Ausflugsziel Neuwied: Geheimnisse hinterm Deich

Langer Rüssel, weiße Stoßzähne: Die Mammut-Statue  - Joachim Barmwoldt
Langer Rüssel, weiße Stoßzähne: Die Mammut-Statue - Joachim Barmwoldt
In der Stadt am Rhein lebt Europas größte Känguru-Herde. Außerdem gibt es dort das einzige Flippermuseum und ein Eiszeitmuseum, wo Kinder forschen dürfen.

Das weiße Ausflugsschiff von Bonn nach Koblenz stoppt in dieser Saison nicht mehr vor der Neuwieder Deichmauer. Die Gäste an Bord sehen sie nur noch aus der Ferne. Viele von ihnen ahnen nicht einmal, welche Geheimnisse sich hinter der fünf Meter hohen Deichmauer verbergen: Dort hüpft Europas größte Känguru-Herde, dort haben Archäologen Geheimnisse der Eiszeit enträtselt und da rollt wieder die Kugel – im einzigen Flippermuseum außerhalb von Texas. Familien mit Kindern sind an all diesen Ausflugszielen willkommen; überall dürfen sie mitmachen.

Neuwied, Hermannstraße 9: Draußen steht „Extraball“, drinnen blinken rote und gelbe Lämpchen. Michail Gorbatschow plaudert mit Graf Dracula und Popeye rettet die Welt vor Umweltschäden: „Die Motive auf den Flipperautomaten spiegeln den Zeitgeist wider“, sagt Axel Hillenbrand. Der große, kräftige Pädagoge hat das erste Flippermuseum in Deutschland eröffnet – kaum 800 Meter von der Deichmauer entfernt. Etwa 100 Spielautomaten drängen sich dort auf zwei Etagen. Einige stammen aus Deutschland, andere aus den USA.

Flipperautomat schluckt Markstücke

„Die ältesten Geräte datieren aus den 1930er Jahren; alle sind bespielbar“, erklärt Hillenbrand. Eintritts-Euros wechselt er in D-Markmünzen um. „Die Besucher können die Markstücke in die Automaten werfen und spielen.“ Es ist ein reines Geschicklichkeitsspiel: Drei Kugeln rollen über eine schiefe Ebene, sollen möglichst viele Kontakte berühren. Das klackt und klingelt und erinnert an die 1970er Jahre. Damals gehörten Flipper zum Inventar so mancher Kneipe. „An so einem Gerät habe ich deine Mutter kennen gelernt, verriet jüngst ein Familienvater seinem Sprössling“, erzählt Hillenbrand und schmunzelt.

Der Nostalgiker, der 1969 geboren wurde und seine Diplom-Arbeit über die Science-Fiction-Serie „Star Trek“ schrieb, mag dieses Spiel. Deshalb sammelt er Flipperautomaten, deshalb restauriert er sie mit seinem Kumpel Harald Fleischhauer, einem Elektrotechnik-Ingenieur. Pro Gerät investieren die beiden 30 bis 50 Stunden Arbeit. Einige Geräte sind 50 Euro wert, andere 5.000. Allesamt verkörpern sie Wunderwerke der Feinmechanik. Doch filigrane Handarbeiten gab’s im Neuwieder Gebiet schon viel früher.

Eiszeitmuseum Schloss Monrepos

Wie ein großes Z kurvt die Straße hinauf zum Schloss Monrepos, einem cremefarbenen Gebäude mit rotem Ziegeldach. Der Wind rauscht in hohen Buchen, Amseln singen, und im Schlossgarten steht die Skulptur eines Mammuts. Schloss Monrepos beherbergt das „Museum für die Archäologie des Eiszeitalters“. Außerdem bietet es wahrscheinlich die beste Aussicht auf das Neuwieder Becken: auf den Rhein, auf die Dächer von Neuwied und auf die Vulkankegel der Eifel am westlichen Rand der Beckenlandschaft.

„In dieser Beckenlandschaft entdeckten Archäologen Steinwerkzeuge, die gut eine halbe Million Jahre alt sind“, erzählt Sabine Gayck. Die dunkelhaarige Museumspädagogin führt Besucher durch das Schloss. Die Steinzeitmenschen jener Epoche hausten in den Kratermulden erloschener Vulkane. Das Klima habe sich in der Region jedoch beständig geändert, erklärt Gayck. Mal sei es warm, mal kalt und manchmal auch zu kalt für Menschen gewesen. Allerdings: „Hier war nie Eis. In der Eiszeit war das Neuwieder Becken eine Steppenlandschaft“, sagt die Museumspädagogin.

Kochen mit heißen Steinen

Es war die Zeit der Pferde- und Mammutjäger. Die Steinzeitmenschen besiedelten das Neuwieder Becken vor etwa 25.000 Jahren, schliefen in Zelten aus Fellen und kochten in Gruben. Wie das funktionierte, erläutert Sabine Gayck: Die Steinzeitmenschen kleideten die Grube mit Leder aus und füllten sie mit Wasser. Dann warfen sie erhitzte Quarzsteine hinein – nach 45 bis 60 Minuten siedete das Wasser. Bei den Ausgrabungen in Neuwied-Gönnersdorf fanden die Archäologen auch Schiefertafeln mit eingeritzten Darstellungen von Frauen: „Po und Busen sind bei ihnen stark betont, aber stets fehlt der Kopf“, sagt Sabine Gayck.

Schloss Monrepos ist ein Museum zum Mitmachen: Besucher lernen, wie Ötzis Zeitgenossen Faustkeile, Pfeilspitzen und Speerschleudern herstellten – der Archäologe Johann Tinnes zeigt es in Workshops. Kinder steigen in den Schlosskeller und klettern dort in eine Höhle, wo sie Pfeilspitzen und Knochen ausgestorbener Tiere selbst ausgraben. Oder sie nähen sich mit der Knochennadel einen Beutel aus Hirschleder. „Das Programm wird gerne für kreative Kinder-Geburtstagsfeiern genutzt“, sagt Sabine Gayck.

Wildtiersafari im Zoo Neuwied

Auch im Neuwieder Zoo können Kinder mit ihren Gästen Geburtstag feiern - zwischen Seehunden, Löwen und Kängurus. „Gleich vier verschiedene Programme hat die Zooschule im Angebot“, sagt Zoopädagoge Mirko Thiel. Ein Schwerpunkt der Zoopädagogik sind die Großkatzen.

Die Geparde beispielsweise sprinten im Sommer immer sonn- und feiertags über die Zoowiese: Dann jagen sie einem toten Huhn hinterher, das an einer Art Skilift baumelt. Dieser Beutesimulator sei ein Mittel gegen Raubkatzen-Langeweile, erklärt Thiel. Die Tiere bräuchten spielerische Bewegung.

Besucher können im Neuwieder Zoo, der an einem Hang mit Rheinblick liegt, rund 1.100 Tiere aus 146 Arten beobachten. Dazu gehört laut Zoodirektor Heinrich Klein auch die größte zusammenhängende Herde von Grauen Riesenkängurus außerhalb Australiens. Etwa 35 dieser drolligen Hüpfer tummeln sich im weitläufigen Freigehege.

Der Ausflugsdampfer aus Koblenz gleitet übrigens am späten Nachmittag wieder auf dem Rhein an der Neuwieder Deichmauer vorbei. Er hält erst einige Kilometer weiter stromabwärts, in Andernach, bevor er weiterfährt nach Bonn.

Auskunft: Tourist-Information im Pavillon auf dem Luisenplatz, Marktstraße 63, 56564 Neuwied, Telefon: 02631-802-5555.

Anreise: Neuwied liegt zwischen Frankfurt/Main und Köln. Mit dem Auto auf der Autobahn A3 (Frankfurt/Main - Köln) bis zur Ausfahrt Neuwied. Mit der Deutschen Bahn bis Bahnhof Neuwied. Nächstgelegene Flughäfen sind Köln/Bonn und Frankfurt-Hahn.

Joachim Barmwoldt, Joachim Barmwoldt/Jacek Gawlowski

Joachim Barmwoldt - Mit Basecap, Block und Bleistift habe ich mein erstes Interview geführt: Mitten auf einer Dorfstraße fragte ich die Mutter ...

rss