
- Wolfang Blaschko - Benjamin Brumm
Abseits der großen Flohmärkte lassen sich noch echte Schätze finden – vor allem menschlicher Natur. Schnäppchen findet man heutzutage im Onlineauktionshaus – echte Geschichten werden dagegen von den vielen Garagenhändlern der Großstadt erzählt. So auch in Stuttgart.
Ebay verdirbt die Lust aufs Feilschen
Der wolkenverhangene morgendliche Himmel passt zu der Stimmung auf dem Stuttgarter Karlsplatz. Die wenigen Händler, die bei eisigen Temperaturen und Nieselregen ihre Stände für den örtlichen Flohmarkt aufgebaut haben, blicken grimmig drein: kein Geschäft in Sicht.
Denn noch kleiner als die Zahl der Anbieter erscheint die der potentiellen Kunden. Die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage haben Menschen hinterlassen, die im Moment vor allem eines sind: übersättigt. Einzig ein junges Paar feilscht kichernd mit einem sichtlich genervten Trödler um den Preis einer Brotschneidemaschine, Marke: Krups, Farbe: knallorange. Das Paar ist der Meinung, das Gerät aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts heutzutage auch für wenige Euro bei Ebay und Co. zu bekommen. Nach fünf weiteren Versuchen den Preis zu drücken, entscheiden sie sich dafür, es sich noch einmal zu überlegen und „erst einmal weiter zu schauen“. Leicht verärgert winkt der Händler ab und grummelt einige unverständliche Silben in seinen weißgrauen Bart.
"Ich lebe in einer ganz anderen Welt"
Ortswechsel. Nur wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt sitzt Wolfgang Blaschko in seiner Garage. Herkömmliche Flohmärkte interessieren ihn genauso wenig wie Ebay. „Ich lebe in einer ganz anderen Welt“, sagt er. Und blickt man sich einige Momente in seiner zum ständigen Flohmarkt umfunktionierten Garage um, glaubt man ihm sofort. Hier findet sich, neben einer gesamten Armee von bunten Nussknackern aus dem Erzgebirge, ein russischer Kosmonautenhelm, an den wiederum ein vergoldeter Wandteller gelehnt ist – laut Haftnotiz eine Handarbeit aus jemenitischem Diplomatenbesitz, datiert um 1885. „Vom Verkauf meiner Artikel leben kann ich nicht und will ich nicht!" Ihm gehe es stattdessen um nicht weniger als die Erhaltung der Menschheitsgeschichte: „Man kann auch wirklich Historie kaufen, aus den Flohmärkten heraus, sozusagen." Blaschko, groß gewachsen und mit schlohweißem Haar, das sich unter einem breitkrempigen dunkelbraunen Lederhut verbirgt, redet sich jetzt in Rage. Über die Machenschaften zwielichtiger Händler, die ahnungslosen Kunden „ganz bewusst Fälschungen unterjubeln“. Gleichzeitig wüssten auch die Käufer den wahren Wert eines Gegenstandes oft nicht mehr zu schätzen. Blaschko hat deshalb über die Jahrzehnte eine gewisse Grundskepsis gegenüber Interessenten aufgebaut und verkauft seine Artikel längst nicht an jeden. „Wenn mir jemand nicht so geheuer ist, dann sag' ich einfach: 'Komm, lassen Sie es.'“
Zerfallene Datschen, zaristisches Porzellan und Wodka
Die Suche nach verborgenen Schätzen hat ihn um die halbe Welt geführt. „Reisen ist mein Leben gewesen!“, schreit Blaschko förmlich heraus und seine Miene leuchtet nun mindestens ebenso hell wie sein gelber Anorak. Spätestens jetzt wird klar, wen man vor sich hat: einen Getriebenen, für den die Verbindung aus „Tingeln und Trödeln“, wie er sein Lebensmotto selbst beschreibt, zur Berufung geworden ist. Dabei dauert es bis in die 1990er Jahre, als er das Land seiner Träume besuchen kann; die Überreste der sich auflösenden Sowjetunion: St. Petersburg, Moskau, Irkutsk und Wladiwostok. Mit den Reisen nach Russland verbindet Blaschko das Gefühl von Heimat. Sein leichter Akzent – das rollende „R“, die breit gesprochenen Vokale – verraten seine schlesische Herkunft auch nach fast 50 Jahren in der schwäbischen Provinzmetropole.
Nach der Ausbildung zum Schreiner in der DDR flieht er, den Einberufungsbefehl in der Tasche, wenige Tage vor dem Bau der Berliner Mauer in die BRD und macht sich in Stuttgart selbstständig. „Aber ich liebte und liebe den Osten“, stellt Blaschko daraufhin klar und – wie um ihn zu bestätigen – betritt ein Mann die Garage und schmettert Blaschko eine donnernde Salve russischer Begrüßungsworte entgegen. In der russischen Gemeinde der Stadt ist er, dank seines ehrenamtlichen Engagements für Integration bekannt und geschätzt. Dabei übersteigt seine Begeisterung für das Land bei weitem rein geographische Vorstellungen.
Fernweh, Reiselust: aber ja! - USA: niemals!
Für ihn resultiert aus der Liebe zu Russland zwangsläufig eine Antipathie gegenüber dem alten Klassenfeind. Speziell die undistanzierte Art der Amerikaner Geschäfte zu machen, gefalle ihm nicht. „Nach zehn Minuten klopft mir der Ami auf die Schultern, quetscht mir den Schädel ein und sagt: 'Ich liebe dich!' Da komme ich mir doch fremd vor und denke: Was will der denn von mir?" So ganz anders sei da das monatelange Feilschen in Irkutsk um die Überreste verfallener Datschen, vorzugsweise „Porzellan aus zaristischer Zeit“, ausgefallen. „Da war ich dann höchstens weg vom Fenster, weil ich keinen Wodka mehr sehen konnte“, berichtet Blaschko. Trotz Fernwehs und Rastlosigkeit: niemals fiele ihm ein, in die USA zu reisen. Daran ändern auch die unzähligen Einladungen seiner Tochter nichts, die als Ärztin in Chicago arbeitet. „Die hat mir mindestens schon zehn Flugtickets geschickt. Ich hab' die alle zerrissen!" Statt vermeintlicher Wehmut erblickt man in Blaschkos Gesicht nun ein breiter werdendes Grinsen, das ihm beinahe den Hut von der Stirn schiebt. Ein weiteres Mal öffnet sich nun das Garagentor zu Blaschkos bunt schillernder Welt. Er tritt hinaus, atmet durch, blickt dem grauen Himmel entgegen. Es hat aufgehört zu nieseln – man könnte glauben, allein seinetwegen.
