Ausnahmefall Akademikerin

Akademikerinnen haben es schwer Karriere zu machen - www.JenaFoto24.de/pixelio.de
Akademikerinnen haben es schwer Karriere zu machen - www.JenaFoto24.de/pixelio.de
Frauen, die forschen, sind an Hochschulen selten - zumindest in den Spitzenpositionen. Dabei gibt es mindestens so viele weibliche wie männliche Studenten.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Professorinnen an deutschen Hochschulen verdoppelt. 2009 erreichte sie Angaben des Statistischen Bundesamtes zufolge mit 7.300 Dozentinnen einen neuen Höchststand. Setzt man das ins Verhältnis zu den männlichen Gelehrten, wirken die Zahlen ernüchternder: Insgesamt dozieren derzeit 39.800 Professoren an den Unis und Fachhochschulen im Bundesgebiet. Der Anteil der Frauen beträgt mithin magere 18 Prozent.

Weibliche Wissenschaftler noch nicht auf der Überholspur

Auch das Ergebnis des ersten Gender Reports des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung für Nordrhein-Westfalen, der Anfang 2011 vorgestellt wurde, konstatiert: „Frauen holen zwar auf, sind aber noch lange nicht auf der Überholspur.“ NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze kommentierte den Befund daher folgendermaßen: „Bei dem gegenwärtigen Tempo wird es noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern gibt. Das ist eine Verschwendung von Talenten, die nicht länger hingenommen werden darf.“

Potenzial ist in der Tat vorhanden: Der Anteil der Absolventinnen liegt in NRW mit 52 Prozent über dem der männlichen Mitstudenten. Unter den Professoren sind die Akademikerinnen allerdings nur zu 16 Prozent zu finden. Frauen, die forschen, sind somit ­ nicht nur in NRW ­ eine Seltenheit – speziell in natur- und ingenieurswissenschaftlich orientierten Fachbereichen oder in außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, sieht das ungleiche Verhältnis von Mann und Frau an ihrem Arbeitsplatz mit einem Augenzwinkern: „Während man beim Konzertbesuch in der Philharmonie an der Frauentoilette anstehen muss, ist an meinem Arbeitsplatz das Gegenteil der Fall.“ Allerdings weiß auch sie vom harten Aufstieg in die höheren wissenschaftlichen Ränge zu berichten: „Zeit zum Entspannen bleibt jungen Akademikerinnen nicht, wenn sie Promotion, Habilitation sowie ihre weitere wissenschaftliche Laufbahn mit privaten Plänen wie der Familiengründung verbinden wollen.“ Das kennt Frevert als dreifache Mutter aus eigener Erfahrung.

Das Geschlechtergefälle an den Hochschulen ist noch groß

Lange lehrte Frevert an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland, etwa an der renommierten Yale University, bevor sie in die außeruniversitäre Forschung wechselte. Sie machte sich als Historikerin einen Namen und hatte dabei den Blick vor allem auf die „Frauen-Geschichte“ gerichtet. So lautet auch der Titel eines ihrer wichtigsten Werke. Mit ihrem Werdegang in einer Geisteswissenschaft schlug Frevert einen klassischen weiblichen Weg ein. Betrachtet man nämlich das Geschlechtergefälle an deutschen Hochschulen, stellt man fest: Während Professorinnen in Sprach- und Kulturwissenschaften mit 32 Prozent rund ein Drittel der Lehrstühle innehaben, sind weibliche Lehrende in den Ingenieurs- und Naturwissenschaften sowie der Mathematik mit neun und zwölf Prozent selten zu finden.

Der Frauenanteil verringert sich zudem mit zunehmender akademischer Würde: 2008 gingen die verliehenen Doktortitel zu 42 Prozent an weibliche Promovierende. Ihr Anteil an den Habilitationen ist bereits deutlich geringer: 24 Prozent der frisch gebackenen Professoren waren Frauen. Besonders stark dünnt er sich in den höchsten Positionen aus: An den so genannten C4-Lehrstühlen sind Professorinnen nur zu 13 Prozent vertreten.

Die Frage nach "Kind oder Karriere" ist nicht das einzige Aufstiegshindernis

Ist die akademische Laufbahn für Frauen also uninteressant? Nicht, wenn es nach Umfrage-Ergebnissen des Instituts für Hochschulforschung HIS geht: Demnach empfinden junge Akademiker ihre berufliche Tätigkeit in Wissenschaft und Forschung geschlechterübergreifend als interessant und erfüllend. Doch eine Karriere in Wissenschaft und Forschung ist hierzulande schwer planbar. Die meisten jungen Akademiker sind zudem nur projektweise oder zeitlich befristet beschäftigt – auch nach der Promotion. Ihre Aufstiegsmöglichkeiten beurteilen sie angesichts solch unsicherer Arbeitsbedingungen ebenso kritisch wie die Vereinbarkeit der akademischen Laufbahn mit privaten Plänen. Das betrifft nicht zuletzt vor allem Wissenschaftlerinnen.

Dennoch ist das Dilemma von Kind oder Karriere nicht das einzige Aufstiegshindernis für willige Wissenschaftlerinnen. „Vielmehr liegt der niedrige Frauenanteil unter Lehrenden und Forschenden hierzulande an einer Kombination mehrerer Ursachen. Die mangelnde Kinderbetreuung ist nur eine davon“, sagt Andrea Löther, stellvertretende Leiterin des Kompetenzzentrums „Frauen in Wissenschaft und Forschung“ (CEWS).

Schlechtere Startbedingungen schon ab der Promotion

Hinzu kommen strukturelle Gründe: „Frauen erfahren weniger Unterstützung und sind nicht so stark in Netzwerke eingebunden wie Männer. Die Weichen werden zudem schon bei der Promotion gestellt: Frauen sitzen auf den formal schlechteren Stellen oder gelangen über Stipendien zum Doktortitel.“ Das sei für eine wissenschaftliche Karriere die schlechtere Ausgangsposition. Zudem herrsche sowohl bei denen, die die Positionen besetzen, als auch bei den Wissenschaftlerinnen selbst der akademische Mythos, man müsse als Professor stets 150prozentigen Einsatz bringen. „Und Frauen wird unterstellt, dass sie nicht in diesem hohen Maß verfügbar sind.“

Fest steht: Nicht nur in der Wirtschaft, auch im akademischen Rahmen muss sich der Frauenanteil künftig erhöhen. Ihren Beitrag dazu leistet auch Max-Planck-Forscherin Frevert bereits. Bei der Besetzung von Stellen achtet sie in ihrer Arbeitsgruppe darauf, dass die Akademikerinnen nicht zu kurz kommen. „Das bedeutet allerdings nicht, dass im Umkehrschluss nun Männer eine Diskriminierung befürchten müssen“, schmunzelt die gender-sensible Historikerin.

Quellen:

  • Interview mit Ute Frevert, Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin
  • Interview mit Andrea Löther, stellvertretende Leiterin des Kompetenzzentrums „Frauen in Wissenschaft und Forschung“ (CEWS)
  • Gender-Report des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung (NRW)
  • Statistisches Bundesamt
Andrea Frey, Anja Sünderhuse

Andrea Frey - Andrea Frey ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt für verschiedene Tageszeitungen und Zeit-online.de zu Themen rund ...

rss