Ausstellung Jugendstil am Oberrhein in Karlsruhe

Das Badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss zeigt Kunst um 1900

Kunstverglasung, Emil Großkopf, KA, um 1902  - Eberle
Kunstverglasung, Emil Großkopf, KA, um 1902 - Eberle
Die Ausstellung "Jugendstil am Oberrhein" zeigt eine eindrucksvolle Fülle an Kunsthandwerk und Graphik. Zentren der Kunstrichtung waren Karlsruhe, Basel und Straßburg

Kaum 20 Jahre dauerte die Zeit des Jugendstils, doch er erfasste ganz Europa. Zu den großen Zentren der Bewegung zählten unter anderem Brüssel, Wien und Barcelona, in Deutschland beispielsweise Darmstadt und München. Dass auch in Karlsruhe, Straßburg und Basel und an vielen anderen Orten der drei Länder am Oberrhein hervorragende Künstler ansässig waren, zeigt die aktuelle Ausstellung "Jugendstil am Oberrhein. Kunst und Leben ohne Grenzen" , die das Badische Landesmuseum bis 9. August im Karlsruher Schloss zeigt.

Eine Fülle von Objekten aus der Zeit um 1900

Die Ausstellung spürt dem Jugendstil in der um 1900 eher heterogenen Kulturlandschaft Oberrhein nach. Wie im übrigen Europa, so gab es auch in Baden, im damals deutschen Elsass und rund um Basel keinen einheitlichen Stil, sondern unterschiedliche Ausprägungen einer neuen Auffassung von Gesellschaft und Kunst, die sich in der Abkehr von traditionellen Werten äußerte. Die Ausstellung bietet einen eindrucksvollen Überblick über die Vielfalt künstlerischer Techniken und Gestaltungsmöglichkeiten im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – und eine Fülle dekorativer Objekte fürs Auge. Mit 700 Exponaten von rund 80 Leihgebern werden vor allem Kunsthandwerk und Graphik, aber auch Malerei, Architektur, Mode und die Lebenswelt der Menschen um die Jahrhundertwende gezeigt.

Bekannte und neuentdeckte "Stars" der Jugendstilkunst

Vertreten sind in der Ausstellung einerseits Künstler der Region, die Rang und Namen hatten und haben – Max Laeuger beispielsweise, einer der bekanntesten Keramiker der Zeit, und Hermann Billing, dessen Bauten in Karlsruhe und Umgebung noch an vielen Stellen präsent sind. Dass die Architekten auch die Gestaltung der Innenräume aus einem Guss anstrebten, zeigen Billings von geometrischen Formen geprägte Entwürfe für Möbel, Holzvertäfelungen, Keramik und sogar Sofakissen. Ein Großteil der Jugendstilmöbel wird in Form kleiner „Musterzimmer“ präsentiert, die die typische Einrichtung einzelner Räume zeigen – der Veranda, des Speisezimmers und Salons, des Herrenzimmers, Schlafraums oder des intimen Boudoirs der Damen. Zu den elsässischen Stars der Möbelkunst zählte Charles Spindler, dessen Werkstatt in St. Léonard am Fuß des Odilienbergs mit ihren kunstvollen Intarsien weltweit bekannt wurde und von seinen Nachfahren bis heute betrieben wird.

Eine entscheidende Rolle unter den Graphiken spielte die Farblithographie, die Mitglieder des Karlsruher Künstlerbunds und der daraus hervorgegangenen Grötzinger Malerkolonie in einer hauseigenen Kunstdruckerei anfertigen ließen – ausdrucksstarke Bilder in reduzierter Formensprache. Ganz im Gegensatz dazu: Anton Seder, Leiter der Straßburger Kunstgewerbeschule. Mit seinen feingliedrigen Darstellungen auf Musterblättern lieferte er Vorlagen für Dekorationen mit Tier- oder Pflanzenmotiven. Selbst Krebse und Marabus werden in seinen Graphiken zum ästhetischen Schmuckelement. Laut Joanna Flawia Figiel, Kuratorin der Schau, ist Seders bedeutende Rolle im Straßburger Jugendstil eine der großen „Neuentdeckungen“, die bei den umfangreichen Forschungen zur Ausstellung zutage kamen.

Tapeten und Stoffe mit floralen Mustern

Über die prägnanten Persönlichkeiten hinaus lenkt die Ausstellung den Blick auf zahlreiche bisher unbekanntere Entwerfer und auf eine Vielzahl von Firmen, deren Produkte und Werbegraphiken im neuen Stil gestaltet waren. Einen besonderen Reiz versprühen Stoffe und Tapeten mit ihren zumeist floralen Dekoren. Überhaupt zählen Blumen neben Tieren und dem stilisierten, anonymisierten Menschen zu den häufigsten Motiven der Ausstellung und des Jugendstils im Allgemeinen. Vom Efeu bis zur Tulpe, von der Chrysantheme bis zur Mohnkapsel – unzählige Pflanzen lassen sich entdecken. Lieblingsblume der Zeit war die Iris. Als Sinnbild tugendsamer Standhaftigkeit konnte sie wie auf einem Gemälde des elsässischen Illustrators Jean-Jacques Waltz („Hansi“) auch zur Charakterisierung der Rolle der Frau dienen, die in der Jugendstilkunst von der zarten, ornamenthaften Mädchenfigur bis zur unersättlichen „femme fatale“ reichte.

Zur Ausstellung „Jugendstil am Oberrhein. Kunst und Leben ohne Grenzen“ im Badischen Landesmuseum Karlsruhe gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, das unter anderem Themen- und Kostümführungen und Exkursionen zu den Jugendstilgebäuden in Karlsruhe und der Region umfasst. Die Schau ist Teil einer Reihe von Präsentationen zum Thema „Oberrhein um 1900“, die 20 Museen in Baden, im Elsass und der Schweiz im Lauf des Jahres anbieten. Gefeiert wird damit das zehnjährige Jubiläum des Oberrheinischen Museumspasses, der mit einem europaweit einzigartigen Angebot aufwarten kann: 180 Museen in drei Ländern sind mit der Jahreskarte zu besichtigen. Da sollte es keinem Kulturinteressierten im Südwesten langweilig werden.

Sandra Eberle, Eberle

Sandra Eberle - Als freie Kunsthistorikerin ist es mein besonderes Anliegen, auch Nicht-Experten für Kunst und Architektur – und das, was ...

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