
- Autismus vereinbar mit Ausbildung und Arbeit? - Stephanie Hofschlaeger
Wodurch unterscheidet sich Autismus von der so genannten Normalität? Der autWorker Johannes Drischel (siehe unten) erläuterte das sehr anschaulich: Bei Autisten ist die Software vertauscht. Wenn Autisten sich mit etwas beschäftigen, das sie außerordentlich interessiert, sind sie ganz emotional und vertieft bei der Sache. An Sozialkontakte indes gehen sie sachlogisch heran, indem sie eine erlernte To-do-Liste abhaken: Ich muss
- "Guten Tag" sagen,
- meinem Gegenüber in die Augen sehen, allerdings nicht zu lange,
- mich mit einer Floskel nach dem Wohlbefinden des anderen erkundigen und auf dessen Gegenfrage mit einem knappen "Gut" antworten,
- den Smalltalk aufgreifen und ihn nach Möglichkeit auf ein Thema lenken, von dem ich etwas verstehe, dann jedoch dem anderen keinen Fachvortrag halten, sondern oberflächlich und knapp bleiben ...
Im Berufsbildungswerk im Potsdamer Oberlinhaus werden aktuell 52 junge Menschen mit Autismus ausgebildet oder nehmen an einer berufsvorbereitenden Maßnahme teil. Am 2. April 2011 trafen sich dort jedoch gut 300 Menschen zum 3. Autismustag. Autisten selbst, deren Angehörige, Fachleute und Vertreter von Selbsthilfegruppen kamen in Vorträgen zu Wort. Darüber hinaus hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich auf einer Infobörse bei Selbsthilfegruppen, Elterninitiativen, Bildungsträgern, Verlagen und anderen Projekten, die sich mit Autisten und Autismus beschäftigen, über die Angebote zu informieren. Parallel wurde eine Kunstausstellung mit Werken autistischer und nicht autistischer Künstler unter dem Motto "Immer innen – auch außen" eröffnet.
Autismus und Ausbildung
Die Vorsitzende des Landesverbandes Autismus Brandenburg Martina Reinke, Mutter eines 15-jährigen Sohnes mit frühkindlichem Autismus, berichtete von dem langen Weg zur Diagnose und den Schwierigkeiten, eine passende Schule zu finden und ihren Besuch genehmigt zu bekommen. Die Burgdorfschule in Fürstenwalde, die der Junge seit nunmehr 8 Jahren besucht, ist geeignet, die Übernahme der Kosten für die täglichen 30 Kilometer Fahrt mit einem Fahrdienst dorthin und wieder nach Hause muss jedoch Schuljahr für Schuljahr neu erkämpft werden, denn es gibt eine Förderschule am Wohnort, wenngleich keine gut geeignete. Das Argument der Gegenseite lautet: Ihr Sohn hat das Recht auf eine adäquate Ausbildung, aber nicht auf die beste.
Autismus und Arbeit
Viele erwachsene funktionierende Autisten sind trotz sehr guter Qualifikationen und Bildungsabschlüsse arbeitslos. Hajo Seng berichtete von der autWorker-Genossenschaft, deren Ziel die Schaffung von Arbeitsplätzen für Autisten ist. Durch Aufklärung der Öffentlichkeit über spezielle Fähigkeiten von Autisten sowie Beratung Arbeit suchender Autisten einerseits und Schaffung von mit Autismus kompatiblen Arbeitsplätzen andererseits wird die Integration autistischer Spezialisten in den Arbeitsmarkt angestrebt. Auf Grund der Tatsache, dass viele Unternehmen zunehmend hoch spezialisierte Fachkräfte benötigen und viele Autisten in Bereichen ihrer Spezialinteressen Hochleistungen erbringen, entstehen echte Win-win-Situationen. Erste respektable Erfolge gibt es bereits. Von dem autWorker Johannes Drischel etwa stammt das Konzept emoflex zur Stressbewältigung.
Autismus und Integration/ Inklusion
Carsten Donath, Asperger Autist mit gleichzeitigem ADHS, führte ein sehr amüsantes Zwiegespräch mit der Autismus- und ADHS-Expertin Astrid Maria Robbers. Sie gingen verschiedene diagnostische Kriterien durch und stellten fest, viele treffen auf beide Syndrome zu, zum Autismus allerdings gehören einige mehr. Und wie viel Andersartigkeit verträgt unsere Gesellschaft? Carsten Donath als Verkörperung der zwei ineinander übergehenden Spektren ist im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses erfolgreich als Heilpädagoge tätig.
Integration ist jedoch allzu oft vom Zufall bestimmte Glückssache. Paul Kötz, 20-jähriger Asperger Autist, begann seine Bildungskarriere an einer Förderschule und wechselte nach zwei Jahren an die Regelschule. Später am Elitegymnasium – Autismus bedeutet mitnichten zwangsläufig Dummheit – erreichte er jedoch keinen Schulabschluss, weil das Mobbing seiner Mitschüler ihn vor dem Ende der 10. Klasse mit schweren Depressionen in die Psychiatrie trieb, wo er zum ersten Mal in seinem Leben Freunde fand. Zur Zeit absolviert er im Berufsbildungswerk im Oberlinhaus eine Ausbildung zum Bürokaufmann.
Autismus und Selbsthilfe
Autismus und Selbsthilfe schließen sich keineswegs aus. Viele Autisten benötigen entgegen anders lautender Vorurteile keine Angehörigen, Ärzte oder Therapeuten als ihr Sprachrohr. Das beweist neben der autWorker eG auch der Aspies e.V. Der war auf der Infobörse mit einem Stand vertreten und sein Gründer Rainer Döhle stellte die Anthologie "Risse im Universum" vor, erschienen 2010 im Weidler Verlag, mit Lebensberichten von Menschen aus dem Autismusspektrum.
Eine weitere Buchlesung gestaltete Katja Carstensen, Künstlerin, Asperger Autistin und Mutter von fünf inzwischen erwachsenen Kindern. Ihrem Buch über Sexualität und Partnerschaft von Asperger Autisten hat sie folgende Worte über NTs, wie Autisten neurotypische Menschen scherzhaft nennen, vorangestellt: "Das neurotypische Syndrom ist eine neurobiologische Störung. Die Symptome sind: Übertrieben geselliges Verhalten, Überlegenheitswahn und eine Fixierung auf Konformität. NTs können nicht gut alleine sein. NTs sind oft intolerant. In Gruppen agieren NTs zwanghaft und bestehen oft auf funktionsgestörten, destruktiven und sogar unmöglichen Ritualen, nur um die Gruppenidentität aufrecht zu erhalten. NTs haben ein Problem, direkt zu kommunizieren und lügen viel mehr als Personen aus dem autistischen Spektrum. Tragischerweise haben 9.625 von 10.000 Menschen NT."
Dieser Artikel ist keine Zusammenfassung der Vorträge, sondern gibt Eindrücke vom 3. Autismustag in Potsdam wieder, die Autismus und das Unverständnis, auf das Autisten und ihre Angehörigen im Alltag oft stoßen, illustrieren. Die Autorin war Besucherin der Veranstaltung.
Bildnachweis: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de
