später auch Obst bzw. Früchte (z. Bsp. Beeren) und Rosinen
  • Haferflocken
Sehr junge Vögel müssen halbstündlich gefüttert werden. Eine stumpfe Pinzette eignet sich dafür am Besten. Dabei wird die Nahrung vorsichtig möglichst weit hinten in den Schnabel eingeführt. Das Wassergeben muss sehr vorsichtig erfolgen, da sich die Jungtiere leicht verschlucken. Idealerweise sollte man mit einer Pipette Wassertropfen auf dem Schnabelrand geben, der Vogel schluckt dann selbstständig die Flüssigkeit. Der Fütterungsabstand wird immer größer. Nach ca. vier Wochen sollte der Vogel schon in der Lage sein, selbstständig Nahrung aufzunehmen. Am besten wäre ein Regenwurmfeld, etwa in einem quadratischen Behälter, der mit Erde und Regenwürmer befüllt ist. Hier kann die Amsel sich schon mal auf Regenwurmsuche in der Freiheit einstellen.

Die Auswilderung

Ein Vogel gehört natürlich in die Freiheit und so muss man sich rechtzeitig auf die Auswilderung des Schützlings einstellen. Es sollte von Anfang an eine zu starke Bindung bzw. Fixierung des Jungvogels an die Bezugsperson oder anderen Haustieren verhindert werden. Das ist bei Einzeltieren schwierig, da man ihnen soziale Kontakte nicht verweigern kann.

Wenn die Amsel selbstständig Nahrung aufnimmt und flugtüchtig ist, wird es Zeit für ihre Freilassung. Dazu ist es wichtig, dass sie sich erstmal an ihre Umgebung gewöhnt. Ideal wäre hier eine Außenvoliere. Alternativ bietet sich auch ein Käfig an, der in einer erhöhten Position, z. Bsp. am Fenster deponiert wird. Nach ca. 10 Tagen bei gutem Wetter sollte es dann soweit sein. Man kann der jungen Amsel in der Anfangszeit eine Rückzugsmöglichkeit bieten, indem man z. Bsp. am Käfig ein kleines Flugbrett befestigt und Leckereien bereitstellt. Dadurch hat sie in der ersten Zeit noch ein wenig Unterstützung. Vielleicht lässt die Amsel sich in der Nähe nieder und man kann ihr Gesang noch die nächsten Jahre genießen.