Als der Motorflug in Europa Fuß fasste und die fortschreitenden Leistungen in Frankreich kräftige Impulse auch in Deutschland nachhaltig zeitigten, war es der Flieger der ersten Stunde August Euler, der die Flugtechnik und die fliegerische Entwicklung in Deutschland voranbrachte. Er war nicht nur Flieger, sondern auch Fluglehrer, Flugzeugbauer und Wegbereiter des deutschen Luftverkehrs. Die friedliche Nutzung des Flugzeuges stand für ihn immer im Vordergrund.

Vom Automobilrennfahrer zum Sportflieger

Euler war ein Sportsmann und hatte nach den Geschäften mit Fahrrädern sein Herz für den Motorsport entdeckt. Er fuhr in Frankreich Automobilrennen und übernahm in dieser Zeit die Vertriebsvertretung in Deutschland für eine Reihe bedeutender französischer Automobilfirmen. Mehrere seiner Sportkollegen wandten sich damals der Fliegerei als neue sportliche Herausforderung zu. Das weckte natürlich auch Eulers Interesse. Er befasste sich mit dem Bau und der Erprobung von Gleitflugapparaten und erwarb im Jahre 1908 von den französischen Brüdern Charles und Gabriel Voisin die Nachbaulizenz des damals erfolgreichen Doppeldeckers in Kastenbauart und einen fertigen Apparat als Erprobungsmuster.

Erster deutscher Teilnehmer an Flugveranstaltungen während der ILA

Nach mehreren Erprobungen ging Euler dazu über, die Voisin- Bauart zu verbessern. Es gelang ihm durch veränderte Bauweise und den Einsatz leichterer Materialien, das Gesamtgewicht (Leergewicht) des Apparates um fast die Hälfte zu reduzieren.

Mit einem Flugzeug dieser Euler-Voisin-Bauweise nahm er als erster und einziger Deutscher an den Flugveranstaltungen zur „Internationalen Luftschifffahrtsausstellung“ (ILA) in Frankfurt/Main teil. Hier gelang ihm ein Flug mit der Dauer von 2 Minuten und 30 Sekunden. Im Vergleich zu den Leistungen der französischen Flieger mit Sicherheit eine bescheidene Leistung. Insgesamt unternahm Euler 51 Starts und Landungen. Am 7. Oktober 1909 erreichte er seine beste Leistung. Sein Flug dauerte diesmal 4 Minuten und 54 Sekunden.

Die Nummer 1 in der Flugzeugführerliste des DLV

Kurz nachdem der „Deutsche Luftschiffer-Verband“ (DLV) die Bedingungen für die Zuerkennung von Flugzeugführer-Lizenzen festlegte, die ab dem 1. Januar 1910 Gültigkeit haben sollten, machte Euler wieder von sich Reden. Er flog am Ende des Jahres 1909, am 31. Dezember zwischen 15.30 und 16.25 Uhr, vor einer Gruppe von Unternehmern, Militärs und Verantwortlichen des DLV auf dem Truppenübungsplatz Griesheim bei Darmstadt.

Nach dem Flug wurde ein Protokoll niedergeschrieben, in dem bestätigt wurde, dass August Euler die Bedingungen für das Flugzeugführerzeugnis mit der Leistung von drei Flügen erfüllte. Er flog dreimal je zwei Runden im geschlossenen Kreis über dem Platz. Mit jedem Flug legte er ca. 7 Kilometer zurück, die Flüge wurden ohne Zwischenlandung durchgeführt. Die Flughöhe lag zwischen 10 und 30 Metern. Der erste Flug dauerte ca. 5 Minuten und 23 Sekunden, die beiden darauf folgenden Flüge wurden ähnlich absolviert.

Dies war das erste Protokoll über einen Prüfungsflug zur Erreichung einer Fluglizenz in der deutschen Motorfluggeschichte. August Euler erhielt die Nummer 1 in der Flugzeugführerliste des DLV und seinen Ausweis am 1. Februar 1910. Hans Grade erhielt die Nummer 2.

Gründung der eigenen Fliegerschule in Griesheim

Im Frühjahr 1910 gründete Euler seine eigene Fliegerschule und sein erster Schüler war Ellery von Gorrissen, der spätere Präsident des „Bundes Deutscher Flugzeugführer“. Bis vor dem ersten Weltkrieg vertrat Euler engagiert die sozialen Interessen der Flieger vor den Besitzern der Flugzeugfabriken und Fabrikfliegerschulen.

Gorrissen machte sein Fliegerexamen bereits am 7. April 1910. Bis zum Beginn des 1. Weltkrieges hatte Euler 30 Flieger nach den Bedingungen des DLV ausgebildet. Das war nur ein geringer Anteil an der Gesamtzahl aller 817 Flugzeugführerlizenzen. Die Eulersche Flugschule war ein beliebter Treffpunkt des deutschen Adels. Einige ehemalige Flugschüler wurden Fluglehrer auf dem Flugplatz Johannisthal, so auch Ellery von Gorrissen. Einige kauften sogar ihr Fluggerät bei Euler, um damit an Flugwettbewerben teilnehmen zu können. Euler selbst nahm an Motorflug-Wettbewerben nicht mehr teil.

Neuer Flugplatz in Frankfurt-Niederrad – Erster amtlicher Postflug?

Zum Ende des Jahres 1911 erwarb Euler von der Stadt Frankfurt ein ca. 10 ha großes Grundstück in der Nähe seiner Flugzeugfabrik, den „Euler-Flugmaschinen-Werken“ und baute es als Werksflugplatz aus. Im Januar 1912 zog er zu diesem Standort um und beging mit seiner Belegschaft am 18. Mai 1912 die feierliche Eröffnung. Im November 1913 waren schon 100 Mitarbeiter in seiner Fabrik tätig. Der Flugplatz war ausschließlich zu Ausbildungszwecken und für die Werkserprobung von Fluggerät eingerichtet worden.

Der erste Doppeldecker, den Euler konstruierte, war bereits im Jahre 1911 entstanden und erhielt den seltsamen Beinamen „Gelber Hund“, aufgrund des gelben Bespannungsstoffes. Mit diesem Flugzeugtyp startete der ehemalige Schüler Eulers Ferdinand von Hiddessen am 10. Juni 1912 um 9.04 Uhr in Frankfurt-Niederrad zu einem Postflug nach Darmstadt.

Euler bezeichnete diesen Flug als „ersten amtlichen Postflug“. Diese Feststellung war etwas voreilig getroffen, denn bereits am 19. Mai 1912 fand im Zusammenwirken mit der Reichspost die erste „amtliche“ deutsche Luftpostbeförderung von Heidelberg nach Mannheim statt.

Flugzeugproduktion bis Ende des Jahres 1914

In den Euler-Flugmaschinen-Werken wurden bis zum Beginn des ersten Weltkrieges sechs Doppeldecker-Typen, zwei Dreidecker-Muster, ein Flugboot und drei Eindecker-Flugzeuge gebaut. Der Erfolg dieser Muster hielt sich in Grenzen. Danach wurden 14 Flugzeugmuster gebaut, welche zunächst als Schuldoppeldecker ausgelegt waren. Später folgte der Umbau zu Kampfflugzeugen, die aber meistens nur für Versuchszwecke genutzt wurden.

Laut einem Bericht der Verkehrs-Abteilung des Kriegsministeriums (Luftfahrt-Abteilung A7L) haben die Euler-Werke erstmalig am 2. September 1911 an die Wehrmacht ein Flugzeug geliefert. Bis zum Ende des Jahres 1914 wurden insgesamt 101 Flugzeuge an die Militärs übergeben. 60 Stück allein davon im Jahre 1914. Die Belegschaft der Firma wuchs bis zum Ende 1914 auf 150 Mitarbeiter an. Eulers letzte Konstruktion war ein Vierdecker-Versuchflugzeug, welches er in den Jahren 1916/1917 baute.

Am 4. Dezember 1918 übernahm August Euler die Leitung des Reichsluftamtes mit den Vollmachten eines Unterstaatssekretärs. Am 11. Januar 1919 hielt er konkret öffentlich fest, dass „(…) die wichtigste Aufgabe des (…) Reichsluftamtes ist, das bisher als Kriegswerkzeug verwendete und nur für diesen einen Sonderzweck weiterentwickelte Flugzeug mit größter Beschleunigung den nützlichen Zwecken des Friedens zugänglich zu machen (…)“ Im Jahre 1922 ging August Euler in den Ruhestand.

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Quellen:

  • Günter Schmitt, Fliegende Kisten – Von Kitty Hawk bis Kiew, Transpress – Verlag für Verkehrswesen, Berlin, 1985
  • Günter Schmitt, Als die Oldtimer flogen- Die Geschichte des Flugplatzes Berlin- Johannisthal, Transpress- Verlag für Verkehrswesen, Berlin, 1980