Lehrer an einer Berufsschule zu werden ist für viele Akademiker uninteressant. Seit Jahren bieten die beruflichen Schulen Hochschulabsolventen immer wieder goldene Brücken, um sie doch noch zu einem Wechsel zu bewegen. So konnten sie nach dem Fachstudium direkt ins Referendariat. Oder die jüngste Verzweiflungstat einiger Bildungsminister (hier eine Liste der Maßnahmen als pdf-Datei): ganz ohne Referendariat den Untericht leiten, die pädagogischen Fähigkeiten sollen im Beruf erworben werden; lediglich einige Jahre Erfahrung in der freien Wirtschaft setzte Nordrhein-Westfalen zum Beispiel bis vor einiger Zeit voraus.
Ruhe im Klassenzimmer
Stimmen wirbeln wild durcheinander, werden lauter. Dann ein resoluter Ruf von Lehrer Moos. "Die Herren in der letzten Reihe! Pssst!!!" Sich in seiner Klasse Gehör zu verschaffen, damit hat Carsten Moos kein Problem. Auch vor einigen Jahren, als der damals Anfang 30-Jährige zum ersten Mal vor seinen Schülern stand, ging es nie um mangelnden Respekt, dafür um so mehr um die richtige Unterrichtsmethode. "Es ist ein Sprung in ein sehr, sehr kaltes Wasser", erinnert sich Carsten Moos.
Seiteneinsteiger aus der Wirtschaft
Er war der erste von bislang zwölf Seiteneinsteigern am Siegener Berufskolleg für Technik, hatte vorher jahrelang als Elektroingenieur in der freien Wirtschaft gearbeitet. Weil überall Berufsschullehrer fehlen, konnte er ohne Lehrerausbildung in den Schuldienst wechseln mit denselben Problemen wie die anderen Seiteneinsteiger. An den fachlichen Fähigkeiten sei nie etwas auszusetzen, sagt Schulleiter Dieter Reinschmidt: In erster Linie sind die pädagogische Fähigkeiten nicht ausgebaut. In der Regel wird die schulische Wirklichkeit falsch eingeschätzt." Und das erzeugt Stress. "Man hat ihn am Anfang recht selten mal lachen gesehen", erinnert sich Clemens Fabig. Der 24-Jährige wird als Systemelektroniker in der Informationstechnologie ausgebildet. Den Seiteneinsteiger Carsten Moos hat er bei seinen ersten Unterrichtsversuchen kennengelernt. "Mir war das am Anfang ein bisschen zu sehr zu fachlich und er selbst, hatte ich den Eindruck, war im ersten Halbjahr sehr unsicher. Vielleicht, weil auch die Erfahrung fehlte, wie man den Unterricht gestaltet. Doch das ist besser geworden."
Zu viel Fachwissen, zu wenig Didaktik
Den Unterricht „zu fachlich" gestalten - das ist ein typisches Anfängerproblem für Lehrer, die direkt aus der Berufspraxis kommen. Denn dort sind sie meistens Spezialisten; an der Berufsschule ist allgemeinere Wissensvermittlung gefragt. "Gerade hier im beruflichen Bereich geht man nicht ganz so tief rein; man muß das pädagogisch aufarbeiten. Man geht sehr flach rein, und gerade diese Umsetzung muss man natürlich erst mal hinbekommen, und das dauert seine Zeit", hat auch Lehrerkollege Thomas Kuhn erfahren. Er unterrichtet schon länger, ist nach einem Ingenieur-Studium über ein übliches Referendariat Lehrer geworden. Er konnte sich langsam umstellen. Bei Carsten Moos war das anders. Gerade ein paar Tage hatte er den alten Job als Betreuer von Computer-Netzen an den Nagel gehängt, dann hieß es bereits: 19 Stunden Unterricht in der Woche, sechs weniger als die Kollegen. Dafür fuhr er einmal die Woche zum Lehrerseminar. "Es war immer stressig, anstrengend, und es gab einige Kollegen, bei denen dann gesundheitliche Probleme auftraten, Nervosität, weil man es nicht mehr gewohnt war, geprüft zu werden und weiter dazu zu lernen. Das war schon eine anstrengende Situation":
Lang gehegter Lehrerwunsch
Bereits kurz nach seinem Ingenieur-Diplom hatte Carsten Moos mit dem Gedanken gespielt, Berufsschullehrer zu werden. Damals hätte er zwei Jahre Didaktik-Studium und zwei Jahre Referendariat draufsatteln müssen. Das wollte er nicht. "Ich wollte Geld verdienen und wollte auch im Beruf Karriere machen, all das, was man denkt, wenn man mit dem Studium fertig ist." Als Seiteneinsteiger hat er sich nicht nur das zweite Studium gespart, sondern auch das Referendariat. Ein Jahr Nachqualifizierung mußte reichen, mittlerweile verlangt das Schulministerium zwei Jahre - allerdings mit einem gutem Lehrergehalt. Das Geld spielte für Carsten Moos aber keine so große Rolle - er tauschte Firmenwagen und Firmenrente in der schwankenden Computerbranche gegen den sicheren Beamtenstatus.
Unsichere Computerbranche gegen Beamtenstatus getauscht
Dass er damit auch das jahrelang in der freien Wirtschaft gewohnte selbständige Arbeiten gegen dröges Verwaltungsdenken eingetauscht haben könnte, lässt er nicht gelten. "In meinem Beruf vorher war ich eigenständig, selbstverantwortlich tätig. Das bin ich aber immer noch. Ich muss für meinen Unterricht selbst sorgen, ich übernehme dafür die Verantwortung.
Eines war ihm allerdings lange ein Buch mit sieben Siegeln: "Was für mich von Anfang an sehr schleierhaft war, waren schon die gesamte Verwaltung, die Vorschriften. Da habe ich lange Zeit für gebraucht, um bildlich gesprochen in das sehr sehr große Gebäude einer Schule vorzudringen." Nicht nur dabei sind die Neulinge auf die Hilfe der Kollegen angewiesen. Schulleiter Reinschmidt: "Die Integration der Seiteneinsteiger in den Unterricht ist das Problem. Sie müssen von den Formalien her viel lernen. Wie funktioniert eine Klasse, wie der Unterricht, welche Richtlinien gibt es. Das läuft ja alles parallel."
Risiko für die Schule
Und die Schule geht dabei auch noch ein Risiko ein. Denn eine pädagogische Eignungsprüfung gibt es für die Seiteneinsteiger nicht - sie arbeiten sofort als vollwertige Lehrer, möglicherweise auch als schlechte. Erst nach der in Nordrhein-Westfalen mittlerweile zweijährigen Nachqualifizierung könnte für sie das pädagogische Aus kommen, wenn sie die Abschlussprüfung nicht bestehen. Carsten Moos hat alle Prüfungen geschafft. Die meistens seiner Schüler wissen nicht, dass er bereits ein Berufsleben vor der Schule hatte. Doch einigen fällt der etwas andere Unterrichtsstil auf, geht auf konkrete Anmerkungen der Schüler ein, zum Beispiel, wenn sie ungewöhnliche Lösungvorschläge für Aufgaben angeben: "Da hat er nach und nach die Ideen abgearbeitet und diskutiert, warum was wie funktioniert und warum nicht. Die meisten knallen was an die Tafel und so wird das dann gemacht", sagt ein Schüler. "Ich denke schon, dass der Herr Moos ein bisschen aufgeschlossener ist und nicht so dieses altbackene Beamtentum übernommen hat; er ist schon ein bisschen lockerer."
