Authentizität: Identität und Glaubwürdigkeit

Von den modernen Schwierigkeiten, man selbst zu sein

Authentizität ist eines jener Schlüsselwörter der Moderne. Aber wie so oft beruht die Forderung nach Echtheit auf einem Dilemma.

Unsere moderne Gesellschaft beruht auf dem Prinzip gleichzeitiger Leistungssteigerung und -minimierung. In funktional ausdifferenzierten Kulturen nimmt die arbeitsteilige Spezialisierung immer weiter zu, die Bindungskräfte als gedachtes Großes und Ganzes demgemäß immer weiter ab. Immer mehr unüberprüftes Wissen steht zur Verfügung. Die Wissensbereiche wachsen, addieren sich aber nicht zu einem gesamtgesellschaftlichen Wissenszuwachs, den das einzelne Mitglied für sich in Anspruch nehmen kann – schlicht deswegen, weil er es individuell gar nicht mehr bewältigen kann. Darum generiert die Information in Sektor A in Sektor B bestenfalls Vertrauen, dass As Wissen B nicht schädigen wird. Wer dem nicht zustimmen mag, darf sich gern durch die aktuellen Ethikdebatten in der Gentechnologie eines Besseren belehren lassen.

Authentizität in der Informationsgesellschaft

Das Monopol für die abnehmende Bindungskraft nehmen heutzutage die Massenmedien wahr. Sie stellen Öffentlichkeit her, wobei unter Öffentlichkeit insgesamt all das fällt, was nicht zu den anderen gesellschaftlichen Expertenbereichen gehört. Eben darum heißt es ‚öffentliche Meinung’, nicht ‚öffentliches Wissen’. Und damit ist gerade nicht gesagt, dass die Medien ihre selbstverordnete Informationspflicht schlampig erfüllen. Es liegt in der Logik der Sache, dass die Hersteller und Abnehmer von Medieninhalten keinen beteiligten Einblick in das haben, worüber berichtet wird. Sonst wären sie keine Öffentlichkeit. Diese umfasst die Experten im Laiensein, Öffentlichkeit ist der Laienhort.

Wissen durch Massenmedien unterscheidet sich von früheren Formen in erster Linie durch seinen virtuellen Charakter. Noch schlimmer ausgedrückt: es ist nicht autoptisch. Man kann sich nicht selbst vergewissern (oder irren), ob im Irak noch Hundeleinen gebraucht werden, ob die Türkei ein demokratischeres Land geworden ist (oder wird), nicht einmal, was gerade zwei Querstraßen weiter vor sich geht. Es sei denn, man wäre gerade dort und säße jetzt nicht an diesem Text. Die Kehrseite der modernen Aufklärung ist ihr erhöhter Aufmerksamkeits- und Vertrauensbedarf. Wenn man sich auf andere verlassen muss, dann kann man nur versuchen, Hoffnungen in Vermutungen zu wandeln, dass diese anderen (die Experten) ihre Sache schon richtig machen.

Glaubwürdigkeit: Sachkompetenz und Verlässlichkeit

Glaubwürdigkeit umfasst zweierlei: Sachkompetenz und Verlässlichkeit. Beides wirkt immer zusammen und ist gleich wichtig; es ist ebenso unersprießlich, von wohlmeinenden Idioten wie von zynischen Technokraten regiert zu werden. Aber in der heutigen Wissensgesellschaft geht man viel eher davon aus, dass der öffentlich Beobachteter (als Experte) schon kompetent ist. Im Zweifelsfall weiß man es eben auch nicht besser. Dementsprechend ist nicht die Kompetenz das Problem, sondern die Verlässlichkeit.

Das Dilemma der Authentizität

Wie macht man seine Sache in der Öffentlichkeit aber nun richtig? Wie wirkt man glaubwürdig unter den heutigen Bedingungen? Es liegt auf der Hand, dass gerade die öffentlichen Handlungsträger par excellence, unsere Volksvertreter, dieser Frage höchste Priorität einräumen. Und ihre Antwort ist nicht leicht, denn dummerweise wandelt sich die öffentliche Wahrnehmung so rasch, dass sie völlig unvorhersehbar ist. Man hat es eben nicht mit konditionierbaren Hunden zu tun, die auf einen Schlüsselreiz hin den Speichel fließen lassen, auch (und gerade) dann nicht, wenn ganze Heerscharen von PR-Beratern, Demoskopen und spin doctors diesen Eindruck erwecken.

Authentische Politiker?

Schlimmer noch, die Öffentlichkeit weiß mittlerweile, dass die mediale Vermittlung eine eigene Art der Realität schafft, dass Politiker privat oder geheim anders reden als coram publico; Zustimmung erfährt nur derjenige, bei dem man dieses Wissen am besten ignorieren kann. Das Ausmaß dieser Ignoranz nennt sich Authentizität. Die Anforderungen an Authentizität haben mittlerweile irrsinnige Ausmaße angenommen; im Prinzip sind sie gar nicht zu bewältigen, denn hier spielen zwei Aspekte hinein, die man zwar analytisch trennen kann, die aber faktisch ein unentwirrbares Knäuel bilden;

a) Der Betroffene, der Authentizität für sich in Anspruch nimmt, soll so sein, wie er ist – ganz unverstellt. Er soll eine reale Person sein.

b) Der Betroffene, der Authentizität für sich in Anspruch nimmt, soll so wirken, dass er so ist, wie er ist. Er soll eine Medienfigur sein.

Sobald nun aber der Wirkungsaspekt ins Spiel kommt, also man vor Beobachtern echt sein soll, tritt ein Bewusstseinsmoment zutage; der Betroffene weiß, dass man ihn beim Echtsein begutachtet; und schon kann er automatisch nicht mehr so sein, wie er wäre, wenn er nicht vor Publikum aufträte. Die paradoxe Forderung besteht also darin, dass er in einer öffentlichen Situation sich privat verhalten soll. Und das ist unmöglich, deshalb so interessant. Eine Person vor Publikum ist ein Darsteller, und weil das Publikum damit nicht zufrieden ist, setzt es den Darsteller mit einem unaufrichtigen Schauspieler, das Anscheinende mit dem Scheinbaren gleich. Ein Großteil der Medienattacken auf die Privatsphäre verdankt sich diesem begeisterten Bemühen, hinter den Spiegel zu sehen, mit der Kamera ohne die Kamera zu beobachten, einen Darsteller als Person zu betrachten.

Literatur

Knaller, Susanne: Ein Wort aus der Fremde. Geschichte und Theorie des Begriffs Authentizität. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2007.

Nuri Ortak - Promovierter Pragmalinguist mit Schwerpunkt "Überzeugungskommunikation", Textlinguistik, Dialoggrammatik. Interesse an systemischen ...

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