Aus der Philosophie- in die Bildgeschichte: Ein Nietzsche-Comic

Titelbild der Comicbiographie
Titelbild der Comicbiographie "Nietzsche" - Knaus Verlag
Die Comicbiographie über Friedrich Nietzsche von Michel Onfray (Text) und Maximilien Le Roy (Illustrationen) erschien in deutscher Übersetzung.

Jahrzehnte dauerte es, bis Comicfiguren wie Superman, Green Lantern oder Captain America, die seit den dreißiger bzw. vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in preiswerten Bildheftchen Heldentaten vollbrachten, von Super- zu Filmhelden avancierten. Bei historischen Persönlichkeiten ist die umgekehrte Tendenz erkennbar: Deren Leben und Wirken wird, nachdem sich Generationen von Autoren mittels Biographien an ihnen abgearbeitet haben, heute gern graphisch in Szene gesetzt. Kurz: Comicbiographien haben Konjunktur. Erst im letzten Jahr erschien bei Carlsen eine Bildgeschichte über Anne Frank von Sid Jacobson und Ernie Colon in deutscher Übersetzung, die in der Comicstrip-Ästhetik gestaltet wurde. Den Autoren gelang es überzeugend, die Geschichte des Nationalsozialismus mit dem Schicksal des heute weltberühmten Mädchens in einer eng an den historischen Fakten gehaltenen Bildgeschichte zu verknüpfen und so für Leser jeden Alters sinnlich erfahrbar zu machen.

Nun fand auch Friedrich Nietzsche (1844-1900) aus der Philosophie- in die Bildgeschichte. Der französische Philosoph Michel Onfray hat sich mit dem Graphiker Maximilien Le Roy an einer Comicbiographie über den Philosophen versucht. Der Band erschien 2010 unter dem Titel „Nietzsche. Se créer liberté“ (Nietzsche. Die selbstgeschaffene Freiheit) zuerst im belgischen Verlag Les Éditions du Lombard und nun im Albrecht Knaus Verlag München.

Aber nur, wenn man dieses Buch als Literarisierung akzeptiert, ist es überzeugend. Wer es als eine detaillierte Darstellung von Nietzsches Dasein liest, könnte enttäuscht sein. Mögen auch dessen 56 Lebensjahre in Gänze skizziert werden, erlaubt sich der Autor, im Gegensatz zum Autorenteam der obengenannten Anne-Frank-Bildbiographie, zu viele Freiheiten, um es als eine authentische biographische Bildgeschichte gelten zu lassen.

Eine freizügige Literarisierung von Nietzsches Leben

Die ersten neun Seiten sind nur gezeichnet, bleiben ohne Kommentar und Sprechblasen. Die hier illustrierten Episoden muss man kennen, um sie zu verstehen. Auf der ersten Seite ist der kranke Nietzsche 1896 auf der Veranda des Nietzsche-Hauses in Naumburg zu sehen. Der Illustrator hat für die Darstellung des Umnachteten jene Fotos zu Grunde gelegt, die Hans Olde erst nach 1897 in Weimar aufnahm. Auch die Darstellungen des Nietzsche-Hauses am Weingarten geben nicht den Zustand um 1900 wieder, sondern jenen nach der Umgestaltung in den neunziger Jahren und vor Errichtung des Dokumentationszentrums. Selbst die erst im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts angebrachte Tafel und der Schaukasten (1994) rechts von der Eingangstür sind am Nietzsche-Haus von 1890, siehe Seite 114, bereits zu finden. Ganz zu schweigen von den Fensterläden, die zu Nietzsches Zeit weiß, nicht grün gestrichen waren.

Blende. Auf Seite zwei geht die Reise zurück in Nietzsches Geburtsjahr 1844. Wir sind in Röcken, sehen Carl Ludwig, Nietzsches Vater, der erst die Kirchenorgel spielt und sich dann den Kopf hält. Nur wer sich in der Biographie Nietzsches auskennt, weiß, dass diese Haltung auf die Schmerzen hindeuten soll, die in ein einjähriges Krankenlager mündeten. Auch der Treppensturz von Carl Ludwig Nietzsche ist auf einer Seite mit acht Zeichnungen ausgeführt. Elisabeth hat als Biographin ihres Bruders behauptet, dieser Sturz habe mehr oder minder zum Tod des Vaters 1849 beigetragen. Das aber war wohl nur eine Schutzbehauptung, die die wahren Ursachen für die lange Krankheit und den frühen Tod des Vaters verschleiern sollten.

Ohne Detailkenntns bleiben manche Szenen rätselhaft

Sicher wird es auch alle Leser, die nicht mit der frühen Biographie Nietzsches vertraut sind, verwirren, wenn der kleine Friedrich eines Tages seiner Mutter lakonisch erklärt, dass sein toter Vater „Josef auf den Arm und dann mit ins Grab genommen hat“. Zur Erklärung: Josef Nietzsche war das jüngste Kind von Franziska und Carl Ludwig Nietzsche. Wie Friedrich 1858 notierte, will er kurz vor dem Tod des kleinen Bruders geträumt haben, dass sein Vater aus dem Grab gestiegen sei und den Jungen geholt habe. Bald darauf ist Josef Nietzsche wirklich gestorben. Wer keine detaillierte Kenntnis von Nietzsches Biographie besitzt, für den bleiben solche Szenen, da Erläuterungen des Autors fehlen, notwendigerweise ein Rätsel.

Der weitere Lebensweg Nietzsches, beginnend mit dem Studium, ist, da auch ausführlich mit Dialogen flankiert, für den Laien wesentlich leichter nachvollziehbar. Auch wenn sich Autor und Illustrator hier größere Freiheiten erlauben, die sich mit der tatsächlichen Biographie des Philosophen nicht decken. Aber es ist fast zu vernachlässigen, wenn Nietzsche Schopenhauers Werk in Bonn und nicht, wie es historisch korrekt wäre, in Leipzig entdeckt. Und wenn Heinrich Köselitz alias Peter Gast Nietzsche 1880 daran erinnert, dass er ihm früher einmal geschrieben habe, dass das Leben ohne Musik ein Irrtum sei, so zitiert der Adlatus einen Satz, den Nietzsche erst 1888 in „Die Götzendämmerung“ schreiben wird. Wie Nietzsche aber mit seinem Kommilitonen Erwin Rohde über Schopenhauer disputiert, ist sehr gut getroffen. Ebenso gelungen ist Nietzsches Aufenthalt bei den Wagners in Tribschen bei Luzern. Schön auch die erste Begegnung zwischen Lou Salomé und Nietzsche, die sich im April 1882 in Sankt Peter in Rom zutrug: Denn hier erklärt Nietzsche Lou Salomé seine Philosophie der „Umwertung der Werte“ gerade in dem Moment, da sie vor der Piéta Michelangelos stehen.

Nietzsches Dasein als Comic zu gestalten, bleibt eine Herausforderung

Die Bilderfolgen sind dort am eindrücklichsten, wo Maximilien Le Roy die beginnenden Wahnzustände Nietzsches visualisiert. Ein Haken aber auch noch am Ende, wo wir den geistig umnachteten Nietzsche sehen. In diesem Bild erkennbar paralysiert, veranstaltet der Pflegefall im nächsten mit seiner Schwester eine fidele Kissenschlacht. Das passt nicht.

Der Verlag wirbt auf dem Rücktitel mit diesem Hinweis für das Werk: „Ein ungewöhnliches und kraftvolles Nietzsche-Porträt für Kenner. Eine brillante Einführung für solche, die es werden wollen.“ Wohl wissend, dass man keinem Werbetext für ein Buch trauen sollte, den man nicht selbst geschrieben hat, ist anzumerken: Als Einführung ist die Bildbiographie wenig geeignet, weil Details aus Nietzsches Leben enthalten sind, die ohne Kommentar bleiben und nur von Fachleuten zu deuten sind. Ein Nietzsche-Porträt für Kenner ist der Band aber auch nicht, weil das Dargestellte durchweg bekannt, wenngleich nach Gusto gemischt ist.

Nehmen wir den großformatigen Band also als das, was er ist: eine stark literarisierte Lebensgeschichte. Das heißt aber auch: Die Möglichkeiten, Nietzsches Dasein als Comic zu erzählen, sind noch nicht ausgeschöpft.

Michel Onfray/Maximilien Le Roy: Nietzsche. Aus dem Französischen von Stephanie Singh. Knaus Verlag, München 2011. 127 S., geb., 19,99 €.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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