Aussteiger aus dem Journalismus

Die Zahl der Journalisten, die von ihrer Arbeit leben können, ist auch in Österreich rückläufig. Manche steigen sogar freiwillig aus.

Thomas Bernhard hatte 1986 in einem TV-Interview im ORF auf einen eigentlich kuriosen Umstand aufmerksam gemacht: Viele Journalisten hatten ursprünglich gar nicht Journalist werden wollen. Wurden es dann aber. Und blieben es mit Haut und Haaren. Heute, da viele Redaktionen gezielt Nachwuchskräfte heranbilden und angehende Journalisten im Unterschied zu früheren Novizen, die den Learning-by-doing-Weg verfolgten, gute Ausbildungsmöglichkeiten vorfinden, kommen weniger Quer-Einsteiger. Eher drängt es Arbeitskräfte aus dem Markt.

Die Zahl der freien Arbeitnehmer geht zurück

Eine Untersuchung des Medienwissenschaftlers Siegfried Weischenberg aus dem Jahr 2006 hat ergeben, dass in Deutschland die Zahl der neben relativ konstanten 36.000 Fixangestellten tätigen freien Arbeitnehmer, die wenigstens die Hälfte ihres Einkommens aus journalistischer Arbeit verdient, von 1993 bis 2005 von 18.000 auf 12.000 geschrumpft ist. In Österreich wurden solche Erhebungen nie durchgeführt, aber man kann von einer ähnlichen Tendenz ausgehen. Viele haben Journalisten haben oder mussten – vor allem in den Krisenjahren 2008/2009, aber auch schon vorher – die Branche verlassen. Andere erlitten einen Karriereknick und kämpfen seither um den Anschluss.

Thomas Pertl: Aus Auszeit wurde Zwangspause

Thomas Pertl war in den 80er und 90er Jahren ein gefragter Journalist. Über verschiedene Print-Titel führte ihn der Weg ins Fernsehen. Vom Privatsender W1 (Vorgänger von ATV) kam er zum ORF in die Redaktion für Vera Russwurms Sendung „Vera“, in die er Pop-Superstars wie Robbie Williams, Tina Turner oder Tom Jones brachte. 2005 wurde er dort Chefredakteur, warf aber nach kurzer Zeit das Handtuch. „Aus ,Vera‘ wurde ,Prima Vera‘ – das hat mich nicht mehr interessiert.“

Aus einer geplanten halb- bis ganzjährigen Auszeit wurde eine dreijährige Zwangspause. Private Probleme und Schindluder mit dem Körper resultierten in einem gesundheitlichen Zusammenbruch. „Ich habe stangenweise Zigaretten geraucht, Hektoliter Kaffee getrunken und mich beim Hausbau übernommen.“

Ein Magendurchbruch und ein künstliches Bauchfell waren die Folge des längjährigen Raubbaus am Körper. 2008 trat er, mittlerweile Sport betreibend, alkoholabstinent und mit drastisch reduzierten Kaffee- und Nikotin-Konsum zum Comeback an. Angebote sind freilich rar. Und nicht unbedingt förderlich sind, wie der 47-jährige Pertl selbst weiß, seine Gagen-Vorstellungen: „Natürlich habe ich einen anderen finanziellen Anspruch als ein 20-Jähriger.“

Paul Yvon: Dem Magazin "profil" nur in rein ökonomischer Hinsicht teuer

Mit Paul Yvon hielten in den 80er Jahren Hinter- und Abgründe aus Gerichtssaal und Rechtswesen Einzug in die österreichische Publizistik. Via profil machte er die Öffentlichkeit mit fragwürdigen Polizei-Verhörmethoden ebenso bekannt wie mit differenzierenden Aspekten, die dem Boulevard nicht ins Schwarz-Weiß-Schema passten.

Als einer langjährigen Gallionsfiguren war er dem Magazin am Ende allerdings nur mehr in ökonomischer Hinsicht teuer. Als sein Ausscheiden verhandelt wurde, setzte der ehemalige Journalistengewerkschafts-Präsident Yvon „nach alter Gewerkschaftsschule“ eine bewusst überhöhte Abgeltungs-Forderung an – mit der vermeintlichen Option auf Einigung auf einem niedrigeren Level. Umgehend erhielt er per E-Mail die fristlose Entlassung. Begründung: Als nebenberuflicher Medienberater habe Yvon klassische profil-Gegner wie die Katholische Kirche, Jörg Haider oder Karlheinz Grasser gecoacht. Außerdem habe man nicht das ganze Ausmaß von Yvons Zweittätigkeit gekannt.

Yvon zog gegen die Fristlose zu Gericht und erhielt Recht. Das Verfahren zog sich vier Jahre; Nachzahlung des Gehalts plus Abfertigung kosteten das Magazin mehr als Yvons „Einstiegs“-Gagenforderung. Ob er lieber bei "profil" geblieben wäre? Diese Frage hat sich der 62-Jährige selbst oft genug gestellt und noch immer ist seine Antwort zögerlich. „Ich glaube, ich hätte die Sicherheit einer Fixanstellung vorgezogen. Aber glücklich wäre ich wohl nicht geworden.“ Mit seiner Frau Veronika Trubel – deren Karriere beim Kurier mit der Geburt eines Kindes ungefähr zur selben Zeit endete wie jene Yvons bei profil – betreibt er heute erfolgreich die yvon.media.

Stefan Gergely: Von Journalisten zum erfolgreichen Gastronomen

Man müsse einmal nachprüfen, sinniert Paul Yvon, warum etliche Journalisten beruflich in die Gastronomie wechseln. Sein ehemaliger profil-Kollege Stefan Gergely führt heute das Schlossquadrat, einen erfolgreichen, um den Margaretenplatz angesiedelten Verbund von mittlerweile fünf Lokalen. „Mein Pauschalistenvertrag mit profil wurde nach einer über 16 Jahre andauernden Tätigkeit Ende 1993 ohne Angabe von Gründen gekündigt. Nach darauffolgendem Intermezzo beim Magazin News beschloss ich, journalistisch nicht weiter tätig zu sein. Damals führte ich bereits ein Lokal im Schlossquadrat. Bedeutsam für meine Entscheidung waren die Zeitverfügbarkeit und potentielle Unvereinbarkeiten.“

Seine journalistische Zeit sieht Gergely, der außer bei profil und News auch für den ORF-Hörfunk, die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit gearbeitet hat, als lehrreich und wertvoll an. „Für mein gastronomisches Tun waren meine Erfahrungen im Journalismus wichtig! Ich habe im profil, im ORF und in deutschen Medien sehr viel gelernt. Aber in mittlerweile 20 Jahren in der Gastronomie habe ich ebenfalls Vielfältiges mitbekommen, auch weil ich hier mit Menschen aus einer ganz anderen Perspektive zu tun hatte als im Journalismus. Oft denke ich nach, welche der beiden Erfahrungen die wichtigere war und komme zu dem Schluss: Beide waren es, erst die Zusammenschau ergibt den wertvollen Überblick.“

Bert Steingötter, ebenfalls Gastronom: „Mich hat der Journalismus nicht mehr gefreut“

Wie Gergely ist Bert Steingötter in die Gastronomie gegangen: Im vierten Bezirk führt er den Schlupfwinkel, einen Vertreter der fast schon Artenschutz-bedürftigen Spezies „Wiener Beisl“. Er betreibt das Lokal seit 1. April 1996. Nach Anfängen bei der linken "Volksstimme" in den 70er Jahren, sieben Jahren "Arbeiter-Zeitung" und sieben Monaten "täglich alles" war seine letzte journalistische Station Hans Dichands Krone. „Dichand hat mir, als er mich engagierte, freie Hand zugesichert. Daran hat er sich auch gehalten, bis zu den Briefbomben-Attentaten. Da hat er dann versucht einzugreifen. Er wollte die Einzeltäterschaft von Franz Fuchs betonen, während für mich feststand, dass ein Verbund ,honoriger‘ rechter Herrschaften hinter den Attentaten steckte.“ Als dann auch noch ein Kollege gegen ihn intrigierte, „hat mich der Journalismus nicht mehr gefreut“.

Noch als er in der Volksstimme arbeitete, verfasste Steingötter auch Drehbücher für die TV-Krimi-Serien „Tatort“ und „Eurocops“. Dass er auch zwei Kriminalromane veröffentlicht hat, übergeht er lieber, denn verlagsseitig sei jeglicher Witz und Biss aus den Texten eliminiert worden. Drehbuchschreiben habe aber schon Spaß gemacht. Nach gewissen Meinungsverschiedenheit en mit dem ORF ist dieses Kapitel einstweilen geschlossen. „Vielleicht ändert sich der Zeitgeist irgendwann wieder einmal zu meinen Gunsten“ bleibt ihm zur Befriedigung seiner kreativen Ader zu wünschen übrig.

Bruno Jaschke, Tamara Starl

Bruno Jaschke - Ich bin freier Journalist und Autor und lebe in Wien. Aktuelle journalistische Tätigkeit neben suite101.de in Wiener Zeitung, Die ...

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