Wenn in einer Autowerkstatt von „Kugellager“ gesprochen wird, scheint das zunächst nicht ungewöhnlich. Doch wenn diese Autowerkstatt in, sagen wir, Tel Aviv liegt, dann mag das den Beobachter schon eher verwundern. Und vor allem, wenn mehrere Ersatzteile dieser Art dann auch noch – in einwandfreier hebräischer Pluralbildung – als „Kugellagerim“ bezeichnet werden. Natürlich, es gibt ein echtes hebräisches Wort für Kugellager – „mesaw kadurim“. Doch das deutsche Wort, versehen mit hebräischem Artikel und hebräischem Plural, existiert ebenfalls. Wie verbreitet, das ist nicht wissenschaftlich belegt, es taucht auch nicht im Wörterbuch auf – doch in vielen Werkstätten wird man ein Kugellager bekommen, wenn man ein „kugellager“ bestellt.
Entlehnungen bei Fremdwörtern und Umgangssprache
Und das ist kein Einzelfall. Auf den ersten Blick – oder besser: beim ersten Hinhören – wird jeder unzweifelhaft große Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Hebräischen feststellen. Man versteht nichts, kann nur wenige Wörter vielleicht gerade noch ableiten. Dazu gehören vor allem solche, die für beide Sprachen eigentlich Fremdwörter sind: Kategorie und „kategoria“, Universität und „universita“ zum Beispiel. Aber sonst?
Wer sich allerdings genauer mit beiden Sprachen beschäftigt, wird – trotz aller Unterschiede, die sind und bleiben – interessante Verknüpfungen feststellen. Und die gehen noch in der Autowerkstatt weiter: Da ist der deutsche Blinker zum hebräischen „winker“ geworden, der Scheibenwischer einfach verkürzt zum „wischer“. Wenn auch nicht laut Wörterbuch, so doch in der Umgangssprache.
Die Wege der Wörter
Die Wege solcher Wörter zu verfolgen ist oft schwierig. Vieles in der hebräisch-deutschen Sprachverbindung hat seinen Ursprung im Jiddischen, einer dem deutschen ähnlichen Sprache mit vielen hebräischen Elementen, die vor allem von osteuropäischen Juden und auch in Deutschland gesprochen wurde. Zudem dürften die deutschen Einwanderer, die vor allem in den 1930er und 1940er Jahren nach Palästina flüchteten, ihren Teil zur Sprachwanderung beigetragen haben. Und nicht zuletzt waren und sind es wirtschaftliche und touristische Verbindungen, die Wörter in und aus den verschiedensten Sprachen im- und exportieren – Entlehnungen nennt man diese ausgewanderten Wörter im Fachjargon.
Hebräisches im Deutschen
Aber es ist nur nicht so, dass sich durchaus deutsche Wörter in der hebräischen Umgangssprache wiederfinden. Der umgekehrte Weg ist deutlich ausgeprägter: Es gibt eine ganze Anzahl von Worten im Deutschen, die hebräischen Ursprung haben. Sie sind vermutlich großteils über das Jiddische ins Deutsche gelangt. Die klassischen Beispiele dafür sind etwa unser „meschugge“, das in Israel fast genauso heißt: Jemand ist „meschuga“, also verrückt. Oder – wenn bei uns die Mischpoke zu Besuch kommt: In Israel ist das die „mischpacha“, mit der allerdings im Normalfall die Kernfamilie bezeichnet wird. Und auch der Ganove hat sprachlich gesehen hebräische Wurzeln: „Ganav“ heißt Dieb.
Wer hierzulande in einem Kaff wohnt, meint diese Bezeichnung vielleicht abfällig – in Israel ist ein „kfar“ einfach nur ein Dorf. Und wer im Schlamassel steckt, hat einfach "schlechtes Glück" – „masal“ ist das hebräische Wort für Glück. Während man in Deutschland Schmiere steht, heißt jeder Wachdienst in Israel „schmira“. Der Deutsche erzählt Stuss, der Israeli „stut“.
Von Diebel bis Lagerfeuer
Doch zurück nach Tel Aviv, diesmal in den Baumarkt. Wer zufällig Stecker oder Dübel benötigt, bekommt die auch ohne Sprachkurs – allerdings sollte er „Diebel“ sagen, ein „ü“ gibt es im Hebräischen nicht. Und weil „ä“ und „au“ ebenfalls nicht üblich sind, heißt der März „mars“ und der August „ogust“. Ansonsten aber kommt man mit den deutschen Monatsnamen in Israel ausgesprochen weit – sie wurden nahezu eins zu eins übernommen.
Ohne Erklärung kaum verständlich, dafür aber besonders nett ist es, in Israel zu einem „kumsitz“ eingeladen zu werden. Zugegeben, ein bisschen Phantasie ist schon gefragt, doch wenn man erst mal den Hintergrund verstanden hat, ist es einfach nur schön: Das „kumsitz“ besteht einfach aus den Worten „komm“ und „sitz“ – und bezeichnet ein gemütliches Lagerfeuer.
