
- Das Gewinnerbild aus Italien - Elvira Lauscher
Superlativen sollte man normalerweise eine gewisse Vorsicht entgegenbringen. Hält eine so hochgegriffene Aussage wie „beste Pressefotos der Welt“, was sie verspricht? Wer die Ausstellung im Blautal-Center und die ersten Stellwände dort betrachtet hat, kann nur bejahend mit dem Kopf nicken. Denn hier sind exquisite Fotos zu sehen, für die es sich allemal lohnt, diese sogar mehrmals in den zwei Wochen zu betrachten.
Mitten im Einkaufszentrum und für jeden zu sehen
„Diese Auswahl ist keine Übersicht über das Geschehen in der Welt. Es ist eine fotografische Reise, ein visuelles Puzzle aus dem Blickwinkel des Fotografen und bietet Ihnen die besten Fotos aus jeder Kategorie zum Nachdenken, Fragen und Genießen“, heißt es auf einer der zahlreichen Tafeln, die mitten in der Einkaufspassage im Erdgeschoss des Blautal-Centers aufgebaut sind. Bewusst wurde für die Ausstellung von „World Press Photo“ ein Center statt eines Museums gewählt, da die Fotos hier „einer größtmöglichen Öffentlichkeit ohne Hemmschwellen und Eintritt zugänglich sind“. Eine ausgezeichnete Wahl, denn die Bilder berühren, verändern für einen Moment die Menschen, lassen sie nachdenklich werden, schmunzeln oder auch staunen. Tatsächlich wird hier mitten in einem „Konsumtempel“ einen Moment innegehalten, bevor man sich wieder dem Bummeln und Kaufen zuwendet.
Eine Auswahl vieler Themengebiete rund um Mensch, Tier und Natur
Es ist schon harter Tobak, was hier dem Betrachter präsentiert wird. Zum Beispiel die Fotoserie über den toten Elefanten in Simbabwe, der innerhalb von zwei Stunden von einem Heer von Menschen mit bloßen Händen zerlegt und aufgegessen wird. Wie Aasfresser wirken die durch „Proteinmangel ausgehungerten Dorfbewohner“, wie es auf dem erklärenden Text neben der Fotoserie heißt. Selbst die Knochen des Elefanten sind innerhalb eines Tages verschwunden. Ohne viele Worte zeigt die mit dem 3. Platz ausgezeichnete Serie in der Kategorie „Menschen in den Schlagzeilen Fotoserien“ von dem Briten David Chancellor, was Hunger bedeutet und wie er sich anfühlen muss. So manches kleine Kind steht im Blautal Center davor und lässt sich das Gesehene von seinen Eltern erklären.
Die Fotos bieten einen Blick in die Welt fern der eigenen Haustüre
Nicht nur solche menschlich zutiefst erschütternden Bilderserien aus einer anderen Welt sind zu sehen, auch einige Portraits von jungen androgynen Mädchen und Jungen oder auch einfach Menschen aus anderen Ländern mit ihren Eigenarten oder für uns fremden Leben (etwa das einer Tangotänzerin), finden in der Ausstellung ihren Platz. Auch umweltkritische Themen werden in den zahlreichen Rubriken, die von Politik über Natur, Mensch, Sport bis Umwelt reichen, behandelt. Wie die sechs seltsam anmutenden fremden Planeten, die in Wirklichkeit mit Cadmium verseuchte Orangen der Chemiefabrik Xianghe in Liuyang, in der chinesischen Provinz Hunan, sind. Der Chinese Fang Qianhua hat diese festgehalten. Auch Stadt-Urwaldbilder ziehen die Blicke auf sich. Der deutsche Fotograf Peter Bialobrzeski hat diese üppige Vegetation in Jakarta, Indonesien, auf Papier gebannt, wo unter Brücken durch die Natriumlampen, Autoscheinwerfer und erleuchteten Wolkenkratzer eine dauernde Helligkeit herrscht. Auch eine Serie „Menschen in den Schlagzeilen“ gibt es. In sehr ästhetischen Schwarzweiß- Aufnahmen werden Bilder von Barack Obama vor seinem Amtsantritt am 20. Januar 2009 gezeigt. Wie er ganz in sich ruhend da steht, bevor er Minuten später vor Tausenden jubelnden Amerikanern seinen Amtseid ablegt.
Erschütternde Bilder von Krieg, Gewalt und Unmenschlichkeit
Es gibt auch viele zutiefst erschütternde und scheußliche Bilder, die Unmenschlichkeiten dieser Welt zeigen. Es sind sehr authentische, aber auch grenzwertige Fotos, denn der Fotograf wird durch diese Blicke durch das Objektiv auch automatisch zum Mitwisser. Aber er kann damit auch aufzeigen, wie menschenverachtend manche Länder oder Situationen sind. Kriegsgebiete, blutige Unruhen, menschenverachtende Methoden und Strafmaßnahmen, Drogenkartelle mit Mord und Totschlag... Diese Stellwände sind kreisförmig angeordnet und mit einem Warnhinweis versehen, dass die Bilder für Kinder nicht geeignet sind. So ist eine Steinigung eines Mannes zu sehen, blutige Unruhen in Israel und Teheran zeigen unschuldige Tote wie Kinder oder auch Tiere. Mit einer extra Stellwand wurde an das im Juni 2009 durch das Internet bekannt gewordene Foto der ermordeten Noda Agha-Soltan gedacht. Dieses schöne und blutverschmierte Gesicht wurde von einem Handy aufgenommen und hat die Medien bewegt. Der Name des Mädchens und das Bild wurden zum Symbol des Widerstandes gegen das Regime im Iran. Die Jury hat dieses Bild zu Recht noch einmal ins Bild der Öffentlichkeit gerückt, da es auch zeigt, was Fotos durch die sozialen Netzwerke heute bewegen können.
Das Gewinnerbild ist ein politisches Bild über die Unruhen im Iran
Ein unblutiges, aber trotzdem beeindruckendes Bild ist das diesjährige Siegerbild geworden. Nach den Präsidentschaftswahlen im Iran rufen Frauen in den Nächten in Teheran ihren Protest von den Dächern. Es ist nicht nur atmosphärisch sehr dicht, die Symbolkraft des Bildes, dieses Widerstands von ganz unten, wird von den hell erleuchteten Fenstern unter dem Dach unterstützt. Zivilcourage, die auch in einem totalitären Staat möglich ist. Der Italiener Pietro Masturzo hat diese Szene eingefangen.
Zahlreiche Fotografen aus 128 Ländern mit noch mehr Fotos
Unglaubliche 101.960 Fotos wurden für den Wettbewerb 2010 von 5.847 Fotografen aus 128 Ländern eingereicht. Diese zu sichten, grenzt an Fleißarbeit. Gegründet wurde die unabhängige, gemeinnützige Organisation 1955 in den Niederlanden, und seit 2008 ist der dritte und jüngste Sohn von Königin Beatrix, Prinz Constantijn von Oranien-Nassau, Schutzpatron der Ausstellung.
Die Ausstellung kann leider nur zwei Wochen im Blautal Center bleiben, da es eine Wanderausstellung ist. Sie kam von Equador und nach Ulm geht die Ausstellung weiter nach Regensburg, Potsdam und in weitere Städte.
