
- Die Koffer sind gepackt - Alipictures
Wer auswandert, verlässt seine Heimat in der Regel für immer. Dies können persönliche Beweggründe ebenso sein, wie politische oder wirtschaftliche, welche die Menschen veranlassen, alles hinter sich zu lassen. Alles, was ihnen bisher lieb und teuer war, geben sie ab, persönliche Beziehungen auf, um in einem anderen Land noch einmal von vorne zu beginnen und sich eine neue Heimat aufzubauen. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es regelrechte Auswanderungswellen. Diese Massenauswanderungen wurden hauptsächlich aus wirtschaftlich motivierten Gründen heraus ausgelöst. Vereinzelt gab es auch Emigrationen, die einen religiösen Ursprung hatten.
In beiden Jahrhunderten wurde für die Auswanderer nicht nur Amerika zum neuen Heimathafen, sondern es zog auch viele Menschen nach Osten. Ungarn, Rumänien und Russland waren bevorzugte Ziele. Man spricht heute noch von den Wolgadeutschen oder den Donauschwaben. Aber auch Australien wurde für viele der neue Zielort. Überall dort, wo die Deutschen sich niederließen, prägten sie die Geschichte des Landes mit. In manchen Ansiedlungsgebieten blieben die deutsche Sprache und die deutsche Kultur über viele Generationen erhalten, sie bildeten eigene Siedlungsgebiete, die von der einheimischen Bevölkerung isoliert lebten. Im 20. Jahrhundert emigrierten viele Deutsche nach Argentinien oder Südbrasilien, dort heißt zum Beispiel heute noch ein Landstrich „Neu-Württemberg“.
Wen zieht es heute in die Fremde?
Verließen früher die Menschen oft aus purer Not heraus ihre deutsche Heimat, um nicht zu verhungern und den Kindern eine gesichertere Zukunft zu geben, sind die Beweggründe heute weniger existenziell. Es ist in den meisten Fällen wohl die Lebensqualität, die der Einzelne für sich und seine Familie verbessern möchte. Der Arbeitslose, der in Deutschland sicher nicht verhungern würde, wandert aus, um seine ungenutzte Arbeitskraft, sein Wissen und Können, wieder einsetzen zu können. Er wartet nicht darauf, dass er von der Arbeitsagentur abhängig wird, er nimmt sein Leben selber in die Hand. Oder Handwerker und Akademiker verlassen das Land, weil sie sich für ihre oft langjährige Ausbildung nicht genug entlohnt sehen oder Ihnen die Freiheit zur Entfaltung ihres persönlichen Arbeitsfeldes fehlt. Ein Teil der Auswanderer ist sicher auch unter den Rentnern zu finden. Sie suchen in ihrem letzten Lebensabschnitt wohl eher das besser verträglichere Klima und die Sonne. Und dann gibt es mit Sicherheit auch die Menschen, die das Abenteuer suchen, festgetrampelte Pfade verlassen wollen, um neue Wege zu gehen.
Wege entstehen dadurch, dass man sie geht
Auswandern heißt auch gleichzeitig, in ein neues Land einwandern. Und diese Einwanderung ist das eigentlich Spannende am Auswandern. Die geebnete Bahn verlassen und neue Wege gehen, die noch nicht vorgefertigt sind, sondern die man sich selbst erschließt. Wie sagte schon Franz Kafka: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“. Viele träumen vom Verlassen ihrer festgetrampelten Pfade, wünschen sich einen freien Neuanfang, doch das Sicherheitsdenken, das in den meisten Menschen steckt, hindert sie daran, den Schritt in ein neues Leben zu wagen. Dies kann die vermeintlich gesicherte Altersversorgung sein oder die Betreuung und Versicherung im Krankheitsfall, und wer Kinder hat, macht sich sicher auch Sorgen um deren Schulbildung. Es sind somit die Sorgen, die als Vorwand genutzt werden, um nicht auszuwandern. Doch auch wer bleibt, bleibt von Sorgen nicht unbedingt verschont. Sie sind lediglich anders gelagert.
Wer sich allerdings dazu entscheidet, die geebnete Bahn zu verlassen und damit eine neue Tür aufstößt, kann sich sicher sein, dass die Spannung des Lebens auch ein neues Blatt beschreiben wird. Nicht nur der Alltag wird ein anderer sein, sondern die Brille des Lebens bekommt plötzlich ein neues Sichtfenster. Dabei spielt es keine Rolle, auf welchem Kontinent das neue Zuhause stehen wird, welche Sprache man dort spricht und welche Kultur dort gelebt wird. Die bisherige Sichtweise, zu sich selber, zu seinem Umfeld, zur alten Heimat, zu seiner eigenen Kultur, seinen Traditionen, seiner Religion, seiner Sprache, seinen Gewohnheiten, wird mit Sicherheit eine andere werden. Manches wird zur Nichtigkeit schrumpfen und anderes wird plötzlich einen Stellenwert erreichen, dem man bisher keinen Wert beigemessen hat. War man bisher zum Beispiel gewohnt, eine Behördenangelegenheit schnell und kompetent erledigt zu bekommen, kann dies am neuen Standort gerne zu einem mehrtägigen ungewohnten Aufwand werden. Dagegen wird aber wieder der unkomplizierte Umgang miteinander, im Privatleben oder am Arbeitsplatz, für manche Überraschung sorgen. Gelassenheit und Optimismus, Freude am Neuen und das Annehmen des Ungewohnten sind daher Voraussetzung, das Abenteuer Auswandern zu bestehen.
Das neue Umfeld aufgeschlossen annehmen
Entscheidend beim Einwandern in ein fremdes Land ist die Akzeptanz des neuen Lebens. Das bedeutet den gewohnten Maßstab in Deutschland zu lassen und sich den Meterstab der neuen Heimat aneignen. Dies gilt im Besonderen, wenn man in einen völlig anderen Kulturkreis einreist. Die Uhren laufen nicht überall gleich wie die berühmte Schwarzwälder Kuckucksuhr. Was nicht heißt, dass die neue Uhr schlechter läuft, sondern nur eben anders. Und an diese neue Uhr, an den neuen Meterstab, an die Gewohnheiten und Traditionen des neuen Umfeldes, an denen sollte man sich orientieren. Dies gilt im Privaten ebenso wie im geschäftlichen Bereich. Kinder verarbeiten dies meist viel leichter als Erwachsene. Für Kinder ist entscheidend, dass die Familie zusammen ist und hinter dem steht, was an Neuem auf sie zukommt.
Sicher ist es wichtig, die Sprache der neuen Heimat zu lernen. Nur über die Sprache erreicht man die Menschen, kann ihr Handeln und ihre Kultur verstehen. Und nur über die Sprache gelingt eine gute Integration. Das heißt aber nicht, dass man diese vorher schon in Deutschland vollständig lernen muss. Die Perfektion und die Aussprache lernt man am besten im jeweiligen Land durch die ständige Praxis. Vor allem Kinder sind hier völlig unkompliziert. Sie lernen von den neuen Freunden und in der Schule oder Kindergarten schneller, als in jedem angebotenen Kurs.
Hat man sich nun für das Abenteuer Auswandern entschieden, kann man über das Internet sehr gut Informationsmaterial zur neuen Heimat und deren Bestimmungen sammeln. Arbeitsplatz, Wohnung, Schule, dies lässt sich erfahrungsgemäß am Besten nur vor Ort regeln. Es empfiehlt sich daher, einen Notgroschen für die Übergangszeit bereitzuhalten. Viele derzeitigen Auswanderer halten sich daher ihren Rückzugsort Deutschland für ein paar Monate noch offen und geben diesen erst auf, wenn sie sicher an Ort und Stelle nach ihren Vorstellungen angekommen sind.
Quelle:
Auswandern im 18. und 19. Jahrhundert
20 Jahre eigene Erfahrungen.
