
- Ninja lauert an einer Mauer - Benjamin Rossa
Im Japan des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit dominierten die Samurai die japanische Oberschicht und damit die Gesellschaft. Wurden jedoch Clans und Sippen von ihren Herren ausgestoßen oder im Krieg besiegt, wurden sie zu Geächteten, zu Ronin. Aus den Reihen der gefallenen Samurai rekrutierten sich die Ninja, was auf Deutsch übersetzt "Kundschafter" bedeutet. In Wahrheit waren es aber erbarmungslose Schattenkrieger, deren Training, Körperbeherrschung und stählener Wille sogar mit den Eigenschaften der etablierten Samurai nicht nur mithalten, sondern sie noch übertreffen konnte.
Zum Ninja geboren
Zukünftige Ninjas wurden häufig aus den Kindern von Eltern aus ausgestoßenen Samurai-Kasten, auch Ronin genannt, ausgewählt. Wurde ein Säugling für die Ausbildung auserkoren, hatten die Eltern keine Wahl. Ihr sozialer Status würde fortan vom Erfolg des Ninjas abhängen.
Bereits kurz nach seiner Geburt wurde das Baby einem ersten Härtetraining unterzogen: Man legte es in eine Wiege, die von der Decke der Behausung hing. Dann schaukelte man den Säugling so stark, dass er gegen die Wand geschleudert wurde. Beim ersten Aufprall fürchtete sich das Kind natürlich und fing an zu weinen. Doch diese Übung wurde regelmäßig wiederholt, und nach kurzer Zeit lernte es, sich bei jedem Schwung instinktiv zusammenzurollen, den Aufprall nicht länger fürchtend.
Koordination
Der junge Ninja lernte früher Schwimmen als Gehen: Zur Entwicklung der Bewegungskoordination und der Muskeln ging man mit dem Kind, wenn es nur ein halbes Jahr alt war, in den Fluss und brachte ihm das Tauchen und Schwimmen bei. Schon bald konnte es sich stundenlang allein an der Oberfläche halten oder die Luft über zwei Minuten lang anhalten.
Sobald das Kind sicher laufen und schwimmen konnte, sich aber garantiert noch im einstelligen Alter befand, führte man mit ihm gymnastische Übungen durch, die immer komplizierter wurden und heute nur noch von Zirkusartisten beherrscht werden. Zuerst wurde ein Balken horizontal über der Erde befestigt. Darauf musste der Junge zuerst balancieren, danach Handstände, Drehungen, Überschläge und schließlich Saltos vorwärts und rückwärts ausführen. Der Balken wurde dabei immer höher und dünner aufgestellt, bis der Junge schließlich auf einem gespannten Seil turnen musste, das auch etwas durchhing. Nach dieser Übung konnte der Ninja katzengleich über Burggräben balancieren.
Sprungkraft
Legendär waren auch die Fähigkeiten der Ninja, in große Tiefen oder Höhen zu springen. Schrittweise sprangen die Auszubildenden einen immer tieferen Vorsprung hinab, bis sie 8 bis 12 Meter tief landen konnten, ohne sich zu verletzen. Dies schafften sie durch geschicktes Abrollen sowie das Abfangen des Aufpralls mit Armen und Beinen. Umgekehrt wurde ihnen auch beigebracht, hohe Mauern zu erspringen, indem man sie mehrere Schritte die Wand diagonal nach oben "laufen" ließ. Dabei stießen sie sich an der Mauer selbst noch weiter hoch. Auf diese Weise konnte eine 3 Meter hohe Mauer überwunden werden oder auch ein Gegner aus einer völlig unerwarteten Richtung (nämlich von oben) angegriffen werden.
Kraft
Zur Entwicklung der Kraft und Ausdauer des jungen Ninja wurde viel Zeit investiert. Die Übungen dazu könnten auch heute noch ein gutes Vorbild für so manchen Fitnessfreak sein: Eine populäre Kraftübung war das "Hängen": Man hängte den Jungen an einem Ast, wo er sich ohne Hilfe der Beine für einen bestimmten Zeitraum, anfangs einige Minuten, am Ende Stunden, festhalten und anschließend auch noch an ihm hochklettern musste. Im Einsatz konnte sich ein Ninja stundenlang an einem Schlossbalken direkt über den Köpfen der ahnungslosen Wachen klammern, ohne entdeckt zu werden. Oder er "ging" an der Decke, indem er sich zwischen zwei parallel verlaufenden Balken abstützte.
Ausdauer und Härte
Der Marathonlauf war Pflichtprogramm für jeden Jungen. Langläufe über mehrere Dutzend Kilometer wurden täglich abgehalten, ebenso wie Sprints. Ein Indikator für die Schnelligkeit des Sprinters war dabei ein flacher Strohhut, der vor die Brust gehalten wurde. Man musste dann so schnell rennen, dass die entgegenkommende Luft den Hut an der Brust hielt, sodass er nicht herunter fiel. Hindernisläufe voller Fangeisen und Fallgruben schärften überdies die Sinne und Instinkte des Ninjas.
Zur Abschwächung der Schmerzempfindlichkeit wurden die Jungen oft "Schmerzmassagen" unterzogen. Man schlug sie, prügelte sie mit dem Stock und walkte ihre ganzen Körper durch. Die Ninja mussten nackt durch Regen und Schnee laufen, stundenlang unter eisigen Bergflüssen sitzen, im Schnee schlafen oder in der glutheißen Sonne arbeiten, oft sehr lange Zeit ohne Nahrung und Wasser.
Sinne
Ebenso wie das körperliche Training war auch geistige und sensorische Übung essentiell. Ein Kind musste Tage in einer Höhle verbringen, in der anfangs nur eine Kerze Licht spendete. Später wurde die Kerze immer mehr an den Ausgang und weg vom Prüfling gestellt, bis sie schließlich nicht mehr verwendet wurde. Am Ende konnte sich der junge Ninja in fast völliger Dunkelheit problemlos orientieren. Die talentiertesten aller Ninja konnten blind praktisch genauso gut ernsthaft kämpfen wie bei normaler Sehfähigkeit: Eine intuitive, extrasensorische Wahrnehmung ist ihnen zu eigen geworden.
Das Üben der Hörfähigkeit war aus vielerlei Gründen für den Ninja wichtig. Zum Einen konnte man einen Feind näherkommen hören. Wenn irgendwelche Vögel (die er allesamt vom Gesang her unterscheiden konnte) oder Frösche ihren Chor einstellten, drohte in der Regel Gefahr. Zum anderen konnte der Ninja durch das Hören des Atems Anzahl und Geschlecht der Personen feststellen, die sich hinter einer Tür befanden.
Gedächnis und Mimikri
Ein "Spiel" zur Entwicklung des Gedächnisses lief wie folgt ab: Dem jungen Ninja wurden einige Gegenstände auf einem Tisch gezeigt. Dann wurden diese verdeckt, und er musste die Objekte fehlerfrei aufsagen. Mit der Zeit wurde auch hier die Schwierigkeit gesteigert, die Anzahl der Objekte um ein Vielfaches erhöht, und man musste auch Anzahl und Positionen der Gegenstände wiedergeben können. Auf diese Weise wurde ein photografisches Gedächnis entwickelt, mit dessen Hilfe ein Ninja sich die Begebenheiten einer Örtlichkeit, die Position und Anzahl von Palastwachen oder auch die Architektur eines Schlosses einprägen konnte.
Es sei erwähnt, dass die Ninja nicht immer in den berüchtigten schwarzen Anzügen unterwegs waren. Vor allem tagsüber verkleideten sie sich als Zivilisten unterschiedlichster Art. Klassische Rollen wurden von den Ninja sorgfältig einstudiert, wie etwa das Spielen eines umherziehenden Wanderschauspielers, eines buddhistischen Priesters oder eines einfachen Reisbauern.
Quellen:
- Crudelli, Chris: Die Kunst des Kampfes. Müchen 2009
- Dolin, A.: Kempo. Sportverlag Berlin 1989
