
- Die Fahne der Bundesrepublik - Schwehn
Der fast zehnstündige Marathon zur Wahl eines Bundespräsidenten am 30. Juni 2010 im Berliner Reichstag hat bei Deutschlands europäischen Nachbarn höchstes Erstaunen, Verwunderung und auch ein bisschen Schadenfreude hervorgerufen. Die ersten Kommentare großer Tageszeitungen, rasch platziert in den online-Ausgaben, machten dies noch am Wahlabend plastisch deutlich. Und das Echo war von Wien über Mailand bis London einhellig. Die führenden Zeitungen der Nachbarländer registrieren einerseits fast beiläufig, dass die Bundesrepublik Deutschland mit dem 51 Jahre alten Christian Wulff zwar den jüngsten, auch einen honorigen Bundespräsidenten gewählt habe, sie unterstrichen dagegen einhellig und überdeutlich, die Bundesregierung Merkel/Westerwelle sei schwer angeschlagen aus diesem Wahltag herausgegangen.
Eine „Niederlage für Angela Merkel“
So gab es einen "Leitfaden" in den ersten Kommentierungen, der von der Wiener „Presse“ noch moderat gesponnen wurde. Für die schwarz-gelbe Bundesregierung sei die Wahl des Bundespräsidenten zur „Zitterpartie“ geworden, für Bundeskanzlerin Angela Merkel im besonderen „ein Denkzettel“. Die Mailänder „La Repubblica“ sah in den zwei ersten – gescheiterten – Wahlgängen zwei „Aufsehen erregende Niederlagen“, die die Koalitionsregierung aus CDU/CSU und FDP „ins Schwanken gebracht“ hätten ("che hanno fatto vacillare la coalizione“). Und für die Londener Times war der neuneinhalbstündige Wahlmarathon mit drei Wahlgängen schon per se „ein erniedrigendes Ergebnis für Angela Merkel“, zumal sie nach Köhlers Rücktritt auf der Suche nach neuer – eigener – Autorität gewesen sei. Die „Times“ sprach von einem „humiliating result for Ms Merkel“. Und die bedächtige Neue Zürcher Zeitung (NZZ) sah tags drauf "ein Wundenlecken nach dem Denkzettel".
„Götterdämmerung“ für die Kanzlerin
Die ersten – zunächst spärlichen - Kommentare deutscher Tageszeitungen nach dem Wahlmarathon vom 30. Juni 2010 sprechen ebenfalls eine deutliche Sprache. Die Ergebnisse der beiden ersten Wahlgänge, wird immer wieder hervorgehoben, hätten wenig mit dem Kandidaten Wulff zu tun gehabt, sondern seien als außerordentlicher „Liebesentzug“ für Angela Merkel zu bewerten. Das beweise sich mit dem Ergebnis des dritten Wahlganges, der dann ein eindeutiger koalitionärer „Liebesbeweis“ einzig und nur für den Kandidaten gewesen sei. Die Ulmer „Südwestpresse“ schrieb in einem ersten Leitartikel, Angela Merkels einstiges Wunschbündnis „lässt nichts mehr aus, um sich selbst zu schaden“. Klar sei, dass sich „die Verweigerung nicht zuerst gegen Wulff richtete, sondern zu allererst gegen Merkel“. In diese Kerbe haute auch die „Märkische Oderzeitung“: „Für die Kanzlerin könnte dieser Tag zur beginnenden Götterdämmerung werden.“
In 1999 hatte die CSU für Joachim Gauck votiert
In etlichen Kommentaren wird der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden angekreidet, „Methode und Stil“, wie sie nach ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden vor zehn Jahren Partei und Regierung nach ihrem Bild geordnet habe, hätten “zum Desaster beigetragen“. Angela Merkel, sagt wiederum die Ulmer „Südwestpresse“, „ist angeschlagen“. In einigen Kommentaren wird zudem an einen Umstand erinnert, der zehn Jahre zurück liegt, der von vielen schier vergessen ist und zeigt, dass auch Joachim Gauck für Christdemokraten hätte wählbar sein können: Im Jahr 1999 hatte die CSU eben diesen Gauck als Gegenkandidaten zum Sozialdemokraten Johannes Rau in die Abstimmung zur Wahl des Bundespräsidenten schicken wollen. Der lehnte damals ab; er wollte seinerzeit „gegen den Bruder im Glauben“, der jenes Wort vom „Versöhnen statt spalten“ geprägt hatte, nicht antreten.
